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Bundestagswahl: AfD-Aufstieg durch "die" Medien? Das ist pauschaler Unsinn

Es ist gerade Hoch im Kurs, "die" Medien (wer sind "die" überhaupt?) für den Aufstieg der AfD die Verantwortung zuzuschreiben - besonders den öffentlich-rechtlichen Sendern. Das ist sehr eindimensional.

Kommentar: AfD-Aufstieg durch "die" Medien - das ist pauschaler Unsinn

Einseitige Berichterstattung, mitunter über "jeden Rülpser der AfD" - diesen Vorwurf müssen sich Medien nicht gefallen lassen

Jeder unliebsame Zustand braucht scheinbar einen Sündenbock. Nach der Bundestagswahl sind es gern "die" Medien. Wer oder was "die" sind, bleibt dabei oft im Verborgenen. Im postfaktischen Zeitalter kann man offenbar schon einmal alle Medien in einen Topf werfen. Also gehen wir bei dem Vorwurf einmal von den großen TV-Sendern und -Anstalten sowie Verlagen aus.

An der pauschalen und unfairen Schuldzuweisung ändert die Definition ohnehin nichts. Ganz davon abgesehen, dass die Medienschelte nach einer Bundestagswahl scheinbar obligatorischer Natur ist. Schon 2005 sah Altkanzler Gerhard Schröder eine "Medienkampagne" gegen sich am Werk, 2012 fühlte sich der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von den Medien teilweise schlecht behandelt. Sie beide hatten vorher eine Wahlniederlage eingesteckt. Und auch nach dieser Bundestagswahl wird wieder auf sämtliche Selbstkritik verzichtet.

  

Sollten Medien nicht über die AfD berichten? 

"Darüber wird in den nächsten Wochen noch zu diskutieren sein, in welchem Ausmaß die beiden öffentlich-rechtlichen Sender massiv dazu beigetragen haben, die AfD nicht klein zu machen, sondern sie groß zu machen", beschwerte sich CSU-Politiker Joachim Hermann in der TV-"Schlussrunde" am Sonntag. Am Montag kritisierten die Talkgäste bei "Hart aber fair" beinahe im Kollektiv, dass über "jeden Rülpser der AfD" berichtet werde. "Ich hatte das Gefühl, ich mache den Fernseher an und es gibt nichts anderes mehr", meckerte SPD-Familienministerin Katarina Barley und bezog sich dabei auf die öffentlich-rechtlichen Sender und ihren angeblich überproportionalen Fokus auf die Flüchtlingskrise - dem wichtigsten Wahlkampfthema der AfD, was der Rechtspartei wohl auch in die Karten gespielt habe. 

Dieser Doppelstandard ist unerträglich. Ganz davon abgesehen, dass die etablierten Parteien die AfD durch eigene Flüchtlingspolemik verhindern wollten - man denke nur an die CSU und die Obergrenze - war für 79 Prozent der Deutschen die Flüchtlingspolitik das wichtigste Thema bei den Bundestagswahlen (laut einer einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag von N24). Und damit, sollte man meinen, auch der Politik. Aber es geht ja um "die" Medien. Also: Sollte es Aufgabe der Medien sein, über gesellschaftsrelevante und politische (Reiz-)Themen, wie diese, zu schweigen? Den Aufstieg der AfD, ein schließlich durch die Bundestagswahl bestätigter Fakt, einfach zu ignorieren? Über die Tatsache, dass erstmals seit Gründung der Bundesrepublik wieder eine rechtspopulistische Partei im Parlament sitzt, nicht zu berichten? 

Der vermeintliche Fingerzeig auf die öffentlich-rechtlichen Sender schlägt genau in die Kerbe der AfD, die den "Staatsfunk" insgesamt infrage stellt. Ganz nach dem Motto: Die etablierten Parteien sind mit der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender nicht zufrieden - also soll sich etwas ändern. Eine Stilkritik, die man auch als Machtanspruch interpretieren kann. Und die der Rechtspartei und ihren Anhängern damit in die Hände spielen könnte.

Der AfD-Wähler braucht Medien nicht, um die AfD toll zu finden

Auch in der Branche selbst wurde Kritik laut. So attestierte etwa "Spiegel Online" den "Plasbergs dieser Welt, den Einzug der AfD ins Parlament mitzuverantworten". Auch mein Kollege vom stern schrieb auf, "Warum die Medien eine Mitschuld tragen am Aufstieg der AfD" - und führte etwa das Argument an, es sei eine "objektive Berichterstattung, die der Größe und Bedeutung der Partei gerecht wird" geboten gewesen. Stattdessen hätten die Sender "mit ihrer Gewichtung ein verzerrtes Bild von der politischen Größenordnung vermittelt." 

Es mag am Ego vieler Medienvertreter kratzen, aber: Der AfD-Wähler braucht Fernsehsender und Zeitungen nicht, um die AfD toll zu finden. Aber womöglich, um auf "Grenzüberschreitungen, die über den demokratischen Konsens hinausgehen", aufmerksam zu werden, Carsten Reinemann (Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München) der "Süddeutschen Zeitung" erklärt hat. Völlige Nichtbeachtung bei einer Partei mit so einer breiten Anhängerschaft komme darüber hinaus nicht infrage.

"In Wahlkampfzeiten kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Verfassungs wegen in besonderem Maße die Funktion als Medium und Faktor der öffentlichen Meinungsbildung zu.", heißt es sogar im Erklärblatt "Konzept zur Wahlberichterstattung Bundestagswahl 2017" des öffentlich-rechtlichen MDR. "Dabei kommt die dienende Funktion der Rundfunkfreiheit primär in der Verpflichtung gegenüber dem (wahlberechtigten) Bürger und seinem grundrechtlich verbürgten Anspruch auf unabhängige und umfassende Information zum Tragen." Dabei lasse die Rundfunkfreiheit zu, "zwischen den einzelnen Parteien entsprechend der Bedeutung der Partei zu differenzieren" - etwa anhand der Ergebnisse vorausgegangener Wahlen, aber auch der Vorwahlumfragen und Wahlprognosen. 

"Es zählen viele Quellen - nutzt sie"

Damit ist es nur logisch und auch richtig, dass auch die AfD ein Teil der Berichterstattung wurde. Inklusive der verbalen Ausfälle von Spitzenkandidat Alexander Gauland, die nicht totgeschwiegen sondern angesprochen wurden. Dass über die Partei keineswegs nur nur positiv berichtet wurde, zeigt allein der Abgang von Co-Kandidatin Alice Weidel - sie verließ eine ZDF-Wahlsendung, als es um die Entgleisungen ihrer Partei ging. Und keine Sorge: Die meisten Talkshow-Auftritte im Jahr 2016 wurden laut "Meedia"-Analyse immer noch unangefochten von den Vertretern der etablierten Parteien bestritten.

Am Ende der "Hart aber fair"-Sendung vom vergangenen Montag richtete Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender einen klaren Appell an die Medienkritiker: "Zur Information zählt nicht nur eine Zeitung, nicht nur ein Fernsehsender, es zählen viele Quellen - nutzt sie." Kurz: Nutzt die Medien, ihre volle Bandbreite - aber auch euren Menschenverstand, wenn ihr sie konsumiert.