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Interview

"The Voice of Germany": Sido über Mark Forster: "Mark könnte einen Raptext schreiben. Aber halt keinen guten!"

Sido und Mark Forster gehören zu den erfolgreichsten Musikern Deutschlands. Der eine eckt gern an, der andere nie. Gemeinsam sitzen sie ab jetzt in der "Voice of Germany"-Jury.  

Sido und Mark Forster

Sido und Mark Forster sind Juroren in der neuen Staffel von "The Voice of Germany".

Es ist einer dieser ultraheißen Tage des Jahres, und die Menschen vor dem Gebäude H flüchten sich in die klimatisierte Kühle der Fernsehstudios. In dem Glas-Beton-Klotz in Adlershof im Südosten von Berlin werden die Folgen der womöglich beliebtesten Unterhaltungssendung Deutschlands aufgezeichnet: "The Voice of Germany". Heute Abend startet die neunte Staffel der Castingshow. In der Jury sitzt der Sänger Rea Garvey, neu dabei sind die Musikerin Alice Merton und der Rapper Sido. Der Vierte in der Runde ist ein Altbekannter: Schmuse­star Mark Forster.

Was wenige wissen: Mark Forster und Sido verbindet mehr als eine erfolgreiche Gesangskarriere, und das ist umso erstaunlicher, als dass beide auf den ersten Blick betrachtet nicht unbedingt gut zusammenpassen. Sido fing Anfang der Nullerjahre beim Hip-Hop-Label Aggro Berlin an, und seine frühere Fehde mit Bushido ist so legendär wie sein Song "Mein Block". Man kann sagen, Sido und Bushido haben den sogenannten Ghettorap in Deutschland überhaupt erst populär gemacht. Sido prügelte, flegelte, fluchte, er trug damals noch eine Maske und sang Lieder wie den "Arschficksong". Das ist zwar lange her, aber doch eben sehr anders als der Werdegang von Mark Forster.

Forster gilt als Vorzei­gejunge, aufgewachsen in Winnweiler in Rheinland-Pfalz. Das Krasseste, was von ihm bekannt ist: dass er ein Jura-Studium abbrach – um zu BWL zu wechseln. Auch in der Schule wären sich die beiden – wären sie in derselben Stadt aufgewachsen – wohl nie begegnet. Sido besuchte die Gesamtschule, Forster das Gymnasium. Der stern hat die beiden zum Interview gebeten, um über Gegensätze und das, was sie verbindet, zu sprechen. Mark Forster erscheint, wie zu erwarten, pünktlich, Sido raucht noch eine, sagen wir mal, Zigarette. Beide bitten darum, geduzt zu werden. 

Würdet ihr euch als Freunde bezeichnen? 

Sido: Ja.

Mark Forster: Auf jeden Fall. 

Wie kam es dazu? 

Sido: Kennengelernt haben wir uns in der Sendung von Kurt Krömer

Forster: Ich habe damals noch bei Krömer als Sidekick gearbeitet und Sido als Gast betreut. Ich habe  zu ihm gesagt: Hallo, Herr Sido, was möchten Sie gerne trinken?

Sido: Kann ich mich aber null dran erinnern. Später hörte ich immer dieses Lied von Mark, "Auf dem Weg". Und dachte mir: Mit dem will ich mal einen Song machen. Als ich das meinem Team erzählte, sagte man mir: Siggi, den kennst du doch schon. Ich so: Echt?

Forster: Ich bin dann wenig später in einer Sendung aufgetreten, die von Charlotte Würdig, also Sidos Frau, moderiert wurde, und dort hat sie mich dann nach meiner Nummer gefragt. Danach hat Sido mich angerufen. So ging es los.

Wenn ihr beide quasi befreundet seid, würdet ihr dem jeweils anderen den Sieg in der Show gönnen? 

Beide: Auf keinen Fall.

Was zeichnet eure Freundschaft aus? 

Sido: Mark und mich verbindet grundsätzlich ein Gespür für gute Songs – und es gibt in Deutschland nur wenig Künstler, die das haben. 

Forster: Zudem hält mich Sido für eine Art Pfadfinder. Wenn er mit seinem Hund durch den Wald spaziert und sich fragt, welcher Vogel da gerade zwitschert oder welches Laub da vor ihm zu Boden fällt, dann ist sein erster Gedanke: Ich ruf Mark an, der weiß so was. 

Mark, beneidest du Sido um seine Streetcredibility?

Sido: Was soll das sein, Streetcredibility? 

Straßenhärte. 

Sido: Straßenhärte ist Schwachsinn. 

Forster: Klar wurden Sido und ich einfach ganz anders sozialisiert. 

Sido wuchs im rauen Märkischen Viertel in Berlin auf, Mark im beschaulichen Winnweiler in Rheinland-Pfalz ...

Sido: Erst mal kann ja niemand was dafür, wo er geboren ist. Ich hab mich ja nicht bewusst dafür entschieden. Wie viele andere im Viertel wollte ich da auch nicht sein, aber du hast keine andere Chance und keine andere Wahl und keine gute Zukunftsperspektive und fängst irgendwann zwangsläufig an, Scheiße zu bauen. Und auf die Scheiße, die ich früher gebaut habe, bin ich heute nicht stolz. Das ist ein Teil meiner Vita, aber ich schmücke mich damit nicht. Ganz ehrlich? Ich wäre lieber in Winnweiler aufgewachsen. 

Forster: Um zurück zur Frage zu kommen: Ich beneide Sido darum, dass das, was er sagt, immer sehr nah an seiner Empfindung ist. Wenn er spürt, dass ihm etwas nicht schmeckt, dann sagt er: Das schmeckt nicht. Er muss Sachen nicht so verkopfen, wie ich es tue. Ich bin ein ganz anderer Typ, eher so der Grübler und zerdenke die Dinge. Ich frage mich dann: Schmeckt mir das jetzt vielleicht nicht, weil ich den Geschmack noch nicht kenne oder aus diesem oder jenem Grund. Sido verlässt sich immer auf sein Bauchgefühl. 

Und Sido, worum beneidest du Mark? 

Sido: Um sein Alter, um diese Frische. 

Aber er ist doch nur drei Jahre jünger als du. 

Sido: Was? Er sieht aber doch viel jünger aus als ich. 

Forster: Das sind die polnischen Gene. 

Apropos polnische Gene: Mark, bei Sido ist bekannt, dass sein Künstlername für "Scheiße in dein Ohr" oder "Superintelligentes Drogenopfer" steht, du hingegen wurdest als Mark Ćwiertnia geboren. Wie kamst du zu deinem Künstlernamen? 

Forster: Ćwiertnia ist natürlich völlig Popsänger-untauglich. Das wird ständig falsch ausgesprochen und geschrieben, es stand sogar auf meinem Abiturzeugnis falsch. Also habe ich überlegt, wie ich mich nennen kann, was gar nicht so leicht war. Welchen Namen nimmt man, wenn man theoretisch jeden zur Auswahl hat? Ich saß also zusammen mit Freunden, und wir brainstormten: Mark Power. Mark Magic ... 

Sido: Klingt wie ’n Pornostar! 

Forster: Auf Forster kamen wir dann so: Mein Studio ist in Berlin in der Forsterstraße. Und der Typ, der am Anfang von der Plattenfirma kam, um sich meine Sachen anzuhören, konnte sich meinen Nachnamen nicht merken. Und deshalb speicherte er meine Nummer im Handy ab unter: Mark Forster. 

Mark, warum hast du eigentlich erst kurz Jura und dann noch BWL zu Ende studiert, bevor du anfingst, deine Musikkarriere zu starten? 

Sido: Hast du echt? Streber! 

Forster: Na ja, es gibt ja nur einen Grund, BWL zu studieren: Man weiß nicht, was man sonst studieren soll. 

Quatsch. Wenn man nicht weiß, was man studieren soll, wählt man irgendetwas Geisteswissenschaftliches. 

Forster: Ich bleibe dabei, es gibt keinen leichteren Studiengang als BWL. 

Sido: Kann ich nicht mitreden. 

Forster: Ich wusste einfach nicht, was  ich studieren sollte. Ich wusste bloß: Ich möchte Musiker werden, und meine Songs sollen im Radio gespielt werden. Das war mein Traum. Aber dafür gab es keinen Studiengang. Also überwog am Ende mein Sicherheitsbedürfnis. 

Bist du ein Sicherheitstyp? 

Forster: Ja, das habe ich wohl von zu Hause mitbekommen. Dieses: Lern erst mal was Vernünftiges, Junge. 

Es gibt immer wieder Vorwürfe gegen dich, Mark, du und deine Songs seien zu glatt, zu unpolitisch. Hast du das,  was Sido an Ecken zu viel hat, vielleicht zu wenig? 

Forster: Ich finde diesen Vorwurf mir gegenüber ungerecht. Nur weil ich mich nicht politisch äußere, heißt das ja nicht, dass ich unpolitisch bin. Wie ich schon sagte: Ich bin jemand, der lange über alles nachdenkt. Vielleicht manchmal zu lange. 

Sido, "The Voice of Germany" gilt als die netteste Castingshow Deutschlands und ist dafür bekannt, dass man die Teil­nehmer umsichtig kritisiert. Musstest du deine Berliner Schnauze stark zügeln? 

Sido: Das ging schon. Es war zum Glück niemand hier, der wirklich scheiße singt. 

Forster: Manchmal wurdest du aber schon ungeduldig. Als hier letztens ein Typ seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht hat, sagte Sido nur: Okay. Und ab dann.

Sido: Ich hab einfach nicht verstanden, was das sollte. 

In der Show hat bislang noch nie ein Rapper gewonnen – obwohl die Charts gestürmt werden von jungen Künstlern wie Capital Bra und Ufo361. Wie kommt das? 

Sido: Das liegt am Medium. Diese jungen Hip-Hop- und Trapsänger gucken kein Fernsehen. Die interessiert nur noch Internet und Instagram. Das ist deren Welt. Die gehen in keine Unterhaltungsshows. Und selbst Fernsehshows sind ja nicht mehr so wie "Wetten, dass ..?" früher. Diese Straßenfeger, wo die Geschäfte leer sind, weil alle zu Hause vor der Glotze hocken, so was gibt es gar nicht mehr. Höchstens bei einem WM-Spiel noch. Aber ich muss aufhören, sonst klingt das wie Opa erzählt vom Krieg. 

Mark, kannst du eigentlich rappen? 

Forster: Nein. Megaloh hat das mal gut formuliert. Er sagte, Rap sei die "einzige Mucke, wo man das, was man sagt, auch verkörpern muss". Und das wäre bei mir nicht der Fall. Aber ich hatte erst letztens eine Diskussion mit Sido, ob ich einen Raptext schreiben könnte.

Sido: Ich glaube, er könnte es. 

Forster: Was? Bei unserem Gespräch hast du doch noch genau das Gegenteil gesagt. 

Sido: Ich glaube, du könntest einen schreiben. Aber halt keinen guten. 

Die neue Staffel von "The Voice of Germany" startet am Donnerstag, 12. September, um 20.15 Uhr auf ProSieben.