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"Anne Will": Die Show der "kleinen Leute"

Fünf Millionen haben ihr zugeguckt. Anne Will hat als "Christiansen"-Nachfolgerin einen ordentlichen Auftakt hingelegt. Der Diskussion zum Thema "Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert" fehlte aber etwas die Schärfe. Dafür hat Will auch Betroffene einbezogen. Eine Analyse von Ex-"Christiansen"-Redaktionsleiter Michael Cramer.

Anne Will hat eine Haltung und demonstriert sie. Sie setzt sich gleich nach der Begrüßung zu Kerstin Weser, die in einem Callcenter für fünf Euro brutto die Stunde arbeitet. Es folgt ein ausführliches einfühlsames Interview, das deutlich macht: die Sendung blickt von unten nach oben, nimmt die Nöte und Ängste der "kleinen Leute" ernst - und stellt sie in den Mittelpunkt. Kerstin Weser sitzt auch nicht anonym im Publikum, sondern herausgehoben auf einem Sofa - das wertet sie auf.

Immer wieder wird Anne Will im Verlaufe der Sendung Kerstin Weser zitieren, immer wieder sie die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Schwachen in unserer Gesellschaft lenken. Sie wirkt dabei glaubwürdig und kompetent, diese Haltung macht sie sympathisch.

Dabei hat sie es nicht leicht an diesem Abend. Kurt Beck und Jürgen Rüttgers aus der Politik, Landesbischöfin Margot Käßmann und Telekomchef Rene Obermann heißen die Gäste der Premiere. Dazu auf dem Sofa eben jene Kerstin Weser und Dr. Bernd Sprenger, der Menschen mit Burn-out-Syndrom behandelt. "Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert" lautet das Thema.

Ob dies wirklich das Top-Thema des Wochenendes ist, darüber lässt sich streiten. Eher ein Evergreen, seit Jahren aktuell. Man kann darüber reden, ob die Terrorgefahr aktueller gewesen wäre. Doch nachdem Maybrit Illner und Sandra Maischberger darüber in dieser Woche bereits diskutiert hatten, schied das Thema aus - der ARD-Polittalk hat zu Recht den Anspruch, vorzulegen und nicht nachzuziehen.

Machte Anne Will in ihrer Premieren-Sendung eine gute Figur?

Es war aber nicht das Thema, es waren die vier "Hauptgäste" in der Runde, die sich als problematisch erwiesen. Schon im Vorfeld dürfte keiner der vier für Euphorie bei den Zuschauern gesorgt haben. Eine solide Runde, klassisch besetzt, vielleicht etwas unspektakulär für die Premiere. Aber eine Talkrunde ist eben immer auch ein Kompromiss aus dem Wunsch der Redaktion und dem Terminkalender der Gäste...

Vier Teilnehmer - das ist zwar angenehm zu schauen. Man hat als Zuseher schnell den Überblick und kann der Runde leichter folgen als zum Beispiel mit sechs Gästen. Aber vier Diskutanten müssen ihren Job schon sehr gut machen, wenn ihre Debatte eine Stunde lang lebendig sein soll. Sie müssen sich aktiv einbringen, dürfen nicht darauf warten, bis sie an die Reihe kommen. Nur so kann eine Diskussion entstehen, lebhaft und unterhaltsam.

Aber eine Debatte kam so richtig nicht auf. Beck inszenierte zwar einen typischen Politiker-Streit mit Rüttgers. Der SPD-Chef bemühte dieses Ritual, um sich - in seiner Partei mit dem Rücken zur Wand stehend - publikumswirksam zu profilieren.

Der eigentliche Streit aber, nämlich über Rendite und Respekt - er fand praktisch nicht statt. Rene Obermann hatte die Redaktion vermutlich die Rolle des Kapitalisten, Jobvernichters und kalten Rendite-Jüngers zugedacht. Als Telekomchef liegt das auf der Hand - der Mann trimmt gerade sein Unternehmen auf Gewinn - zu Lasten tausender Arbeitnehmer. Nur leider warf ihm das niemand der anderen Gäste vor. Die Politik hielt sich - was zu erwarten war - vornehm mit der Kritik am ehemaligen Staatsunternehmen (der Bund hält immer noch Anteile) zurück, Frau Käßmann hatte argumentativ ohnehin kaum etwas zu bieten.

So musste Anne Will die Rolle der kritischen Angreiferin übernehmen. Das kann sie natürlich und machte es auch ordentlich - es ist aber in einer Talkshow nicht ihre Aufgabe. Will führte letztlich reihenweise Einzelinterviews, ein Gespräch unter den Gästen gab es jenseits des Polit-Rituals Beck-Rüttgers nicht.

Obermann kam sauber aus der Sache raus und mehr noch: er konnte den Wohltäter geben. Hier spielte ihm die an sich gut gemeinte Dramaturgie der Sendung in die Hände. Hatte Kerstin Weser noch zu Beginn über wahre Hungerlöhne berichtet, so konnte Obermann lächelnd erklären, dass in seinem Unternehmen das Doppelte gezahlt werde. Und der Mindestlohn? Kein Thema für die Telekom - hier werde ohnehin deutlich mehr verdient als jetzt zur Diskussion stehe. Obermann war nun nicht mehr angreifbar und konnte sich zurücklehnen.

Angesichts von durchschnittlich hervorragenden 5,04 Millionen Zuschauern (Marktanteil 18,2%) mag es müßig erscheinen, über Verbesserungen zu sprechen. Schließlich ist das deutlich mehr als das, was all die anderen Talker in dieser Woche vor den Bildschirm lockten. Das Publikum hat auf Anne Will gewartet. Doch sowohl Moderatorin als auch ihre Redaktion werden wissen, dass die Aussagekraft einer Premierenquote begrenzt ist.

Denn was der Sendung fehlte, war das, was Talk-Redakteure als den "Treiber" bezeichnen. Jemand, der die anderen in der Runde immer wieder angreift, die Debatte regelrecht "an-treibt", der Emotionen und Streit schürt. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass es im Studio seltsam ruhig blieb, Szenen-Applaus gab es selten.

Das alles aber sind premierentypische Dinge, mit denen die Redaktion umgehen kann. Nach all dem Trubel der letzten Wochen, den wahnwitzigen Erwartungen kann die Will-Truppe nun endlich in Ruhe arbeiten. Der Hype wird sich beruhigen und die Sendung nach und nach ihr Potential ausschöpfen: Sie hat eine ausgezeichnete Moderatorin, der man gern zuschaut und zuhört. Weil sie glaubwürdig und bodenständig ist. Sie nimmt ihre Zuschauer ernst, versucht die Perspektive der "einfachen Leute" zum Erfolgsrezept ihrer Sendung zu machen. Das wird klappen.