VG-Wort Pixel

"Maybrit Illner" im ZDF Lockdown, Hygiene oder beides? "Es sind Experimente, die wir jetzt machen"

"Maybrit Illner" zum Coronavirus
Diskutierten mit Maybrit Illner im Studio über Maßnahmen gegen das Coronavirus: Cem Özdemir, Hendrik Streeck, die Gastgeberin und Herbert Diess (v.l.n.r). Zugeschalten waren Malu Dreyer (linker Bildschirm) und Mai Thi Nguyen-Kim
© Svea Pietschmann / ZDF / PR
Viele Menschen wollen dem mehrwöchigen Corona-Lockdown endlich ein Ende setzen. Bei "Maybrit Illner" mahnt die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim zur Vorsicht, der Virologe Hendrik Streeck zur Hygiene.

Einigen geht es nicht schnell genug, andere fürchten sich vor dem, was kommt. In Deutschland werden die Regeln des Corona-Lockdowns, die die letzten fünf Wochen galten, schrittweise gelockert. Maybrit Illner wollte also von ihren Gästen wissen: "Deutschland macht auf – mutig oder riskant?" Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte auf einer Pressekonferenz da eine deutliche Meinung. In ihren Augen bestehen manche Bundesländer zu schnell und zu umfassend auf Lockerungen.

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz fühlte sich von diesem Vorwurf der Kanzlerin nicht mitgemeint. Sie würde für ihr Bundesland nur die Beschlüsse erlauben, die "juristisch sauber umgesetzt" werden können. Dass all diese Beschlüsse aber nur auf einem Blick in die Vergangenheit beruhen, scheint weniger ins Gewicht zu fallen. Mögliche erneute Lockdowns fürchtete sie, anders als Mai Thi Nguyen-Kim und Cem Özdemir, nicht.

Zu Gast bei "Maybrit Illner" waren:

  • Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz
  • Mai Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin
  • Hendrik Streeck, Virologe
  • Cem Özdemir (Bündnis 90/Grüne), Bundestagsabgeordneter
  • Herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG

Wir müssten aufpassen, sagte Cem Özdemir, "dass wir aus Wissenschaftlern keine Politiker machen." Es sei wichtig, dass die Wissenschaft Forschung und Erkenntnisse liefert, auf die die Regierung dann zurückgreifen kann, um Maßnahmen zu ergreifen. Aber es sei falsch, ihnen zu viel politische Macht zu geben. Im Raum stand die Frage, ob sich der Virologe Hendrik Streeck und sein Team von Nordrhein-Westfalen haben instrumentalisieren lassen. Streeck erklärte, dass sein Team selbst auf die Landesregierung zugegangen sei, um die "Gangelt-Studie" durchzuführen. Das Bundesland hätte sich mit 65.000 Euro daran beteiligt, die Hauptfinanzierung wurde von verschiedenen Institutionen gestemmt. (Lesen Sie hier mehr zu der Studie.)

"Ich hätte nichts anders gemacht", sagte Streeck, angesprochen auf die Frage, ob es nicht vielleicht Fehler in der Kommunikation gegeben hätte. Sein Team aus 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und er hätten Wissen generiert und es mitteilen wollen. Streeck erklärte, dass er die Zwischenergebnisse mit der breiten Öffentlichkeit geteilt habe, statt zunächst einen Pre-Print zu wagen, bei dem die Presse außen vor gewesen wäre, um Menschen zu informieren. Es gab Kritik daran, wie Streeck die Ergebnisse präsentierte, auch Mai Thi Nguyen-Kim hatte Nachfragen.

Alle sind Teil des Coronavirus-Experiments

Für Laien ist es enorm schwer die Erkenntnisse einzuordnen, genau dafür braucht es eben Virologen und Wissenschaftlerinnen. Nguyen-Kim warf Streeck vor, dass der Hinweis, Hygiene würde gegen die Ausbreitung von Corona ein entscheidender Faktor sein, von den Daten der Studie nicht bestätigt werde. Aber genau diese Aussage hätte vielen Menschen überhaupt erst die Hoffnung für Lockerungen gegeben. "Ja, das ist ein bisschen vereinfacht dargestellt", gab Hendrik Streek zu. Dennoch betonte er in der Sendung auch mehrfach, dass gute Hygienemaßnahmen der erfolgreichste Weg seien, um die Ausbreitung von Corona zu minimieren und die Reproduktionszahl niedrig zu halten. Die endgültigen Resultate seiner Studie wollte er bei Illner nicht teilen.

Unklar ist auch, welche Maßnahmen von Mitte März überhaupt dafür verantwortlich sind, dass die Reproduktionszahl schon vor dem Lockdowns niedrig war. Wir alle befinden uns momentan in einer Art Experiment, bei der jede neue Lockerung eine neue Komponente ist, deren (Miss-)Erfolg wir erst in zwei bis drei Wochen überblicken können.

Aus diesem Grund sprach sich Mai Thi Nguyen-Kim dafür aus, den Lockdown noch länger durchzuhalten. Das würde uns für die restliche Zeit einen Puffer verschaffen. Wir wollten nicht aus dem Lockdown raus, weil er nicht effektiv oder gar unnötig sei. Im Moment deuteten alle Zahlen darauf hin, dass der Lockdown richtig war. Aber wir Bürgerinnen und Bürger hielten ihn nicht mehr aus, und deswegen müssten Lockerungen gefunden werden, bei denen die Reproduktionszahl nicht explodiert.

Weitere Themenpunkte:

  • Was spricht gegen Lockerungen? Das Ziel ist es, die Ansteckungen wieder nachvollziehbar zu machen. Und das geht nur, wenn sich nicht in den nächsten Wochen Menschen relativ unkontrolliert anstecken. Die Einhaltung vom Mindestabstand, das Tragen von Tröpfchenmasken und eine gute Hygiene sind Grundlagen, die alle Menschen umsetzen müssen.
  • Wird es wieder Lockdowns geben? Dieses Szenario ist nicht unwahrscheinlich. Weil die Politik nur aus der Vergangenheit Schlüsse ziehen kann, ist es möglich, dass wir eventuell sogar mehrere Lockdowns ertragen müssen.
  • Wird es einen Impfstoff geben? Das Versprechen auf einen Impfstoff nannte Hendrik Streeck "unseriös". Auch ob es Medikamente geben wird, die Erkrankten helfen, ist aktuell nicht klar. Antivirale Mittel könnten helfen, allerdings nur in der ersten Phase der Krankheit.

Mai Thi Nguyen-Kim warnte davor, die Coronaviren mit anderen Viren zu vergleichen. Unser Immunsystem kenne die neuartigen Viren, im Vergleich zu vielen Grippeviren nicht und genau deswegen sei Sars-Cov-2 so gefährlich. "Es sind Experimente, die wir jetzt machen", erklärte sie, und wir alle sind ein Teil davon.

Von Andrea Zschocher

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker