HOME

"Tagesthemen": Tom Buhrows Schultersternchen

Tom Buhrow moderiert im Wechsel mit Anne Will die "Tagesthemen". Aber Buhrow ist toller als Will, auch wenn das bislang niemand gemerkt hat. Denn Buhrow ist "Erster Moderator". Womit hat er sich diesen Ehrentitel verdient?

Von Lutz Kinkel

Vertrauenswürdig. Charmant. Professionell. Ein Knuddeltyp. Und trotzdem kritisch. Super!

Wie kein anderer ist Tom Buhrow in der Presse gefeiert worden, auch im stern - noch bevor er sein Amt als "Tagesthemen"-Moderator überhaupt angetreten hatte. Nun ist der 47-Jährige seit drei Monaten auf Sendung, und er macht seine Arbeit zweifellos gut. Die ARD und die Zuschauer können mit Buhrow zufrieden sein. Aber ist es auch Anne Will?

Titel? "Ist mir wurscht"

Tom Buhrow darf, obwohl er fünf Jahre später als Will zu den "Tagesthemen" stieß, den Titel "Erster Moderator" tragen. NDR-Sprecher Martin Gartzke bestätigte stern.de, dass dieser Titel in Buhrows Vertrag festgeschrieben sei. Gleichzeitig relativiert er die Bedeutung des Titels: Wickert habe diese Bezeichnung getragen, Buhrow habe sie übernommen. "Die Sache ist also historisch gewachsen", so Gartzke. "Im Alltag hat diese vertragliche Bezeichnung keinerlei Bewandtnis."

Ebenso argumentiert ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, der "Tagesschau" und "Tagesthemen" leitet. Zum Verhältnis von Will und Buhrow sagt er: "Die Büros sind exakt gleich groß, beide erhalten die gleiche Aufmerksamkeit ihres Chefredakteurs. Es gibt in der Praxis keine Unterschiede im Status." Selbst wenn ein wichtiges aktuelles Thema anstehe, könne Buhrow nicht die Moderation für sich reklamieren. "Würde so etwas wie 9/11 passieren, würde derjenige moderieren, der gerade Dienst hat. Und dann ist es mir völlig wurscht, ob das Buhrow oder Will ist." Menschen, die ARD-Aktuell gut kennen, sagen, dass der Titel auch keine materiellen Vorteile einbringe.

Der WDR zahlt - und besetzt

Offenbar hat Buhrow also nur ein Privileg: Er darf ein Sternchen auf der Schulter tragen. Er ist der Erste, sie die Zweite, sein Ego wird gepinselt, ihres verletzt. Weil er ein Mann ist und sie eine Frau? Birgit Lahann, Autorin eines großen Porträts der Moderatorin in "Park Avenue", konfrontierte Will mit ihrem Status. "Da ist Anne Will zum ersten Mal irritiert. Und stumm", schreibt Lahann. "Sie schweigt eisern." Ähnlich reagierte sie auf die Anfrage von stern.de. Zu Vertragsangelegenheiten werde sie sich nicht äußern, ließ Will ausrichten. Auch Buhrow blockte mit dieser Aussage Nachfragen ab.

Über die Gründe, weshalb Buhrow der Titel zugestanden wurde und Will nicht, gibt es unterschiedliche Interpretationen. Kenner der ARD glauben, dies sei den Machtverhältnissen im Senderverbund geschuldet. ARD-Aktuell, Produzent von "Tagesschau" und "Tagesthemen", ist eine Gemeinschaftseinrichtung, die von allen Landessendern finanziert wird - aber in jeweils unterschiedlicher Höhe. Der WDR, die größte Anstalt, zahlt beispielsweise rund 21 Prozent der Kosten, der NDR rund 17 Prozent, der kleine RBB (vormals SFB) nur knapp sieben Prozent. Ihre jeweiligen Beiträge lassen sich die Sender mit Posten vergüten, die sie selbst besetzen können. Und der WDR habe, so Insider, traditionell den Zugriff auf den "Ersten Moderator". Hajo Friedrichs kam vom WDR und durfte sich "moderierender Chefredakteur" nennen. Ulrich Wickert, ebenfalls ein WDR-Mann, war "Erster Moderator", Buhrow, der nächste WDR-Kandidat, folgte ihm nach. Die Frauen hatten nach dieser Theorie einfach Pech: Sabine Christiansen (NDR), Gabi Bauer (NDR) und Anne Will (zunächst SFB, nun NDR) kamen halt vom falschen Sender.

Slomka hat zwei Chefs

Aber warum in aller Welt sollte der WDR auf einem inhaltsleeren Titel beharren? Würde der Vertragspassus bei einem eventuellen Postengeschacher einen kleinen Verhandlungsvorteil bringen? WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, von stern.de angefragt, lässt - na klar - ausrichten, er könne sich zu Vertragsangelegenheiten nicht äußern. Die Chefredaktion von ARD-Aktuell dementiert. Auf die Frage, ob der WDR bei den Vertragsverhandlungen besonderes Gewicht auf den Titel gelegt habe, hieß es: "Das können wir nicht bestätigen." Menschen, die mit den Vorgängen gut vertraut sind, sagen, Buhrow habe vorab mit Wickert über die anstehenden Vertragsverhandlungen gesprochen - und dann selbst auf den Titel "Erster Moderator" gedrängt. Die Darstellung von "Park Avenue", dass Buhrow den Titel sogar zur Bedingung für seinen Einstieg bei den Tagesthemen gemacht hat, blieb bislang unwidersprochen.

So oder so: Nun ist er es. Erster. Allererster. Der knuddelige Tom Buhrow.

P.S.: Beim ZDF muss sich niemand mit solchen Feindifferenzierungen herumschlagen. Das Heute-Journal hat drei Moderatoren: Klaus-Peter Siegloch, Klaus Kleber und Marietta Slomka. Siegloch ist Hauptabteilungsleiter Aktuelles, Kleber Redaktionsleiter. Mit anderen Worten: Slomka, die moderierende Redakteurin, hat zwei Chefs. Irgendwas kann an der These, die Frauen hätten im Fernsehen die politische Kommunikation gekapert, nicht ganz stimmen.