"Wetten, dass..?" Gähnen mit Gottschalk


Extrem hoher Gähnfaktor, lustloser Moderator, lahme Gästetruppe: Der Quotengarant "Wetten, dass..?" muss sich zur 174. Ausgabe weiter Kritik gefallen lassen. Brauchen wir die Show wirklich noch für den Büroklatsch am Montagmorgen? Und: Wann bekommt die Sendung endlich eine Frischzellenkur?
Von Sylvie-Sophie Schindler

Über den Abischerz lacht man längst nicht mehr miteinander. Eigentlich hat man sich auch sonst nichts zu erzählen. Trotzdem trifft man ihn immer noch, den alten Kumpel aus der Ära herausnehmbarer Zahnspangen und erster feuchter Küsse. Und man versteht sich selbst nicht dabei. Denn Verabredungen mit Kumpels, die man noch kannte, bevor sie in den Stimmbruch kamen, haben einen extrem hohen Gähnfaktor. Genauso ist es mit dem Dauer-Quotenhit "Wetten, dass..?" Man guckt, weil es inzwischen Gewohnheit geworden ist. Oder aus Sentimentalität - vielleicht war es ja mal Freundschaft, irgendwann. Doch eigentlich hat man sich auseinander gelebt.

Mit Überraschungen rechnet man, auch klar, längst nicht mehr. Will überhaupt noch einer wissen, in welch ausgeflipptem Outfit der Gottschalk Thommy die Show bestreitet? Eben. Dass Mister Blondlocke die 174. Ausgabe der ZDF-Sendung aus Halle/Saale mit einem schlüpfrigen Kommentar eröffnete - business as usual. In Altherren-Manier witzelte er über das Orkantief: "Emma bläst. Ich glaube nicht, dass Alice Schwarzer glücklich darüber ist." Wäre eigentlich ein Lacher, käme die Bemerkung nicht ausgerechnet von Thomas Gottschalk. Derlei Anspielungen hat man einfach schon viel zu oft gehört. Schon mal einen ausgespuckten Kaugummi wieder und wieder in den Mund genommen? Der Effekt ist derselbe.

Gottschalk scheitert am kleinen Moderatoren-Einmaleins

Den Vorwurf der Lustlosigkeit muss sich der schillernde Entertainer auch diesmal wieder gefallen lassen, auch wenn derlei Kritik auch schon kalter Kaffee ist. (Fragt sich nur, warum er sich die Kritik bislang noch nicht zu Herzen genommen hat). Wäre er, wie ursprünglich geplant, Lehrer geworden und würde er mit eben dieser Motivation, wie er am Samstagabend durch die Sendung führte, den Unterricht bestreiten, dann müssten seine Schüler jegliche Pisa-Hoffnung begraben. Es gibt keine Rettung: Gottschalk scheint sich bei Kollege Harald Schmidt angesteckt zu haben, mit dem "Mich-kotzt-das-alles-an-ich-mach-es-aber-trotzdem"-Virus. Auch am kleinen Moderatoren-Einmaleins scheiterte der Gastgeber kläglich. Auf die eigene Sendung vorbereitet sein - wozu denn? Thommy bastelte sich aus Stichworten seine eigenen Wahrheiten. Über Schauspieler Armin Rohde behauptete er: "Du hast eine Clownsausbildung in Frankreich gemacht." Rohde korrigierte: "Nee, stimmt nicht, mein Lehrer war ein Franzose." Zu Sasha sagte er auf der Couch: "Dein Film kommt bald ins Kino." Sasha aber wusste es besser: "Nein, der Film läuft bereits seit zwei Tagen im Kino."

Dass Thomas G. in seinen Interviews nicht zu ausufernden philosophischen Exkursen über den Begriff der Kantschen Vernunft einlädt, ist eine sinnvolle Entscheidung. Der Samstagabend-Mensch mag unterhalten werden. Doch lässt sich noch von Unterhaltung sprechen, wenn selbst der morgendliche Plausch zwischen jeder x-beliebigen Bäckereifachverkäuferin und ihren Kunden spannender sind als das Couch-Gebrabbel mit dem Gastgeber der Show? Ein Beispiel: Thommy zu Anja Kling: "Lachen deine Kinder über Clowns?" Anja Kling: "Ja, absolut." Thommy: "Aha." Ohnehin schien es dem Moderator nicht auf Antworten anzukommen, manchmal wartete er sie gar nicht erst ab oder er stellte drei Fragen gleichzeitig und der Befragte, der wohl noch grübelte, auf welche Frage er eigentlich antworten soll, sagte lieber etwas ganz anderes. Ähnlich absurd sind Handy-Gespräche, bei denen der Empfang immer wieder unterbrochen ist.

Fast jeder bewirbt ein Produkt

Es wäre an den Gästen gewesen, die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Schauspielerin Anja Kling kümmerte es nicht. Sie begnügte sich damit "Schmuck des Sofas" (Originalton Gottschalk) zu sein und wirkte dabei so charmant wie ein Ballen Stroh. Auch Armin Rohde konnte über das künstliche Lachen seiner Kollegin nicht hinwegtrösten. Vorbei die Zeiten, als er seinen Prachtkörper dem Fernsehvolk zeigte und nur mit einer Küchenschürze bekleidet über die Bühne lief. Rohde saß in einer Haltung auf der Wettcouch, als wäre er dazu verdonnert, ähnlich wie ein Fußballer, der nach einem Foul auf die Strafbank muss. Aber, und daran gibt es nichts zu meckern, jeder Gast erfüllte brav seinen Job und rührte die Werbetrommel für eigene Zwecke, beziehungsweise für die Zwecke des ZDF. Wie etwa Heiner Lauterbach und Kai Wiesinger, die hübsch Reklame machen sollten für einen gigantischen historischen Zweiteiler, der mit einem 10-Millionen-Euro-Budget gedreht wurde. Es irritierte fast, als tatsächlich Gäste kamen, die kein Produkt zu bewerben hatten. Weder der Skilrennläufer Felix Neureuther noch der Formel-1-Fahrer Nico Rosberg kamen mit einer CD, einem Buch oder einem Film daher. Sie lächelten sich lieber in die Herzen von Millionen Töchtern und Schwiegermamas.

Doch wozu das anschauen? Findet sich am Montagmorgen nichts Besseres, über das man mit den Kollegen sprechen könnte? Hätte man wenigstens einen wie Götz George eingeladen, dann wäre einem ein Skandal sicher und Deutschlands Büros wären mit aufregendem Tratsch versorgt. Wie im Jahr 1998, als der beliebte Schauspieler Gottschalk anraunzte: "Bei dir kommt doch immer wieder der Oberlehrer durch. Komm auf den Film zu sprechen, der ist mir wichtiger als das, was du redest." Aber bitte: wenigstens gesellte sich Opernsängerin Cecilia Bartoli zu der lahmen Gästetruppe. Und brachte mehr Temperament mit als alle zusammen. In ihr Gesicht zu blicken, wenn sie spricht, wie sie dabei ihre dunklen, funkelnden Kulleraugen aufreißt und sich jeder Muskel zu bewegen scheint, ist ein echtes Erlebnis. Man hätte gerne noch mehr von ihr gehört, am liebsten eine Arie, und es ist nicht zu verstehen, warum die Italienerin keine Gelegenheit zu singen bekam. Stattdessen musste man sich das unerträgliche Gegröle der "Prinzen" anhören, die mit einem Chor aus Beatles-Doubles "Yellow Submarine" anstimmen - ihr kläglicher Versuch, die Stadtwette zu gewinnen. Kabarettist Dieter Nuhr, der vor allem über Verdauungen philosophierte, war auch schon mal witziger. Hübsch anzusehen und auch anzuhören waren hingegen Leona Lewis und Lenny Kravitz. Auch wenn man die Showacts nur am Rande mitbekam und lieber nutzte wie eine Werbepause: Chips nachfüllen, Bier aus dem Kühlschrank holen.

"110 Meter Hürden im Rückwärtslauf in 25 Sekunden "

Werbepausen-Charakter hatten auch einige Wetten - längst bleibt man nicht mehr mit der Nase auf der Mattscheibe kleben. Null Unterhaltungswert brachte beispielsweise eine Wette, bei der zwei Installateure die Temperatur von Wasser mittels Hautkontakt angeben konnten. Ein Ex-Skilehrer spuckte Minigolfbälle ins Loch, auch nicht besser. Kurz und schmerzlos hingegen die Wette eines Italieners: 110 Meter Hürden im Rückwärtslauf in 25 Sekunden. Ungewollt komisch danach das Interview mit dem sportlichen Burschen, das Thommy versuchte, das aber nicht in Gang kam, weil der Wettkandidat seinen Übersetzer im Ohr nicht hören konnte und auch mit Englisch kein Weiterkommen war. Zum Leidwesen Thommys ließ sich der Hürden-Hüpfer trotzdem nicht so schnell abwimmeln. Später sagte der Moderator: "Von Italienern habe ich erstmal genug." Der einstige Quotengarant dürfte diesmal endlich wieder punkten, denn die Konkurrenz zeigte sich einigermaßen gnädig: RTL sendete eine Erstausstrahlung der "Ultimativen Chart Show" mit Oliver Geissen. Bei ProSieben flimmerte mit der amerikanischen Komödie "Der Herr des Hauses" eine Premiere über den Bildschirm. Auf den anderen Programmen gab es fast nur Wiederholungen. Im Januar ging die Sache für "Wetten, dass..?" weniger glimpflich aus: mit "Deutschland sucht den Superstar" holte sich RTL einen Marktanteil von 33,2 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen, bei Thomas Gottschalk schalteten nur 24,4 Prozent ein. Wann erkennt der Moderator endlich, dass es nicht stimmt, wenn er wie am Samstagabend sagte: "Ich moderiere immer noch Jugendsendungen"? Wenn es nicht bald eine Frischzellenkur gibt für die Show, dann sollte man alle Gewohnheiten und Sentimentalitäten über Bord werfen. Man könnte ja schon mal bei dem alten Kumpel aus Schultagen üben - und ihm endlich die Freundschaft kündigen.


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