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Bestes Web-Projekt "Du hast es verdient!" – Nannen Preis für Youtuber Rezo

Youtuber Rezo
Mit "Die Zerstörung der CDU" gelang Youtuber ein Hit – nun hat er für seinen Beitrag den Nannen Preis 2020 erhalten
© DPA
Nannen Preis für Youtuber Rezo. Für sein Video "Die Zerstörung der CDU" erhält der 27-Jährige einen der begehrten "Oscars des Journalismus". Ein Juror begründet seine Entscheidung mit der "frischen, unterhaltsamen und zugleich fundierten Art, politische Themen aufzubereiten".

Ein Nannen Preis für einen Youtuber? Ja, sagt die Jury. Rezo bekommt für sein Video "Die Zerstörung der CDU" eine der begehrten Trophäen, und zwar als bestes Web-Projekt. Auch Philosoph und Autor Richard David Precht hat für Rezo gestimmt. Er sei  "tief beeindruckt von seiner frischen, unterhaltsamen und zugleich fundierten Art, politische Themen so aufzubereiten, dass es auch Jüngere in den Bann schlägt", sagt Precht. "Natürlich haben wir diskutiert: Ist das Journalismus oder Aktivismus? Aber mal Hand aufs Herz: Waren die Urgesteine des 'alten' Journalismus nicht auch Aktivisten? Ob Augstein, Dönhoff oder Fest? Weltanschaulich neutral war da niemand und deshalb finde ich: Rezo, du hast es verdient!"

Der Preisträger selbst habe mit der Auszeichnung nicht gerechnet, schrieb Rezo bei Twitter. "Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich geehrt fühle, den Nannen Preis erhalten zu haben."

Eigentlich wollte Rezo ja niemanden "zerstören", also vollständig kaputt machen. "Zerstören", das meint im Youtube-Jargon eigentlich eher sowas wie: jemanden mit Argumenten auseinandernehmen.

Das Video "Die Zerstörung der CDU" war in gewisser Weise beides: eine mit unzähligen Quellen belegte Abrechnung mit der Volkspartei – und zugleich eine "Zerstörung" im ursprünglichen Wortsinn. Zwar vernichtete es nicht die gesamte CDU, wohl aber viele vermeintliche Gewissheiten der Volkspartei.

Rezo zerstörte vermeintliche Gewissheiten der CDU

Jene zum Beispiel, dass Politik vorwiegend auf Parteitagen, an Ständen in der Fußgängerzone oder über Interviews in etablierten Medien gemacht wird. Oder jene, dass sich die Fridays-for-Future-Generation mit Kompromissen zufrieden gibt – wie es all die Jahrzehnte bundesrepublikanische Praxis war. Die alten Muster erwiesen sich als untauglich für die neue Zeit – das war eine der Lehren, die die CDU aus dem "Zerstörungsvideo" ziehen musste.

Am 18. Mai 2019 lud Rezo seinen rund einstündigen Clip hoch, es war die Woche vor der Europawahl – in der Folge ging das Video "viral". Zu einer Zeit, in der an die Bedrohung durch echte Viren noch kaum einer dachte. Das Video wurde bei Facebook gepostet, per Whatsapp geteilt, per E-Mail verschickt. Vor dem Wahltermin wurde es mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen. Es hat die Youtube-Blase verlassen und geriet zum (PR-)Desaster für die CDU.

Dezidiert warf Rezo den Christdemokraten darin unter anderem vor, beim Klimawandel untätig zu sein, Politik für Reiche zu machen und "krasse Inkompetenz" beim Thema Urheberrecht und Drogenpolitik an den Tag zu legen. Seine Behauptungen untermauerte er mit Studien sowie Publikationen von Stiftungen und Medien – sie gipfelten in dem Aufruf, bei der Europawahl unter anderem nicht die CDU zu wählen.

Die Partei versuchte zunächst, die Vorwürfe mit einem mehrseitigen PDF-Dokument zu widerlegen. Als dies nicht verfing, kündigte man im Konrad-Adenauer-Haus eine Videoantwort von Polit-Shootingstar Philipp Amthor an – was in der Netzgemeinde schon vor der geplanten Veröffentlichung für Belustigung sorgte. Der produzierte Clip wurde nie gezeigt, stattdessen verstieg sich Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer in Forderungen nach "Regeln" für "Meinungsmache vor der Wahl". Es waren verzweifelte, ja hilflose Abwehrversuche. Die Debatte entglitt der CDU-Führung zusehends.

Die Quittung für die Union gab's eine Woche später: nur 28,9 Prozent bei der Europawahl, ein historisch schlechtes Abschneiden. Von einem "Rezo"-Effekt sprachen Kommentatoren.

Nannen Preis 2020 für den Youtuber

Auch das Leben von Rezo stellte "Die Zerstörung der CDU" auf den Kopf. Beinahe ganz Deutschland kannte plötzlich den jungen Mann mit den blauen Haaren. Er war auf der Titelseite des "Spiegel", bekam später eine Kolumne in der "Zeit", trat im Fernsehen auf. Über Nacht wurde der inzwischen 27-Jährige zu einer auch vom Berliner Establishment wahrgenommenen Stimme seiner Generation.

Dabei ist der Clip eigentlich nur ein Nebenprodukt seiner eigentlichen Arbeit: "Als ich 2016 anfing, hatte ich bei Youtube nur einen Channel. Auf dem habe ich Mucke gemacht, da war es schwierig, Politik reinzubringen", sagte Rezo in einem stern-Interview. "Beim Streit um das Thema Uploadfilter habe ich dann zum ersten Mal ganze Videos zu politischen Themen produziert. Und danach kam 'Die Zerstörung der CDU'."

Der Erfolg hat ihn selbst überrascht: "Das Gute ist, dass es für mich nicht neu war, Aufmerksamkeit zu kriegen, sonst hätte mich das weggeflasht. Ich fand es teil­weise lustig – weil ich sonst diese albernen ­Videos drehe und nun plötzlich eine Instanz war."

Der "alberne Youtuber" bekommt den "Oscar des Journalismus". Wie passt das zusammen? Die Antwort hat Rezo zum Teil auch selbst gegeben. Sein Video ist eben keine reine Stimmungsmache, sondern fußt auf zwei journalistischen Tugenden: Fleiß und Suche nach Fakten. Eigenen Angaben zufolge hat er mit seinen Mitarbeitern Hunderte Stunden in die Recherche und Produktion des Videos investiert – und hält nun den Nannen Preis 2020 für das beste Web-Projekt in den Händen.

Alle Gewinner des Nannen Preises 2020 sehen Sie hier.

wue / mit DPA- und AFP-Material

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