VG-Wort Pixel

"Tatort"-Kritik Stuttgarter Abgründe


Der eine Ermittler erschießt einen Supermarkt-Räuber, der andere säuft. Im neuen "Tatort" aus Stuttgart gerät das Leben von Polizisten und Verbrechern aus den Fugen. Ein düsterer und spannender Fall.
Von Annette Berger

Irgendwie ist in diesem "Tatort" vieles verkehrt herum. Die meiste Action gibt’s am Anfang, danach wird es ruhiger. Vermeintliche Opfer sind Täter - und die Kommissare erleben eine Entwicklung, in der sie zunächst als Helden gefeiert und dann als brutale Beamte mit Korpsgeist abgestempelt werden.

Dieser Stuttgarter "Tatort" ist ein intelligent gemachter Psychokrimi. Bis zum Schluss hält die Folge mit dem Titel "Eine Frage des Gewissens" die Spannung.

Gleich zu Beginn die Schlüsselszene: Eine Geiselnahme in einem Supermarkt, die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) sind mitten im Geschehen. Lannert erschießt den Geiselnehmer, Kollege Bootz hilft Kunden, sich in dem Chaos in Sicherheit zu bringen. Wenig später muss sich Lannert einer Anhörung vor dem Oberstaatsanwalt stellen. Das ist vorgeschrieben, Routine. Doch so klar, wie der Fall zunächst scheint, ist er plötzlich nicht mehr. Die Mutter des erschossenen Geiselnehmers hat einen gerissenen Anwalt (Michael Rotschopf) engagiert, eine Art moderner Robin Hood, der erklärtermaßen gegen Behördenwillkür kämpft. Der Jurist will beweisen, dass der Todesschuss völlig unverhältnismäßig war.

Wertlose Unterstützung

Zum Glück stützt Bootz die Aussage seines Kollegen. Zum Glück? Im Laufe der Handlung kommen Zweifel an seiner Aussage auf. Konnte der Kommissar den Augenblick des tödlichen Schusses überhaupt sehen?

Die Antwort gibt der Krimi nach und nach: Nein, Bootz hat nichts gesehen, er will seinem Kollegen mit der Falschaussage helfen. Als wenig später eine wichtige Zeugin niedergeschossen wird und sterbend ausgerechnet von Kommissar Bootz in ihrer Wohnung aufgefunden wird, geraten die Kriminalisten ins Zwielicht. Bootz wird von dem Fall abgezogen. Öffentliche Kritik wird laut. Plötzlich sind die zwei Ermittler nicht mehr Helden, die einen brutalen Geiselgangster gestoppt haben, sondern schießwütige "Bullen".

Ganz nah am Abgrund

Es sind Wendungen wie diese, die den Fall spannend machen. Regie führte Till Endemann nach einem Buch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser. Die Ermittlungen zu dem Supermarkt-Überfall ergeben, dass mehrere vermeintliche Kunden in Wirklichkeit Komplizen des Geiselnehmers waren. Der Robin-Hood-Anwalt ist ein Vergewaltiger - und seine Frau ist eine Mörderin.

Am eindringlichsten jedoch ist die Entwicklung einer der beiden Kommissare: Bootz bekommt Gewissensbisse wegen seiner Falschaussage. Privat aus der Bahn wirft ihn die Trennung von seiner Frau. Er trinkt, seine Wohnung sieht aus wie eine Müllhalde. Wie nahe ist Bootz an der totalen beruflichen und privaten Katastrophe? Eine Katastrophe, wie sie einst der Anwalt durchlebte? Dieser wurde aus Frust über eine Trennung zum Vergewaltiger. Subtil vergleicht dieser "Tatort" das Schicksal des Anwalts mit dem des Kommissars. Der Jurist wird zum düsteren Spiegelbild des Ermittlers.

Lannert schweigt, Bootz leidet

Dass sich der Krimi so sehr auf den einen der beiden Kommissare konzentriert, ist Vorteil und Manko zugleich. So besteht Lannerts Part häufig nur darin, ernst zu gucken oder kurze Sätze zu sagen. Die Frage, wie sehr er darunter leidet, einen Menschen erschossen zu haben, wird ausgeklammert. Zum düsteren Mittelpunkt des Geschehens wird Bootz - also derjenige, der nicht geschossen hat und damit zunächst weniger interessant erscheint als sein Kollege. Da ist es wieder, das Prinzip dieses Krimis: Hier ist eben wirkliche vieles verkehrt herum.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker