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"Anne Will" Maue Quote für den Mittwoch-Einstand


Anne Will hat für ihren neuen Mittwochs-Sendeplatz ihre Talkshow umgebaut. Dennoch wirkte die erste Sendung mit dem Thema Jugendgewalt über weite Strecken leblos. Zudem schalteten nur wenige Zuschauer ein.

Keine großen Politiker, die Parolen verkünden, keine Wirtschaftsexperten, die über die Eurokrise lamentieren - es geht auch ohne sie. Diese Erkenntnis wollte die ARD-Talkerin Anne Will am Mittwochabend in ihrer neu definierten Talkshow untermauern, die nach wie vor ihren eigenen Namen trägt, aber nicht mehr am Sonntagabend die Weltgeschichte neu erklären will, sondern sich zunehmend gesellschaftlichen Phänomenen nähern möchte.

Das Fernsehpublikum nahm dieses Gesprächsangebot nur mäßig an. Gerade einmal 1,22 Millionen Zuschauer schalteten die nun 75-minütige Talkshow ab 22.45 Uhr im Durchschnitt ein; der Marktanteil lag bei 8,4 Prozent. Damit lag Will unter ihrem eigenen Wunschergebnis von "eineinhalb bis zwei Millionen Zuschauern" - das hatte sie allerdings auch mehr als langfristigen Wert ausgegeben, nicht als Nahziel. Auch im Fernduell mit ZDF-Talker Markus Lanz lag Will hinten: Der erreichte mit seiner Sendung ab 23.15 Uhr immerhin 1,55 Millionen (10,6 Prozent) - beide Talkshows überschneiden sich eine Dreiviertelstunde lang.

Absturz von vier Millionen Zuschauer

Will hatte zuvor vier Jahre lang den ARD-Sonntags-Talk bestritten, wo sie zuletzt durchschnittlich 4,05 Millionen Zuschauer (14,1 Prozent) erreichte (1. Halbjahr 2011). Vom 11. September an übernimmt Günther Jauch den besten und quotenstärksten Talkplatz der ARD.

Deswegen muss Will nun mittwochs ran und wählte sich als Thema der ersten Ausgabe: "Wut im Bauch". Die Gäste hockten nicht alle von vornherein im Kreis, sie stießen nach und nach in die Gesprächsrunde, in der zuerst Spitzenkoch Tim Raue ganz allein mit Will saß. Er war in seiner Jugend Mitglied der Berliner Gang "36 Boys" - Warum er dabei sein wollte, fragte Will. Raue meinte, es sei ein Integrationsprojekt gewesen, eine Art Familienersatz. Ob er inzwischen ein Spießer sei? "Ja, ich gehe nicht weg, und habe keine Ausfälle mehr", lautete Raues Antwort. Sein gelbes Tuch in der Brusttasche des Jacketts ergänzte seine Selbsteinschätzung gut.

Stoiber brachte doch noch Politik in die Sendung

Der Rapper Sido gesellte sich als zweiter Gast zu Will. Nicht alle Frauen seien Schlampen, beruhigte er seine Gastgeberin. "Das kannst Du Dir ja denken." Er sei stolz auf seinen "Arschficksong", er mache anspruchsvolle Musik, auch wenn es sich für die meisten Zuschauer der Sendung so nicht darstelle. Mit der Gewalt in London oder Berlin wollten die Diskutanten nichts zu tun haben. In London handele es sich um "Schwachsinn", meinte Raue. In den Bildern kenne er sich nicht wieder.

Und wie passte Schauspielerin Veronica Ferres zwischen die beiden Provokateure? Ihr ARD-Film "Sie hat es verdient" am 14. September handelt von Jugendlichen, die aus der Spur geraten sind. Anne Will bot ihr eine geeignete Plattform zu Eigenwerbung. Mit ihrer Anwesenheit wurde auch Sido ein wenig ruhiger.

Und dann fand die Sendung doch noch eine kleine politische Wendung, als CSU-Mann Edmund Stoiber und der Publizist Christian Nürnberger als letzte die Sendung enterten. "Ich versteh' kein Wort", meinte Sido, und dann wurde Stoiber richtig redselig wie in alten Zeiten, als es noch richtige Talks gab, in denen die Gastgeber sich um ihn rissen. Aber lebhaft wurde es trotzdem nur relativ kurz, weil sich alle damit beruhigten, dass der Jugendliche, der Autos anzündet, die Sendung sowieso nicht einschaltet.

swd/DPA DPA

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