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Marilyn Manson: Schockierend aus der Lebenskrise

Sänger Marilyn Manson ist der Albtraum der amerikanischen Konservativen und will das auch sein. Er provoziert mit gewaltvollen Texten. Doch die zentralen Themen seines neuen Albums sind andere: Lebenskrisen, Einsamkeit und Lebensüberdruss.

Marilyn Manson ist ein Meister der Selbstinszenierung: Für die Präsentation seines neuen Albums "Eat Me, Drink Me" hat sich der Rocker eine heruntergekommene, alte Villa im Berliner Nobel-Vorort Grunewald ausgesucht. Das einst herrschaftliche Anwesen verwandelt sich für einen Abend in die "Villa Marilyn Manson". Haus und Garten sind in gespenstisches, rotes Licht getaucht, die Räume werden nur von einigen Kerzen spärlich beleuchtet. Vor den Fenstern hängen schwere Samtvorhänge, die Wände sind mit blutroter Farbe bespritzt, überall stehen ausgestopfte Tiere herum. Über einem Klavier hängt ein Bild vom Meister höchstselbst: Marilyn Manson, der wegen seiner brutalen Texte berüchtigt ist, schaut den Besucher durch seine gruseligen Kontaktlinsen an und streichelt gedankenverloren eine Katze.

Wenig später nimmt der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Brian Hugh Warner heißt, persönlich unter seinem Bildnis Platz: Wie immer ganz in Schwarz gekleidet und bleich geschminkt betritt Manson den Raum durch eine Seitentür. Fast schüchtern lässt er sich in einem dunklen Ledersessel nieder und erzählt den rund 80 geladenen Gästen von einer schweren Lebenskrise, von Einsamkeit, Lebensüberdruss - und einem neuen Anfang. Der 38-Jährige hat im vergangenen Jahr einiges mitgemacht. Vor allem die Trennung von seiner Frau Heather Sweet, die sich als Nacktmodel Dita von Teese nennt, scheint Manson tief getroffen zu haben.

Sweet hatte im Dezember nach einem Jahr Ehe und vierjähriger Beziehung die Scheidung eingereicht. "Ich war sehr niedergeschlagen", berichtet Manson. Er sei nach der Trennung in eine tiefe Depression gefallen, habe sogar mit Selbstmordgedanken gespielt. "Manchmal ist es leichter, sterben zu wollen, als leben zu wollen", philosophiert der Rocker. Wer sterben wolle, habe wenigstens ein Ziel vor Augen. Doch Manson hat sich wieder aufgerappelt: "Ich habe durch dieses Album meine Identität als Person wiedergefunden", verkündet er. Neben der Musik hat ihn vor allem seine neue Freundin, die Schauspielerin Evan Rachel Wood, aus der Lethargie gerissen. Die 19-Jährige wurde durch ihre Rolle in dem Film "13" bekannt.

Und Marilyn Manson scheint sich ausgerechnet nach einer Romanze wie im Film gesehnt zu haben: "Ich habe mir immer wieder Filme wie 'True Romance', 'Bonnie und Clyde' oder 'Harold und Maude' angesehen", erzählt er. "Und ich habe mich gefragt: Warum habe ich so etwas noch nie erlebt?" Seine neue Freundin beschreibt Manson als Seelenverwandte. "Durch sie habe ich mich wieder wie ich selbst gefühlt", erzählt er, und lächelt seiner Liebsten zu, die sich zeitweise neben ihm am Klavier räkelt. Das blonde Mädchen trägt eine Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern - wie die Lolita in Kubricks Nabokov-Verfilmung. Diese Brille habe ihn zu dem Song "Heart-Shaped Glasses" inspiriert, berichtet Manson. Im Video zur ersten Single sind Wood und die Brille ebenfalls zu sehen. Und wie sich das für Marilyn Manson gehört, ist der Clip mal wieder für einen kleinen Skandal gut: Im Video haben die beiden Sex und es fließt viel Blut. Die unzensierte Version zeigt MTV nur im Nachtprogramm.

Inspiriert vom Kannibalen von Rothenburg

Neben Nabokovs Lolita nennt Manson noch andere illustre Vorbilder. Vor allem der Schriftsteller Lewis Carroll hat es ihm angetan. Über den Autor von "Alice im Wunderland" plant Manson sogar einen Film. Auf dem neuen Album bezieht sich der Song "Are You The Rabbit?" auf das weiße Kaninchen, das Alice in die traumartige Unterwelt führt. Eine andere Inspirationsquelle sei der "Kannibale von Rothenburg" gewesen, berichtet Manson. Diese "Romanze" habe ihn sehr fasziniert. Gleichzeitig beteuert Manson, dass "Eat Me, Drink Me" sein bisher persönlichstes Album sei. Der erste Song "If I Was Your Vampire" sei wie ein Tagebucheintrag zu verstehen: Er habe ihn um 6 Uhr am Weihnachtsmorgen geschrieben - unmittelbar nach der Trennung von Dita von Teese. In den elf hasserfüllten Songs hat Manson die gescheiterte Beziehung verarbeitet: Sie sind mal finster, mal aggressiv. Es geht um Wut, Einsamkeit und Verletzungen.

In "Mutilation Is The Most Sincere Form Of Flattery" singt Manson am Ende immer wieder "Fuck you". Musikalisch hat sich der Rocker allerdings nicht gerade neu erfunden: In seinen Texten geht wie immer um Tod und Gewalt - und in fast jedem Song lässt er dramatische Metal-Gitarren aufheulen. Manchmal klingt das verdächtig nach schwülstigem 90er-Rock, manchmal mogeln sich auch ein paar poppige Melodien dazwischen ("Just A Car Crash Away"). Wenn es nach Manson selber geht, ist "Eat Me, Drink Me" jedenfalls nicht nur seine persönlichste, sondern auch seine bisher beste Platte: "Ich hatte meine Fähigkeiten als Sänger und Songwriter nie ganz ausgeschöpft", sagt er und steht auf. Er erhebt die Hand zu einem scheuen Gruß und schlurft mit gebeugten Schultern zur Tür. Die Vorstellung ist zu Ende.

Fides Middendorf/AP / AP