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Kommentar

Social-Media-Trauer: "2016, was bist du nur für ein Jahr ...!?" - Äh, ein ganz normales?!

Prince ist tot - und in den sozialen Medien wird mal wieder flächendeckend getrauert. Die Häufung der prominenten Todesfälle in der letzten Zeit veranlasst viele, 2016 als besonders grausames Jahr zu verdammen. Was für ein Quatsch!

Prince

Weltweite Trauer um Ausnahme-Popstar Prince: Kerzen und Blumen vor dem Apollo-Theater im New Yorker Stadtteil Harlem

"Ach du Scheiße!" - "Jetzt auch noch Prince?!" - "Das darf nicht wahr sein!" - "Es ist langsam gut, 2016!" - "Was bist du nur für ein Jahr!?" Prince ist tot, und das digitale Kondolenzbuch quillt mal wieder über. Eigentlich ganz schön, dass jeder auf diese Weise den Tod des großen Pop-Visionärs verarbeiten kann. Aber der Reflex, dass aufgrund der Häufung prominenter Todesfälle jeder auf das vermeintlich besonders morbide Jahr 2016 schimpft, ist der nervtötendste Trugschluss seit langer Zeit. Die Antwort auf die Frage "2016, was bist du nur für ein Jahr?" muss lauten: Ein ganz normales!

Es ist wie so häufig mit nervtötenden Trugschlüssen in den sozialen Medien: Einer postet Quatsch, der nächste klaut den Quatsch und verkauft ihn als selbstgemachten Quatsch, der Dritte teilt den geklauten Quatsch und so weiter. Fertig ist der neueste allgemeingültige Quatsch!

Dass sich die Mär vom gefährlichen 2016 so hartnäckig hält, hat zudem mit dem Gefühl zu tun, dass sich die Einschläge bei den Helden einer noch relativ jungen Generation mehren: Lemmy, Bowie, Glenn Frey, jetzt Prince - die Kinder der 70er und 80er beklagen vermehrt den Verlust ihrer größten Idole. Dabei gibt es fast jedes Jahr zu viele Tote unter den Großen zu beklagen: zum Beispiel Joe Cocker, Udo Jürgens oder Robin Williams (alle 2014), Whitney Houston, Robin Gibb oder Larry Hagman (2012), Elizabeth Taylor, Amy Winehouse oder Loriot (2011).

Prince: Nächster Todesfall im ach-so-bösen Jahr 2016

Wir sollten uns besser daran gewöhnen: Die Abschiede der Großen werden in den nächsten Jahren nicht weniger werden. Indem wir über das ach-so-böse 2016 jammern, versuchen wir diese Realität zu verdrängen. Auf Dauer wird das nicht gelingen.

Das beste Mittel gegen den viralen Trauer-Quatsch wäre die Rückkehr zum stillen Gedenken. Es möge sich nur noch äußern, wer wirklich etwas zu sagen hat über den Toten - so wie Justin Timberlake mit seinen bewegenden Abschiedsworten für Prince. Oder der Freund, der bei Facebook eine kleine Geschichte darüber aufgeschrieben hat, wie er in der Dorfdisko zu "Purple Rain" die Frau seines Lebens zum ersten Mal geküsst hat.

Überflüssig mögen dagegen ab sofort bitte alle austauschbaren Tweets sein: dass Gott sich da aber gerade eine geile Band zusammenstellt; dass XY wirklich einer der ganz, GANZ Großen war; was für ein trauriger Tag; thank you for the music.

Trauer ist gut, gemeinsame Trauer sogar besser. Aber bitte nur noch, wenn sie ehrlich gemeint ist - Schluss mit dieser eitlen (Selbst-)Mitleidsnummer! Kein WTF, kein OMG, kein weinender Smiley, kein Lemmy-Bowie-Prince-es-reicht-langsam-Unsinn mehr! Dann erkennen wir 2016 vielleicht endlich als das an, was es ist: ein ganz normales Jahr. In all seiner Schönheit und Gemeinheit.

P.S.: Apropos Lemmy: Sein Tod mag sich für uns so verdammt nach 2016 anfühlen, tatsächlich ist er aber schon am 28. Dezember 2015 von uns gegangen. WTF! Verdammtes 2015, was warst du nur für ein Jahr?! Es reicht langsam!

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