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TV-Kritik

"Wetter extrem" im NDR: Schockierende Klimareportage - nach diesem Film können Sie nicht mehr ruhig schlafen

Konkrete Beispiele statt abstrakter Zahlen: Die NDR-Reportage "Wetter extrem" zeigt, wo der Klimawandel bereits heute spürbar ist. Ein Film, der aufrüttelt - aber den Zuschauer hilflos und verängstigt zurücklässt.

Waldsterben

Auch die Wälder sind vom Klimawandel betroffen

"Bei 24 Grad gab es früher hitzefrei", sagt Hellmut Bahnsen. Der gebürtige Pellwormer erinnert sich an die Sommer in seiner Kindheit. Heute sind auf der kleinen Nordseeinsel Temperaturen um die 30 Grad keine Seltenheit mehr. Die Hitzetage haben zugenommen. Mit verheerenden Folgen für die Pellwormer. Da der Meeresspiegel steigt und Sturmfluten zunehmen, ist die ganze Insel bedroht.

Fernsehreporter Philipp Abresch ist für die dreiteilige NDR-Reihe "Wetter extrem" (immer am Freitag im NDR) durch den Norden gereist. Er lässt Menschen wie Bahnsen zu Wort kommen, die bereits heute die Folgen des Klimawandels spüren und die teilweise in ihrer Existenz bedroht sind. Wie die vielen Landwirte im Norden.

"Ich musste im Hitzesommer 2018 mit den Wintervorräten zufüttern, das hat es noch nie gegeben", beschreibt Rinderbauer Nico Nommsen die Situation im vergangenen Jahr. Die extreme Trockenheit führte dazu, dass kein frisches Gras und Heu mehr da waren. Der Bauer musste einige Tiere vor der Schlachtreife verkaufen. "Es ist schon so, dass man nachts aufwacht und sich fragt: Wie soll es weiter gehen?", sagt Nommsen.

Die sachliche Reportage gerät zum Horrorfilm

Viele Menschen an Nord- und Ostsee freuen sich über die schönen Sommer und steigende Temperaturen. Doch welche Folgen das auf die Landwirtschaft hat, macht der erste Teil der Fernsehreihe eindrucksvoll deutlich. Statt abstrakte Zukunftsprojektionen und Zahlenmodelle zu präsentieren, will Reporter Abresch zeigen, was der Klimawandel bereits heute anrichtet. Das hätte eine akribische und aufrüttelnde Beweissammlung werden können. Doch die sachliche Reportage gerät zum Horrorfilm.

Die ohnehin beängstigenden Aussagen der Protagonisten werden mit dramatischer Streichmusik unterlegt. Zu schönen Landschaftsbildern fragt die Offstimme dann: "Wie lange wird es diese Idylle noch geben?" Experten untermauern das Untergangsszenario: "Wenn das Grönlandeis schmilzt, steigt der Meeresspiegel um sieben Meter", erfahren wir. Cuxhaven wäre dann nur noch eine Insel, der südliche Teil Hamburgs komplett unter Wasser.

Rettet die Veggie-Frikadelle das Klima?

Gibt es denn gar nichts, was wir tun können? Abresch besucht Godo Röben, den Geschäftsführer der Fleischfabrik "Rügenwalder Mühle". Die Firma führte vor einigen Jahren vegetarische Frikadellen ein, wurde dafür belächelt. Inzwischen macht der Anteil vegetarischer Produkte 30 Prozent des Umsatzes aus. Das tut auch dem Klima gut. Denn ein Kilo Schweinefleisch verursacht vier Kilogramm CO2, ein Kilo Rindfleisch sogar 14 Kilogramm CO2.

"Die Wende fängt beim Essen an", heißt es nach 28 Minuten Film. Doch rettet die Veggie-Frikadelle wirklich das Grönlandeis? Angesichts der aufgezeigten globalen Herausforderungen und Bedrohungen wirkt der Beitrag, den jeder einzelne leisten kann, deprimierend klein. Statt zu motivieren bewirkt die Reportage am Ende das Gegenteil und überfordert den Zuschauer, der hilflos zurück bleibt. Mehr Zuversicht hätte der Reportage gut getan.


Teil 1 von "Wetter extrem" ist in der ARD-Mediathek abrufbar, Teil 2 und 3 sendet der NDR am 6. und 13.09. jeweils um 21.15 Uhr