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Rock im Park: Der Dreck bleibt draußen

Das Musikfestival Rock im Park hat das Unmögliche geschafft: Das verschlammte Nebeneinander des ersten Deutschland-Spiels der Fußball-Europameisterschaft, Metallicas Monstershow und Pete Dohertys professionelles Torkeln am Abgrund. Ein Bericht aus Nürnberg.

Von Sophie Albers

Es hat etwas von einem Jump-and-Run-Spiel: An die sieben mehr oder weniger strenge Sicherheitsschleusen gilt es zu überwinden, tumbe Ordnungskräfte zu überzeugen, Fäkalienpfützen und Müllhaufen zu überspringen, Versuchungen verschiedenster Art zu widerstehen, immer wieder den richtigen Schlüssel bei sich zu tragen und schließlich noch eine große Portion der völlig überschätzten Tugend Geduld. Dann steht man leibhaftig vor ihnen: Die Metalgötter Metallica, die Urväter des Speed- und Thrashmetal, sind zum vierten Mal bei Open-Air-Doppelpack Rock am Ring/ im Park, um die Rocker aller Länder zu vereinigen.

Es ist der dritte und letzte Tag bei Rock im Park in Nürnberg, der vormals kleineren Festivalnummer, die dem Ring aber langsam den Rang abläuft. 85.000 Musikfans haben voller Elan im Schlamm gefeiert, in den am Samstag sogar Hagelkörner schlugen. Die Tickets waren seit Wochen ausverkauft, schneller als je zuvor. Doch nun, da auch der letzte Zeltboden durchgeweicht, und nicht mehr klar ist, wo die Haut aufhört, und wo der Dreck beginnt, haben die Müllberge und überquellenden Dixi-Klos den Witz des "einmal im Jahr so richtig stinken" verloren. Zeit für die Heimfahrt. Immerhin endet der letzte Abend mit einem großen Knall - und das hat nicht nur mit Rock'n'Roll zu tun.

Von Pete bis Podolski

Zeitgleich treten am Sonntag die Größten ihres Faches an: die freundlichen Herren von Metallica, der Drogenprominente Pete Doherty mit den Babyshambles sowie der grinsende Torwart-Albtraum Lukas Podolski mit der deutschen Elf. Während die Metal-Titanen die kalte Eleganz der perfekten Monstershow demonstrieren, torkelt Doherty sein übliches "Ich kann auch sturzbetrunken Gitarre spielen"-Solo, und Poldi versenkt gleich zwei Mal den Ball im polnischen Tor beim ersten Spiel der Deutschen bei der Fußball-EM - zu sehen auf einer eigenen Bühne.

Anders als die Karriereküken Doherty und Podolski sind Metallica nach einem Vierteljahrhundert im Geschäft mit mehr als 100 Millionen Alben zu Verwaltern ihres Ruhms geworden. Sie haben Geschichte geschrieben mit irrwitzigen Gitarrensoli, monumentalem Bassdrum-Gewummer und dröhnend-düsteren Wahrheiten aus der Kehle von James Hetfield. Daran gilt es die Fans zu erinnern, von denen einige ihr Band-Shirt allerdings bei H&M erstanden haben und "Nothing else matters" für den ersten großen Hit der US-Band halten.

Neues Album, aber pssst

Da zickt sogar der Wettergott: Als Sänger Hetfield im VIP-Gebäude des Easy-Credit-Stadions - hier machen sich sonst die höheren Vereinsbosse auf ihren Logenplätzen bei Spielen des 1. FC Nürnberg breit - die Treppe herabschwebt, um Journalisten mit Einblicken in das Leben als Legende zu beglücken, grollt vor der Tür der Donner. Während Metallica in voneinander abgetrennten Kabinen Interviews geben, gehen auf die nur stellenweise geschützten Körper der Rock-im-Park-Besucher immer wieder Regenschauer nieder. Zum perfekten Zwei-Stunden-Auftritt um 21 Uhr auf der Centerstage fährt die Band in der Limo. Kein Matsch an den Schuhen der Megastars. Der Dreck bleibt draußen.

Und das auch innerhalb der Band: Nach all dem Ärger in der schwierigen Entstehungszeit des Albums "St. Anger" zeigen sich Gitarrist Kirk Hammett, Drummer Lars Ulrich und Bassist Robert Trujillo nun als gut gelaunte, freundliche Menschen, die wirklich glaubhaft miteinander scherzen. Objekt der Vermarktung ist das für den Herbst angekündigte neue Album, über das aber noch nicht geredet werden darf. Nur so viel wurde in Insiderkreisen bekannt: Es sei eine Rückkehr zu den härteren Wurzeln.

Die sind hier aber gerade nicht Thema: Während der eine über die Kunst des Gitarrensolos meditiert, der andere Talentpunkte verteilt, und der Nächste vor dem Gebäude ausharrenden Fans Platten signiert, findet der wahre Rock draußen statt. Das Monster ist im VIP-Bereich nicht zu finden, das hier ist Geschäft. Dann doch lieber zurück in den Matsch. Dusche gibt's morgen. Das findet bestimmt auch Pete Doherty.