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Myspace & Co.: Talentscouts auf Webtour

Lily Allen, Mina und Colbie Caillat, das Internet dient inzwischen regelmäßig als Geburtshelfer der Stars von morgen. Das weiß auch die Musikindustrie und schickt ihre Nachwuchsscouts über Seiten wie YouTube, MySpace und Co.

Von Heike Fauser

Talentschuppen Internet: Youtube, MyVideo, MySpace - die Präsentation junger Nachwuchstalente auf den großen Video-Portalen und Social-Networking-Seiten führt heutzutage gern mal zum Plattenvertrag. Lily Allen aus Großbritannien ist dies widerfahren oder der 14-jährigen Mina in Deutschland mit ihrem Song "How the Angels fly". Und natürlich auch den Jungs von Arctic Monkeys. Sie sind schon so etwas wie die Urväter der webgezündeten Musikkarriere. Fest steht: Nicht nur die Fans profitieren von der Masse kostenlosen Liedguts, auch die Plattenfirmen nutzen die wachsende Lust an der Selbstdarstellung im virtuellen Raum, um neue Talente zu entdecken.

Einer dieser Stars aus der MySpace-Gemeinde ist die Sängerin Colbie Caillat. Bereits seit ihrem elften Lebensjahr wusste sie, dass sie Sängerin werden will. Inspiriert wurde die Amerikanerin von der Fugees-Fronfrau Lauryn Hill. Colbie Caillat schreibt ihre Songs selbst und fotografiert leidenschaftlich gerne. Im stern.de-Interview zeigt sie sich fröhlich, natürlich, bodenständig und selbstbewusst. Keine Spur von irgendwelchen Starallüren. Und ein wenig erinnert ihr Aussehen an die amerikanische Schauspielerin Jennifer Aniston. "Das habe ich schon oft gehört", sagt Colbie.

Ihre Geschichte könnte man fast schon "klassisch" nennen: Eine junge Frau präsentiert ihre selbstgeschriebenen und vom Vater mitproduzierten Lieder auf einer Internetplattform. Die Popnummer "Bubbly" wird millionenfach angehört und die (inzwischen) über 14 Millionen Besucher auf ihrer MySpace-Seite überzeugen die Plattenbosse von Universal, die 22-Jährige unter Vertrag zu nehmen. Die Erfolgsgeschichte geht weiter: In ihrem Heimatland USA wird ihr Album "Coco" über eine Million Mal verkauft, das amerikanische Rolling-Stone-Magazin erklärte sie für talentiert und sexy.

Jetzt ist Colbie dabei, mit ihrer sanften Stimme auch Deutschland zu erobern. Ihr Song "Bubbly" platziert sich unter die Top Ten der deutschen Charts, er dudelt auf den Hitradios rauf und runter. Gerade hat sie ihre Clubtour, die sie durch vier deutsche Städte führte, beendet. Schnell hat sie sich auch in Deutschland eine Fangemeinde aufgebaut - fast jeden Abend spielte sie in ausverkauften Häusern, sie trat in der Sat1-Show "Nur die Liebe zählt" auf.

Aus Spielerei wurde Plattenvertrag

Das alles nahm seinen Anfang vor zwei Jahren, als sie durch einen Freund auf MySpace aufmerksam geworden ist: "Mein Kumpel hatte mir zum ersten Mal davon erzählt und wollte, dass ich mich anmelde. Ich kannte mich damit überhaupt nicht aus, also meldete er sich für mich an", sagt Caillat. Und dann wurde auch die Plattenindustrie auf sie aufmerksam: "Durch Zufall wurde einem A&R von uns die MySpace-Seite von Colbie Caillat geschickt. Dieser war von ihr begeistert und hatte sich direkt an ihr Management gewendet. Colbie hat sich dann für uns entschieden", erklärt Anshana Mtoro, Produkt-Managerin bei der Plattenfirma Universal-Deutschland.

Ein interessanter Paradigmenwechsel hat offensichtlich in den Management-Etagen der Plattenfirmen stattgefunden. Haben jahrelang die Manager der Plattenindustrie das Internet für horrende Umsatzverluste bei den Tonträgerverkäufen verantwortlich gemacht, wissen sie mittlerweile die Vorzüge der sozialen Netzwerke für sich gewinnbringend zu nutzen. "Die unbestechliche und demokratische Meinung der Fans und User zählt und selektiert einen wirklich guten Künstler im Endeffekt schon vor", sagt Kai Wagner, Leiter der Online-Promotionsabteilung von Universal. "Wenn es ihr Community Profil nicht gegeben hätte, dann hätten wir eine Künstlerin wie sie nicht veröffentlichen können. Und die Fans haben recht bewiesen - Colbie Caillat ist bei uns in diesem Jahr der erfolgreichste internationale Newcomer", so Wagner.

Das bessere Demoband

Und auch bei der Auswahl haben Musikmanager dazu gelernt: Vorwiegend wird nicht mehr auf Eintagsfliegen wie Grup Tekkan mit ihrem "Sonnenlischt" gesetzt, die vor allem durch die Skurrilität ihres Auftritts glänzten statt durch solide Gesangskenntnisse. Nachhaltigkeit ist das neue Zauberwort auch in der Musikindustrie, auf Qualität des Angebots wird gesetzt. Und für die Selektion bietet eine MySpace-Seite einfach viel mehr Präsentationsmöglichkeiten als das gute alte Demotape. "Wir benutzen MySpace gerne, da es unter Umständen ein Gradmesser für die Popularität eines Künstlers sein kann und der standardisierte Aufbau der Seiten ein angenehmes Arbeiten ermöglicht", sagt Siegfried Schuller, der bei Universal nach neuen Talenten fahndet. "Am Tag gehen bei uns rund zehn Demotapes ein. Natürlich hören wir uns auch die Sachen an. Aber wir sind gerade dabei, eine webbasierte Plattform für Demosongs zu entwickeln", sagt Schuller.

Ob so ein selbstgestricktes Portal der Plattenfirmen allerdings die globale Macht von MySpace ersetzen kann, ist fraglich. Schließlich sind dort über hundertachtzig Millionen Mitgliedern registriert. Und den Talente-Jägern geht es nicht nur darum, gezielt passendes Songmaterial zu finden, auch diverse Referenzen wie Besucherzahlen, Freunde oder die Anzahlen aller abgespielten Plays können auf den Seiten entnommen und analysiert werden. Im Fall von Colbie Caillat führte genau dieser dichte Kommunikationsaustausch ihrer Fans dazu, dass nicht nur die Plattenfirma Universal, sondern auch die Medien Interesse an ihr zeigten.

Bessere technische Qualität, aber Mundpropaganda wie in alten Zeiten

Eine standardisierte Vorgehensweise, wie man aus MySpace Künstler auswählt, gibt es nicht. Im Prinzip ist es wie mit einem Demotape: "Wir bekommen meistens Web-Links von Managements zugeschickt oder jemand ruft an und sagt, er möchte gerne seinen Myspace-Link durchgeben. Oder unsere eigenen Bands empfehlen andere Newcomerbands weiter. Oft ist es dadurch schon zu Verträgen gekommen. Ich sage immer, dass unsere Bands die besten A&Rs sind, weil sie sich einfach besser in einen Künstler hineinversetzen können", sagt Schuller.

Haben A&Rs einen potenziellen Künstler aus dem Internet entdeckt, folgt ein persönliches Treffen. Colbie Caillat erinnert sich daran: "Ich wurde angerufen und musste zu einem Gespräch nach New York fliegen. Danach ging alles ganz schnell. Anfangs hatte man noch überlegt, ob ich nicht andere Songs singen sollte, aber da meine Lieder zum damaligen Zeitpunkt sehr verbreitet und erfolgreich waren, kam dies nie zustande." Colbie glaubt, dass sie auch ohne MySpace einen Plattenvertrag bekommen hätte: "Es hätte aber wesentlich länger gedauert."

Ohne MySpace hätte es länger gedauert

Dabei hätte es die seit zwei Monaten liierte Musikerin vermutlich einfacher gehabt, unter Vertrag genommen zu werden als andere Neulinge in diesem Geschäft. Immerhin produzierte ihr Vater, Ken Caillat, seinerzeit die Fleetwood-Mac-Alben "Rumours" und "Task". Colbie Caillat bestreitet jedoch, es leichter gehabt zu haben: "Meine Eltern wollten mir nie in dieser Sache etwas vorschreiben. Mein Vater hatte sich zwar mit Leuten von verschiedenen Plattenfirmen getroffen, aber daraus ist nichts geworden. Klar, ich konnte singen, aber ich war vielleicht zu jung und zu schüchtern." Heute braucht sie sich darüber keine Gedanken mehr zu machen. Ihr Song ist in den Charts vertreten. Trotz Plattenvertrag klickt sie weiterhin auf ihre MySpace Seite. "Allerdings schaffe ich es nicht mehr, alle Mails persönlich zu beantworten", gesteht sie.