"Innerer Reichsparteitag" Verbaler Fehltritt von ZDF-Moderatorin schlägt hohe Wellen


Traumquote mit dem Traumstart der deutschen Fußballer für das ZDF - aber der verbale Fehltritt von Frontfrau Katrin Müller-Hohenstein schlägt hohe Wellen. Das ZDF entschuldigte sich am Montag für die "Entgleisung" seiner Moderatorin, für die Bundesregierung ist der Vorfall damit vorerst erledigt, doch es gab auch deutliche Kritik.

Traumquote mit dem Traumstart der deutschen Fußballer für das ZDF - aber der verbale Fehltritt von Frontfrau Katrin Müller-Hohenstein schlägt hohe Wellen. Das ZDF entschuldigte sich am Montag für die "Entgleisung" seiner Moderatorin, für die Bundesregierung ist der Vorfall damit vorerst erledigt, doch es gab auch deutliche Kritik. Die Journalistin hatte in der Halbzeitpause beim 4:0-Erfolg der DFB-Elf gegen Australien am Sonntagabend gesagt: "Und für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass er heute hier trifft."

Die umgangssprachliche Redensart "innerer Reichsparteitag" ist umstritten, weil sie nach Ansicht von Kritikern einen sprachlichen Zusammenhang zur Propaganda der NS-Diktatur herstellt. Die NSDAP bezeichnete ihre Massenveranstaltungen als Reichsparteitage. Konsequenzen für Müller-Hohenstein schloss der Sender allerdings aus. "Das ist eine verbale Entgleisung, die ihr und uns leidtut. Sie ist im Eifer der Situation entstanden. Wir bedauern das, und das wird so auch nicht mehr vorkommen", sagte ARD/ZDF-Teamchef Dieter Gruschwitz der Nachrichtenagentur dpa, "das ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, der nicht in die Fernsehsprache gehört."

Durch den Ärger und den Wirbel um ihre Top-Moderatorin wurde die Freude über die tolle Quote getrübt. 27,91 Millionen Menschen sahen am Sonntagabend den 4:0-Auftaktsieg. Das waren bei einem Marktanteil von 74,4 Prozent fast drei Viertel aller Fernsehzuschauer ab 20.30 Uhr. Damit schaffte es bereits das erste Spiel der DFB-Auswahl in die Top Ten der meistgesehenen Fußball-Länderspiele in der deutschen TV- Geschichte.

Die WM 2010 scheint im Fernsehen sogar das "Sommermärchen" von 2006 zu toppen. Noch nie sahen so viele Menschen ein Deutschland- Spiel in einer WM-Vorrunde wie am Sonntagabend. Im Ranking der erfolgreichsten TV-Partien seit Einführung der Quoten-Messung rückte das Australien-Spiel auf Rang sieben. Zum Vergleich: Die bisher erfolgreichste Live-Übertragung war das WM-Halbfinale 2006 zwischen Deutschland und Italien mit durchschnittlich 29,66 Millionen Zuschauern. Auch die anderen beiden WM-Spiele im ZDF hatten am Sonntag sehr gute Quoten: Das Spiel der deutschen Gruppengegner Serbien und Ghana, das die Afrikaner 1:0 gewannen, sahen von 16.00 Uhr an 8,47 Millionen Zuschauer (47,6 Prozent), die Partie Algerien- Slowenien (0:1) von 13.30 Uhr an 5,81 Millionen Fans (38,7 Prozent).

Zumindest für die Regierung ist der Fall Müller-Hohenstein bereits beendet. Mit der Reaktion des ZDF sei man "zum jetzigen Zeitpunkt zufrieden", sagte Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans in Berlin. Zur weiteren Bewertung des Vorfalls verwies er an die zuständigen ZDF-Rundfunkgremien.

Dort regte sich Unmut. ZDF-Fernsehratsmitglied Hugo Diederich forderte eine Entschuldigung im Programm oder auf der Homepage des Senders. "Wir nehmen es nicht hin, wenn extremistische Terminologie von links oder rechts im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet wird. Das widerspricht dem Staatsvertrag", betonte der Vize- Bundesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus.

Am Vorabend waren über Twitter bereits wenige Minuten nach dem Ausspruch die Emotionen hochgekocht. Die ZDF-Online-Redaktion "zwitscherte", dass man den Unmut verstehe und verwies auf das Kontaktformular zur Zuschauerredaktion.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, riet von "Hysterie und übertriebener Aufgeregtheit" ab. "Eine böse Absicht liegt erkennbar nicht vor. Wir sollten es daher dabei bewenden lassen." Es sei allerdings absolut richtig und nötig, dass die Thematik nun problematisiert und kritisch hinterfragt werde. "Dieser Ausdruck wird umgangssprachlich viel zu häufig leichtfertig benutzt", sagte Graumann.

Michael Rossmann und Florian Lütticke, DPA DPA

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