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"50 Jahre Hitparade": Wenn Gottschalk keine Lust hat

Statt "50 Jahre Hitparade" zu feiern, lästerte sich Thomas Gottschalk durch den Samstagabend. Es wurde eine Show voller Unannehmlichkeiten.

Gottschalk erdreistet sich, Heino zu fragen, ob der sich nicht als "Witzfigur" empfand

Gottschalk erdreistet sich, Heino zu fragen, ob der sich nicht als "Witzfigur" empfand

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"Das war damals ne schöne Zeit", fasst Bernhard Brink zusammen, was wohl alle geladenen Gäste in der Samstagabendshow "50 Jahre Hitparade" gedacht haben. Alle, bis auf den Gastgeber. Thomas Gottschalk machte den ganzen Abend über keinen Hehl daraus, dass Schlager nicht so sein Ding ist, und er die "Hitparade", die seit den 70er Jahren im ZDF gesendet wurde, nicht mochte. Die Erklärung, das ZDF hätte gefragt und einen anderen Job habe es nicht gegeben, wirkte ja anfänglich noch ganz lustig, im Laufe der Sendung wurde diese Haltung dann aber doch zu einem Ärgernis.

Witzfigur Schlagerstar

Klar, Gottschalk moderiert alles weg, was sich ihm so bietet. Hat sich der Mann ja jahrzehntelang drum verdient gemacht. Und ein Publikumsmagnet ist er auch, viele schalten ein, weil sie den 68- Jährigen sehen wollen. Nur: Für viele Menschen, mich ausgenommen, ist auch Schlager genau das. Ein Publikumsmagnet. Müssen die alle kollektiv immer und immer wieder daran erinnert werden, dass der Moderator mal so gar keinen Bock auf den Job hatte? Gottschalk erdreistet sich, Heino zu fragen, ob der sich nicht als "Witzfigur" empfand, worauf hin dieser nur kurz antworten kann, dass dem ja wohl nicht so sei. "50 Jahre Hitparade", das war für Fans ein nostalgischer Trip in die 70er, 80er und 90er.

Für alle anderen war es eher ein langer Abend voller Unannehmlichkeiten. Aber es wird ja niemand gezwungen, sich sowas anzuschauen. Oder es zu moderieren. Ist Gottschalks Geltungsdrang einfach so groß, dass ihm jede Sendung recht ist, um nur ja noch im Fernsehen stattzufinden?

Stars beim Älterwerden zuschauen

Es liegt in der Natur der Sache und sei trotzdem hier erwähnt: Es hat sich in 50 Jahren einiges getan. Manche Stars sind verstorben, andere sind eben älter geworden. Da geht’s den Menschen wie den Leuten. Nur, wenn Ottonormalmenschen altern, schaut ihnen niemand dabei zu. Wer von den Zuschauenden an diesem Abend nicht mindestens einmal "Der/Die ist aber alt geworden" dachte, der hat nicht richtig hingesehen. Das schüttere Haupthaar der Männer, die glattgezogenen oder sehr stark geschminkten Gesichter der Frauen, es gab reichlich Gelegenheit in Oberflächlichkeiten zu schwelgen. Das gehört irgendwie dazu und macht solch eine Sendung ja auch interessant. Der Zahn der Zeit nagt an uns allen, irgendwie beruhigend.

Gesellschaftskritik im Schlager?

Was aber viel interessanter ist: Unsere Gesellschaft hat sich verändert. War es früher noch lustig bei Texten wie: "Verliebte Jungs // können es nicht lassen// diese Frauen manchmal anzufassen" mitzusingen, bleibt einem heute hoffentlich so manches Lachen im Halse stecken. Nicht nur Purple Schulz, auch Howard Carpendale lässt in "Samstag Nacht" eher den gruseligen Stalker raushängen. "Da bei Dir brennt noch Licht und von hier da kann ich rüber in dein Zimmer seh'n" sang er, während alle dazu klatschten und schunkelten. Die alten Hits könnten durchaus neue Lyrics vertragen, nur vermutlich will das Publikum das nicht, Zeitgeist hin oder her.

Dabei würde das dem Schlager gut zu Gesicht stehen, MeToo macht sicher nicht vor Weichspülwelten Halt. Und, das zeigten die Zusammenschnitte von 368 Folgen Hitparade ja deutlich: Gerade in den 80er Jahren gab es sehr viele gesellschaftspolitische Themen, die in Liedern verarbeitet wurden. Wäre doch wünschenswert, wenn das aufs Heute übertragen werden würde.

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Neuauflage der "Hitparade"?

Aber, wir sind ja hier in einer "Nostalgiesendung", zu der es natürlich gehört, ihrem Erfinder und anfänglichen Moderator, Dieter Thomas Heck zu gedenken. Wie Gottschalk mit dessen Witwe Ragnhild "Hildchen" Heck umging, das war unschön. Die Frau war sichtlich bewegt von den Bildern ihres Mannes, wurde auf dem Sofa platziert, wo Michael Holm ihr gut zusprach. Gottschalk hingegen wollte lieber von Programmpunkt zu Programmpunkt hecheln. Natürlich, die Tränen und Ergriffenheit, die wurden in Großaufnahme gezeigt. Der Frau aber gut zureden? Nö, das machten dann die anderen.

Es gab an dem Abend auch einige eher merkwürdig anmutende Einladungen. So wurde ein Doktor eingeladen, der erklären sollte, dass die Schlager ein guter Musikgeschmack ist und sich die "Elite" darüber immer zu Unrecht erhebt. Der Erfinder vom TED, dem Abstimmungsverfahren in der Sendung war auch dabei und durfte drei Sätze sagen. Dazu gab es einen irritierenden Auftritt von Atze Schröder, der immerhin bei Mike Krügers "Der Nippel"- Song textsicher war.

Die Hitparade, das machten die vielen Einspieler deutlich, war eine Sendung die für (deutschen) Livegesang und einen Moderator stand, der, so Carpendale, alle Interpreten ankündigte, als sei er ein Fan. Die im Vorfeld aufgezeichnete Jubiläumsshow "50 Jahre Hitparade" verzichtete auf den Livegesang (was besonders beim Auftritt von David Hasselhoff auffiel), und schickte einen Moderator ins Rennen, der aus seiner Abneigung kein Geheimnis machte. Wollte das ZDF also erreichen, dass niemand mehr nach einer Neuauflage der Hitparade fragt, dann dürfte das mit dieser Ausgabe gelungen sein.

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