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Oktoberfest 2014 Italiener-Wochenende, Ballermann und Wiesn mit Schlager


In München ist auf dem Oktoberfest Italiener-Wochenende, wer nicht dabei sein kann, der hat viele Möglichkeiten, in ganz Deutschland ein Wiesn-Gefühl zu haben – Mass, Dirmdl und Lederhose inklusive.

Zehntausende Italiener strömen in diesen Tagen in die „nördlichste italienische Stadt“, wie die Bayern sie gern nennen (Vielleicht sind auch ein paar Venezianer dabei, die dem Trubel rund um George Clooneys Hochzeit entfliehen wollen). Doch das, was dann mit der Theresienwiese und der ganzen Stadt passiert, ist selbst für die hartgesottensten Liebhaber der Wiesn eine Nummer zu arg.

So weit das Auge reicht Italiener, die sich außerhalb der Reichweite von „la mamma“ gern eine Mass oder auch die ein oder andere mehr schmecken lassen. Sie kommen – selbstverständlich – in Lederhosen, Dirndl und Haferlschuh, kaufen Lebkuchenherzen, gebrannten Mandeln, Hendl – und dazu ein kühles Bier. Nur das Wetter ist auf der Wiesn momentan (noch) nicht so ganz italienisch. Aber es wäre nicht das Oktoberfest, wenn man sich nicht auch das Wetter schönessen – oder trinken könnte.

An Ablenkung gibt es genug, und im Notfall wechselt man bei Starkregen ins Zelt – wo zugegebenermaßen die Luftfeuchtigkeit auf dem gleichen Level ist – nur noch getoppt von der Stimmung. Wer sich aber am zweiten – dem traditionell den Italienern gewidmeten - Wiesn-Wochenende die noch volleren Zelte und in noch größeren Massen auftretenden betrunkenen, flirtenden und torkelnden Menschen nicht antun will, der geht entweder unter der Woche oder er bleibt gleich in der Stadt in der er wohnt und schaut sich nach einem der zahllosen Oktoberfeste um. In den vergangenen Jahren sind sie wie Pilze aus dem Boden geschossen und auch in Hamburg, Frankfurt oder Köln lässt es sich mittlerweile munter in Dirndl, Lederhose und mit einer Mass in der Hand zu bayerischer Musik schunkeln.

"Ich bin geblendet von soviel Schönheit", schmettert der junge Schlagersänger ins Mikrofon und zeigt grinsend seine unnatürlich weißen Zähne. Die Menge vor der Bühne jubelt begeistert. Alle tragen Tracht. Knielange Dirndl, wohin das Auge blickt, eng geschnürte Dekolletés, Flechtfrisuren, Karohemden, Lederhosen und nackte Männerwaden. Als der braun gebrannte, blonde Schlagerbarde mit modischer Undercut-Frisur "Viva Colonia" von den "Höhnern" anstimmt, klettern die Oktoberfest-Besucher in Köln auf die Bänke und singen voller Inbrunst mit.

O'zapft is am Alexanderplatz und in der Fischauktionshalle

Bei der RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" wurde Norman Langen vor drei Jahren entdeckt. An diesem Abend ist er einer der Einheizer im Kölner Bayernzelt. "Oktoberfest im Rheinland, das ist eine Mischung aus Karneval und Ballermann", sagt die 25-jährige Nathalie aus Bergheim bei Köln.

Halb Deutschland scheint in diesen Tagen die bayerische Zusammenkunft zu kopieren und zu zelebrieren. "O'zapft is" heißt es unter anderem in Berlin am Alexanderplatz, in der Fischauktionshalle in Hamburg, am Düsseldorfer Rheinufer und im Dortmunder Revierpark. Auch in Frankfurt, Chemnitz, Dresden und Saarbrücken muss niemand auf "Musi und Maß" verzichten. Die Feste gehen zum Teil - anders als in München - noch weit bis in den Oktober hinein.

Die Frankfurter Commerzbank-Arena wollen die Veranstalter an 21 Abenden mit insgesamt etwa 60.000 Wiesn-Besuchern füllen. Laut Homepage ist das Fest so gut wie ausverkauft. Musiker wie Mickie Krause, Michael Wendler, Marianne und Michael treten auf. Einer der beliebtesten Cover-Songs ist auch hier: "Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer.

Schlagersänger Norman Langen ist in Köln derweil bei einem seiner neuesten Hits angekommen. "Ich schick dich in die Wüste und dann lauf ich hinterher", schallt es aus den Lautsprecherboxen. Der 29-Jährige klatscht begeistert in die Hände und ruft ins Mikrofon: "Es ist so heiß hier!" Unter ihm vor den Bierbänken kocht die Stimmung. Dutzende Besucher tanzen zu dem Disco-Fox-Hit. Männer in Lederhosen wirbeln Frauen in Dirndln durch die Gänge. Jede Menge fremde Füße werden getroffen, Bier verschüttet. Von der Decke tropft Kondenswasser.

"Dirndl stehen für Sehnsucht nach Heimat"

"Was für eine Mords-Gaudi", ruft Dirk aus Düren (47) bei Köln gegen die laute Musik an. "Nur die nette Blonde vom Nachbartisch, die mit der Flechtfrisur und dem pinkfarbenen Dirndl, die will mich nicht." Eigentlich sehen im Kölner Zelt alle gleich aus. In der Frankfurter Commerzbank-Arena ist es nicht anders: Überall moderne Interpretationen des Trachtenkleids, meist in knalligen Tönen. Besonders beliebt ist eine giftgrüne Schürze zum rosa-farbenen Dirndl.

Das Amt für rheinische Landeskunde in Bonn findet die Uniformität nicht verwunderlich. "Dirndl oder auch Trachten insgesamt stehen für Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit", sagt Kulturwissenschaftlerin und Ritualforscherin Katrin Bauer. "Gleichzeitig wird damit ein Gemeinschaftsgefühl ausgedrückt." In den vergangenen 100 Jahren seien Dirndl enger, schicker und bunter geworden, Zöpfe alltagstauglich, erklärt die Expertin. Im Vergleich zu anderen Traditionsveranstaltungen wie Schützenfesten biete die Wiesn einen Vorteil: "Das Oktoberfest ist eine große Party, für die man nicht in einen Verein eintreten muss. Und ob in Bayern oder anderswo: Fest, Musik und Kleidung - alles läuft überall gleich ab."

Wichtig ist, dass unser Volksfestcharakter bestehen bleibt

Und was sagen die Bayern zu all den Kopien ihrer Traditionsveranstaltung? "Wir sind da zwiegespalten", sagt Manfred Newrzella, Geschäftsführer beim Bayerischen Brauerbund in München. Die Standesvertretung hat es sich zur Aufgabe gemacht, über die Einhaltung des Brauchtums zu wachen. "Wichtig ist, dass unser Volksfestcharakter bestehen bleibt. Aber vielerorts verkommt unser Fest ja nur noch zum Halligalli-Event."

mia/DPA DPA

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