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Start des Streaming-Dienstes: Tschüss, Videothek! Hallo Netflix!

Aschenbecher-Mief, Zurückspulen und gefälschter Ausweis. Zum Start von Netflix erinnert sich Autor Thilo Mischke an die Videothek - und wie der Videothekar seine ersten Flirts prägte.

Von Thilo Mischke

Gute alte Videothek: Neue Dienste wie Netflix machen das Ausleihen vor Ort überflüssig

Gute alte Videothek: Neue Dienste wie Netflix machen das Ausleihen vor Ort überflüssig

Nicht zurückgespult, das kostet aber eine Mark Strafe", sagte der Mann hinter der Theke zu mir. Jedes Mal. Es war ein wichtiger Mann für mich. Wir waren irgendwie befreundet, der Videothekar und ich. Ich vertraute seinen Empfehlungen, sein Filmgeschmack wurde über die Jahre unseres stillen Vertrauensverhältnisses meiner. Doch eigentlich wäre das gar nicht nötig gewesen.

Der väterliche Teil meiner Familie ist mit dem deutschen Film verbunden. Ich hätte also keinen kettenrauchenden und mich eine Mark Strafe zahlen lassenden Menschen in meinem Leben gebraucht. Mein Großvater war jener Filmvorführer, der in Deutschland die Premiere von "Panzerkreutzer Potjemkin" zu verantworten hatte. Mein Vater nahm die Leidenschaft für Filme in die Erziehung über. Ich saß, Apfelschiffchen essend vor dem Fernseher und sah Klassiker: "Der schweigende Stern" oder "Erfindung des Verderbens". Ich sah seltsame französische Filme und war für "Solaris" oder "Stalker" noch etwas zu jung, als mein Vater die Kassetten in den Videorekorder legte. Ich sah Filme, die kein anderer sah und das nervte tierisch. Deswegen ging ich in die Videothek. Sechzehn musste ich sein und natürlich fälschte ich meinen Schülerausweis auf Achtzehn. Der Mann hinter der Theke wusste das, ich wusste, dass er es wusste.

Andere kifften, ich ging in die Videothek

Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen ersten Videothek-Besuch. Es hatte etwas Verruchtes, etwas Schmutziges in eine Videothek zu gehen. Filme, sie verblöden doch meistens. Das Argument meines Vaters, während er irgendeinen tschechischen Scherenschnitt-Film als Gegenargument bringen wollte. Aber ich war in der Pubertät. Andere probten kiffend den Aufstand, ich ging in die Videothek.

Dieser Geruch nach Aschenbecher, dieser Vorhang, hinter dem sich die Pornografie versteckte. Die Videospielecke und der "Frei ab 18 Horrorbereich". Ich konnte selbst entscheiden was ich sehen wollte, und ich wollte "Rambo" sehen. Als aller erstes. Ein Film, den mein Vater nie gesehen hatte, aber als Inbegriff der Verblödung empfand.

Der Videothekar gab mir Rambo und ich sah diesen Film. Und dann ging es los. Dann war ich süchtig: nach dieser Videothek.

Andreas - so hieß der Videothekar – war für mich früher das, was heute Netflix mit einem Algorhytmus macht: Er empfahl mir Filme, die meinem noch kindlichen Geschmack entsprachen, und er brachte mich weiter, zeigte mir Welten, die mir gänzlich unbekannt erschienen. Ich erzählte was ich schon gesehen habe, er machte sich Notizen und überlegte. "Naked Lunch", war seine erste richtige Empfehlung, ich erinnere mich noch heute daran, wie ich als 17-Jähriger verstört den Film aus dem VHS-Spieler nahm. Und ihn nicht verstanden hatte.

Dann kam das Fachsimpeln. Andreas, er erzählte mir alles über den Regisseur Cronenberg, stellte mir eine Werkschau zusammen, betonte, diese gäbe es jetzt auch auf DVD. Ungeschnitten. Sensation! Und ich müsste sie auch nicht mehr zurückspulen.

Keine Frau will küssen, wenn "Re-Animator" läuft

Ich erfuhr alles übers Filme machen und er setzte die Saat für eines meiner zahlreichen Lieblingsgenres. Zombiefilme, Zeitreisefilme, Kunstfilme, Sexploitation, Kriegsfilme, Antikriegsfilme, DDR-Filme. Filme über die DDR. Ich lieh mich ein Mal durch die gesamte Videothek. Manchmal kam ich zwei Mal am Tag, denn unser Vertrauensverhältnis war mittlerweile so groß, dass ich nichts bezahlen musste , wenn ich die Filme am selben Tag zurück brachte.

Aber Videotheken sind nicht nur Bildungsstelle für Filmgeschmack. Sie waren auch ein guter Indikator bei Dates.

"Kino oder Film leihen und bei mir gucken", diese Entscheidung, die eine Frau zu treffen hatte, war elementar. Meist wusste ich, wenn sie sich für DVD-Ausleihen entschied, was es bedeutete. Für mich: coole Filme gucken. Für sie: knutschen. Meistens kam es nur zum Filmgucken. Was, davon bin ich heute fest überzeugt, an den Empfehlungen meiner Videothek lag. Keine Frau will küssen, wenn "Re-Animator" läuft.

Oder die erste feste Freundin. Die prägendste Erinnerung war der gemeinsame Besuch in dieser Videothek. Andreas musste dann immer schlichten. Das Finden eines Films, den weder ich, noch sie gesehen hatte, war fast unmöglich. Andreas allerdings fand immer etwas.

Diese Videothek gibt es nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Ich war schon Jahre nicht mehr am Samstagabend unterwegs, um einen Film auszuleihen. Ich benutze das Internet, um Filme zu sehen. Es geht schneller. Es geht einfacher. Ich muss keine horrenden Nachgebühren zahlen. Ich finde die absurdesten Filme und kann mich sogar darüber unterhalten - in Foren.

Menschen wie Andreas verschwinden

Aber trotzdem: Mit der Einführung von Netflix dürften nur noch wenige Videotheken überleben. Streaming gibt es natürlich schon länger in Deutschland, aber erst jetzt merken die Menschen, wie praktisch das eigentlich ist. Und benutzen es. Trotzdem. Wie bei allen digitalen Revolutionen: Menschen wie Andreas verschwinden. Und wenn man Erwachsenwerden mit einer Videothek verknüpft, dann wird das jetzt weniger abenteuerlich. Nun ja, vielleicht erzählen wir einfach später unseren Kindern und Enkeln davon. Von diesem verrückten Ort, der nach Aschenbecher roch, der Videothek.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo