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stern-Kolumnistin Zum Tod von Anneliese Friedmann: Die Frau, die aus der Zukunft kam

Anneliese Friedmann mit Erich Maria Remarque
Anneliese Friedmann 1971 mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque in Rom
© stern
Die Journalistin Anneliese Friedmann ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Ihre Lifestyle-Kolumnen im stern waren legendär – so treffend und scharfzüngig, dass Franz Josef Strauß sie verklagte und Henri Nannen ihr die Schreibmaschine küssen wollte.

Die Journalistin und Verlegerin Anneliese Friedmann ist im Alter von 93 Jahren in München gestorben. Das teilte die Südwestdeutsche Medienholding mit. Friedmann war Gesellschafterin des Süddeutschen Verlags, in dem die "Süddeutsche Zeitung" erscheint, und frühere Herausgeberin der Münchner "Abendzeitung". Vor ihrer Karriere als Verlegerin hatte sich Friedmann einen Namen als engagierte und scharfzüngige Kolumnistin gemacht.

Anneliese Friedmann
Anneliese Friedmann im Jahr 2008
© Volker Dornberger / DPA

Im stern schrieb sie in den Sechziger Jahren unter dem Pseudonym "Sibylle" über Politik, Gesellschaft, Mode und Stil. In einer Mischung aus Reportage, Essay und Kommentar gewährte Friedmann ihren Lesern einen unterhaltsamen Einblick in die Welt der High Society. Doch die Journalistin konnte auch anders: Von Franz Josef Strauß wurde sie einmal wegen Beleidigung verklagt. Ein Münchner Gericht sprach Friedmann frei.

2013 erhielt Anneliese Friedmann den Nannen Preis für ihr Lebenswerk. stern-Korrespondent Claus Lutterbeck besuchte sie damals in ihrer Münchner Villa.

Zum Tod von Anneliese Friedmann veröffentlichen wir den Text an dieser Stelle noch einmal.

Anneliese Friedmann: Die Frau, die aus der Zukunft kam

Was macht man in Freising, wenn man jung und hübsch ist und keine Chance hat, jemals Erzbischofzu werden?

"Nichts wie weg hier", dachte die 17-jährige Anneliese, die damals noch Schuller hieß, raus aus dieser "schönen, alten, sehr konservativen" Stadt. Der Krieg war gerade zu Ende, da las sie im "Freisinger Tagblatt" den Satz, der ihr Leben verändern würde. Unter der Karikatur eines rasenden Reporters stand: "Er weiß mehr, er kommt von der Zeitung". Annelieses Eltern, die beide von einem Bauernhof stammten, waren dagegen, dass sie Journalistin wurde. 

Doch die Tochter blieb stur. Im Winter 1947 zog sie ein Paar Soldatenstiefel an und den langen Rock, den sie sich aus alten Wehrmachtsmänteln selbst genäht hatte. Fuhr im ungeheizten Zug ins zerbombte München. Dort hatten die Amerikaner eine Journalistenschule gegründet. "Für die 79 Plätze gab es vierhundert Bewerber", erzählt sie, "fast nur Männer, viele davon Kriegsheimkehrer. Ich hatte Glück, ich wurde angenommen, als eine von nur neun Frauen." Ihr Traum? Schreiben, reisen und die Welt sehen, oder "wenigstens München und seine Vororte, vielleicht mal in den Lokalteil der 'Süddeutschen Zeitung' kommen".

Es ging dann ganz schnell und kam anders. Ganz anders. Vier Jahre später war sie die Ehefrau von Werner Friedmann, einem der vier Verleger der "Süddeutschen Zeitung", außerdem Chef und Eigentümer der Münchner "Abendzeitung".

Er verpasste der jungen Anneliese Anfang der Fünfziger den Namen, unter dem sie eine der bekanntesten Kolumnistinnen der Bundesrepublik werden sollte: "Eines Tages hat er in der 'Abendzeitung' angekündigt: ,Und ab Donnerstag plaudert ,Sibylle' keck und liebenswürdig über Mode.' Da wusste ich erst, dass ich Sibylle war, ich bin es dann beim stern geblieben. Na ja, 'Anneliese' wäre ja vielleicht ein bisschen brav gewesen." Anneliese Friedmann lacht, zündet sich eine Zigarette an und zieht den Rauch tief ein: "Nein, gefragt hat mich der Friedmann nicht, er hat mir den Namen praktisch verordnet." Sie sitzt auf einem weißen Sofa in der Harlachinger Villa, in der sie seit sechzig Jahren wohnt.

Werner Friedmann, der schwer zuckerkrank war, ist schon 1969 gestorben. Eine Dame in den Achtzigern, so schmal und schön wie immer, mit hohen Backenknochen, großen blauen Augen, langen Beinen und einem rätselhaften Mona- Lisa-Blick. Lacht sie? Amüsiert sie sich? Spottet sie?

Anneliese Friedmann und Thomas Gottschalk
 Anneliese Friedmann (r.) mit Moderator Thomas Gottschalk (l.) bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preis für ihr Lebenswerk 2013
© Sven Hoppe/ / Picture Alliance

Ihr Gesicht war das reizvollste im stern, ihre wöchentliche Kolumne die meistgelesene, niemand bekam mehr Post als die unbekannte Schöne, deren wahren Namen kaum jemand kannte. Mit ihrer Hilfe sollte "Tante Emma an der Bahnschranke in Wuppertal" einen Blick in die abgeschirmte Welt der Schönen, Reichen und Berühmten werfen, wie Henri Nannen einmal sagte. Der Chefredakteur war dem Charme und der Feder seiner Kolumnistin erlegen: "Ich möchte Ihre Schreibmaschine küssen!", telegrafierte er ihr, als sie eine freche Kolumne über die deutsche Schickeria geschrieben hatte. Niemand sonst beim stern hat jemals eine solche Liebeserklärung von ihm erhalten.

Von ihrem Chef war sie nicht so begeistert

Sie war vom glamourösen Chef nicht so begeistert, als sie ihn bei einer Abendgesellschaft zum ersten Mal sah: "Er fuhr mit seinem silbergrauen Mercedes vor, so einer mit Flügeltüren, und dem entstieg er wie Zeus den Wolken. Er sah wunderbar aus. An diesem Abend hat er unaufhörlich über Russland geredet, wo er gerade herkam. Ich fand ihn angeberisch, eigentlich unausstehlich. Bei seinem Tod habe ich dann auch geschrieben: Er war unausstehlich und unwiderstehlich." ZehnJahre lang hat sie für ihn geschrieben, es waren zehn "wunderbare Jahre", sagt sie heute.

Journalismus, das war nach dem Krieg ein reiner Männerberuf. Die junge Anneliese schaffte es trotzdem zur "Süddeutschen", mit einem kleinen Trick. Die Zeitung bot fünf Volontärsplätze für Absolventen der Journalistenschule an. Anneliese reichte ihre Arbeit unter dem Namen "A. Schuller" ein – und gehörte zu den Glücklichen, die vom Verleger Edmund Goldschagg begrüßt wurden. Er staunte, als er eine junge Frau vor sich stehen hatte: "Na gut", sagte er, "jetzt sind Sie schon mal da, dann können Sie auch bleiben."

Anneliese Friedmann mit Grace Kelly
 Anneliese Friedmann (l.) mit Grace Kelly
© stern

Die Lokalredaktion war ein schmaler Schlauch mit drei Schreibtischen, "der größte gehörte dem Platzhirsch, er legte seine Füße auf meinen kleinen Tisch. Aber das war egal, ich war ja sowieso immer unterwegs, denn als Frau musste ich das machen, was die Herren nicht so gern machen wollten – ganz kleine Ereignisse". Später leitete sie das Moderessort der "Abendzeitung" und wurde eine lokale Berühmtheit mit ihrer wöchentlichen Kolumne als "Sibylle". Ganze 50 Mark zahlte ihr Chef und Ehemann dafür.

Neu, frech und charmant: "Sibylle" war ein Renner

Das war beim stern, wo sie ab 1960 schrieb, ganz anders. Denn "Sibylle" war ein Renner. Der Ton ihrer kurzen Stücke war neu, frech und charmant, der Zeit weit voraus. Heute stehen "Lifestyle"-Kolumnen – ein Wort, das es damals noch nicht gab – in jeder Apothekenzeitung. Damals waren sie etwas Unerhörtes, und Nannen ließ seiner Autorin jede Freiheit. Sibylle schrieb über Politik und Miniröcke, Könige, Filmstars und "abscheuliche weiße Wadenstrümpfe". Sie bezog politisch Stellung, legte sich mit Franz Josef Strauß so wortgewaltig an, dass er sie wegen Beleidigung verklagte. War sie eine Linke? "Ach", sagt sie heute, "das, was man damals halt links nannte."

Nach dem frühen Tod ihres Mannes gab Anneliese Friedmann das Kolumnenschreiben auf und widmete sich als Verlegerin den beiden Blättern, an denen sie durch ihr Erbe beteiligt war, der "Süddeutschen Zeitung" und der "Abendzeitung". Michael Jürgs, damals Kulturchef der "Abendzeitung", erinnert sich an seine resolute Verlegerin noch heute mit Verehrung: "Sie war eine Frau, die der Zeit weit voraus war, als Blattmacherin wusste sie genau, was sie wollte. Und das zu einer Zeit, als es völlig undenkbar war, dass eine Frau solch eine Rolle spielte."

epp

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