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ARD-Film "Tod einer Kadettin": Frau über Bord: Der mysteriöse Tod einer Offiziersanwärterin

Ein ARD-Film erzählt vom Tod einer Kadettin auf einem Segelschulschiff der Marine. Die Vorlage: die Geschehnisse auf der "Gorch Fock" 2008. Der reale Fall ist bis heute ungeklärt.

Lilly Borchert (Maria Dragus) beobachtet die anderen Kadetten, wie sie das Schiff verlassen

Die Schauspielerin Maria Dragus spielt die Figur der Lilly Borchert, angelehnt an die "Gorch Fock"-Kadettin Jenny Böken, die im September 2008 in der Nordsee ertrank.

Ein Traum, dieses Schiff. Die Messingarmaturen glänzen, das Deck ist frisch geschrubbt. Strahlend weiß liegt der Dreimaster unter dem Himmel in der Danziger Bucht.

Vor dem Schiff üben drei Dutzend junge Männer und Frauen in marineblauen Uniformen Disziplin. Ihnen gegenüber steht ein finster dreinblickender Bootsmann. "Stillgestanden. Wie befohlen nach vorne wegtreten." Die Kadetten schultern ihre Seesäcke und marschieren erwartungsvoll hoch aufs Deck. Rauf und wieder runter, immer geduldig aufs Neue, bis die Regie zufrieden ist.

Was beim Militär der Drill, das ist beim Film der Dreh, und an diesem Septembertag hat der überaus zivile Regisseur Raymond Ley das Kommando an Bord des Segelschulschiffs mit dem polnischen Namen Dar Mlodziezy übernommen.

Als erste Amtshandlung taufte Ley die Dar Dingsbums in "Johann Kinau" um. Johann Kinau war der bürgerliche Name des deutschen Marinedichters Gorch Fock, nach dem das offizielle Segelschulschiff der deutschen Marine benannt ist.

Jenny Böken ertrank im September 2008 in der Nordsee

Denn der ARD-Film "Tod einer Kadettin" kommt zwar als "fiktionaler Fernsehfilm" mit anschließender Dokumentation daher, doch er beruht auf einer wahren Geschichte: In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 ging die damals 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken unter bis heute ungeklärten Umständen auf der "Gorch Fock" zehn Seemeilen vor Norderney über Bord und ertrank in der Nordsee.

Jenny Böken ging auf der "Gorch Forck" über Bord und ertrank

Tod mit 18: die Offiziersanwärterin Jenny Böken

Mehr als ein Jahr lang haben Ley und sein Team im Vorfeld der Dreharbeiten den Fall recherchiert. Sie haben mit den Eltern der toten Kadettin gesprochen, mit Lehrern und Freunden aus ihrem Heimatort Geilenkirchen, mit Seefahrern, Ärzten und Anwälten. Der 58-jährige Ley hat sich einen Namen gemacht als Regisseur von Dokufiktionen wie "Eine mörderische Entscheidung" über das Kunduz-Massaker und "Letzte Ausfahrt Gera" über die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe. Er legt Wert auf Authentizität.

In militärischer Frühe hat das Set-Team die Hoheitszeichen am Schiff ausgetauscht, polnische Schriftzüge überklebt, am Heck die Deutschlandflagge gehisst. Nur auf den Kajüten steht noch "Kubryk" drauf. Das klingt wie Polnisch für Kajüte. Aber wer denkt da nicht an den Meisterregisseur Stanley Kubrick?

Am Nachmittag soll das Aufentern der Kadetten in die Takelage gedreht werden. Kameramann Dominik Berg ist bereits flink wie eine Decksziege vorangeklettert und sitzt gefechtsbereit auf dem Mast. Da droht auf dem Mittelschiff Ungemach: Drei polnische Stuntmen sind drauf und dran zu meutern. Sie sollen den Matrosendarstellern beim Aufentern in die Wanten helfen – selbst für erfahrene Seeleute kein ungefährlicher Job. Die Polen bestehen darauf, dass die Schauspieler mit zusätzlichen Leinen gesichert werden. "Das können wir so nicht drehen", protestiert Ley, "dann sehen die ja aus wie Marionetten."

Maria Dragus spielt "Lilly Borchert", die Hauptfigur

Kurz darauf klettert die Schauspielerin Maria Dragus die Takelage hoch. Die 22-Jährige ist "Lilly Borchert", die Hauptfigur des Films. "Ich spiele nicht Jenny Böken", erklärt Dragus, nachdem sie wieder mit beiden Beinen auf dem Deck steht. "Ich spiele den Kampf meiner eigenen Figur."

Ley sagt, es sei von Anfang an klar gewesen, dass der Stoff fiktional als Spielfilm erzählt wird. "Wir wollten ein Mädchen in der Maschine zeigen."

Die Maschine – das ist das Innenleben des Seglers: die Enge unter Deck, die schaukelnden Hängematten, der Geruch nach Schweiß und Erbrochenem, wenn der Seegang mal wieder zu hoch ist. Und natürlich der raue Ton: Drill, Gehorsam, Unterordnen. Was macht das mit jungen Menschen, die gerade erst das Elternhaus verlassen haben?

"Tod einer Kadettin" ist ein Beispiel dafür, wie einfühlsam ein Spielfilm wirkliche Ereignisse nacherzählen kann, auch wenn er sich Freiheiten nimmt. Es geht los mit einer gespenstischen Unterwasserszene: ein Schrei, ein Körper fällt in die schwarze See, ein Schuh sinkt in die Tiefe, eine Stimme sagt: "Ich hatte einen Traum, schon als Kind." Es ist eine Szene von beklemmender Intensität. Man spürt die Einsamkeit, Kälte und Verlorenheit, in der Lillys Leben an Bord ihres Traumschiffs enden wird.

Tatsächlich sind zahlreiche Details dem Leben von Jenny Böken entnommen: Das Drehbuch hält sich eng an die Ermittlungsakten; Zitate aus Bökens Bordtagebuch und ihren E-Mails an die Eltern finden Eingang in Dialoge.

Jenny Böken wollte Ärztin bei der Marine werden

Böken war ehrgeizig, selbstbewusst und zielstrebig. Einser-Abitur, Rettungsschwimmerin, ehrenamtlich engagiert. Schon in der Schulzeit absolvierte sie medizinische Praktika am Nato-Stützpunkt Geilenkirchen sowie auf der Fregatte "Köln" und erhielt gute Noten. An der Wand ihres Jugendzimmers hingen Zeichnungen der "Gorch Fock" und ein Selbstporträt, das sie als Bundeswehrpraktikantin mit einem verletzten Kind zeigt. Ihr Traum: Ärztin bei der Marine zu werden und im Auslandseinsatz Menschen zu helfen. Doch in der Grundausbildung an der Marineschule in Flensburg geriet sie an ihre Grenzen. Gegenüber Vorgesetzten war sie oft vorlaut, unter den Kameradinnen galt sie als besserwisserisch und pampig und wurde bald zur Einzelgängerin. "Die Jenny war kein besonders zugänglicher, offener Mensch", erinnert sich eine Kameradin aus Flensburg. "Oft hat der Zugführer im guten Ton versucht, mit ihr zu reden, aber da war kein Rankommen." Außerdem sei sie oft krank gewesen.

Die ehrgeizige Kadettin litt unter Kreislaufproblemen, gehörte beim Sport zu den Schlechtesten und schlief im Unterricht ein – einmal sogar auf dem Schießstand.

Aber sie wollte nicht aufgeben und kämpfte sich verbissen durch die Grundausbildung. Am Ende der ersten zwei Monate lautete das vernichtende Urteil der Marine-Ausbilder: Eine Eignung zum Offizier ist nicht erkennbar. Trotzdem erreichte sie ihr Ziel – sie durfte mit auf die "Gorch Fock".

Segelschulschiff "Gorch Fock"

Prachtsegler "Gorch Fock"

Kommandant Schatz begrüßt die Neuzugänge mit den Worten: "Das Leben ist kein Ponyhof, und die Marine ist kein Bootsverleih." An Bord geriet Jenny weiter ins Abseits, schrieb im Tagebuch vom "Zickenkrieg" mit den Kameradinnen. An Bord wurde es für die über 200 Mann und Frau starke Besatzung eng. Die 26 Kadettinnen mussten sich einen Raum – im Bordslang "Dosendeck" – und drei Toiletten teilen.

Beim Aufentern in die Takelage bekam Jenny panische Höhenangst, bei der Wache schlief sie ein. Mehrmals meldete sie sich wegen Unterleibsschmerzen beim Schiffsarzt. Der sagte: Vermutlich eine Zyste, und riet ihr, am Wochenende im nächsten Hafen zum Gynäkologen zu gehen. Doch dort kam Jenny nie an.

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 war die Offiziersanwärterin von 22 bis 24 Uhr als Posten "Ausguck" zur Wache auf dem Vorschiff eingeteilt und musste alle 30 Minuten die Meldung "Auf der Back ist alles wohl, die Laternen brennen" durchgeben. Dabei trug sie, wie damals für Bordwachen üblich, weder eine Schwimmweste noch einen GPS-Sender. Obwohl ihre Meldung um 23.30 Uhr ausblieb, kümmerte sich niemand um den Verbleib der jungen Frau.

Um 23.43 Uhr löste der wachhabende Offizier den Alarm "Mann über Bord" aus, die Mannschaft warf sofort Rettungsringe und eine Rettungsinsel ins Wasser. Als die "Gorch Fock" nach 1500 Metern wendete und zur Unglücksstelle zurückfuhr, fanden die Retter keine Spur mehr von Böken. Am nächsten Tag hätte sie ihren 19. Geburtstag gefeiert.

Leichnam wurde nordwestlich von Helgoland gefunden

Elf Tage später fischte die Besatzung eines Fischereiforschungsschiffs den Leichnam der jungen Frau 65 Seemeilen nordwestlich von Helgoland aus dem Meer – 150 Kilometer von der Stelle entfernt, an der sie über Bord gegangen war. Sie war nur mit Hose, Sweatshirt und Socken bekleidet, Parka und Schnürstiefel fehlten. Dennoch kam die Staatsanwaltschaft Kiel wenige Monate später zu dem Ergebnis, es habe sich um ein "tragisches Unglück" gehandelt.

Jennys Eltern Marlis und Uwe Böken sind dagegen bis heute überzeugt, dass der Tod ihrer Tochter kein Unglück war. Sie haben zahlreiche Gerichtsverfahren angestrengt – und verloren. Aber sie geben nicht auf. "Wenn ich im Himmel ankomme, will ich meiner Tochter nicht die Frage beantworten müssen: Mama, warum hast du nicht alles getan, damit mir Gerechtigkeit widerfährt?", sagt Marlis Böken. "Wir sind sicher, dass Jenny bereits tot war, als sie ins Wasser fiel", sagt Uwe Böken. Beide hoffen, dass sich nach dem ARD-Film doch noch Zeugen bei ihnen melden.

Die Mutter gründete 2009 die Jenny-Böken-Stiftung zur Unterstützung von Familien getöteter und gefallener Soldaten. Die Bundeswehr bemühte sich um die trauernde Familie und heftete der Verstorbenen offiziell "ehrendes Gedenken" an den Grabstein. Doch die Eltern verbittert, dass die Marine vor Gericht darauf beharrte, es handele sich um ein Unglück.

Nun äußert sich zum ersten Mal außerhalb der Ermittlungen eine der Kadettinnen, die damals an Bord der "Gorch Fock" war. Aus ihren Aussagen gegenüber dem stern ergibt sich ein Bild der Stimmung auf dem Schiff, eine Mischung aus kollektiver Panik und individueller Gleichgültigkeit.

Die Kadettin, die zur selben Zeit wie Böken Wache an Deck hatte, berichtet, sie habe "schätzungsweise zehn nach halb zwölf" Schreie von Steuerbord gehört. Dann habe der Posten "Rettungsboje" etwas gesehen, und das Kommando „Mann über Bord“ sei ausgelöst worden: "Wir haben die Segel in Trichterstellung gebracht, weil man so ein Boot nicht einfach anhalten kann. Haben gezogen an den Tampen, als gäb's kein Morgen mehr."

"Wir haben Angst gehabt, dass sie da vorbeischwimmt"

Schließlich bekamen sie und ihre Kameradinnen den Befehl, unter Deck zu gehen und zu schlafen. "Das hat natürlich nicht funktioniert. Es war so komisch, dass wir alle in unseren Hängematten lagen, nur sie halt nicht. Wir haben immer rausgeschaut durchs Bullauge und Angst gehabt, dass sie da vorbeischwimmt. Wir haben richtige Horrorvorstellungen gehabt."

Nach dem Überbordgehen der Kameradin schwankte die Stimmung unter den Offiziersbewerberinnen zwischen Hoffnung und lähmender Erschöpfung. "In den ersten 24 Stunden konnte ich noch gar nicht denken. Ich wollte einfach nur nach Hause. Wir haben gehofft, dass sie noch gefunden wird. Die Rettungsboote wurden runtergelassen, kamen wieder hoch. Auf einmal waren Wasserschutzpolizei, Hubschrauber, Fregatten und Korvetten um uns herum."

Doch niemand an Bord schien über den Verlust der Kameradin zu trauern. Erst als die Marine einen Militärpfarrer zur Betreuung schickte, kam es zum Streit, wie die ehemalige Kadettin berichtet: "Da haben sich die Mädels gegenseitig beschuldigt: Als es passiert ist, warst du doch auch nicht traurig, da brauchst du auch nicht so zu tun. Das war ein Zickenkrieg."

Bis heute ist nicht klar, warum Böken ins Meer fiel

Bis heute bleibt die Frage ungeklärt, warum die Kadettin Böken trotz moderater Wetterverhältnisse ins Meer fiel und starb. Er habe sich mit der Frage gequält, sagt Regisseur Ley, ob Jenny Böken nachts während der Wache eingeschlafen und deshalb über Bord gefallen sei. "Irgendwie glaube ich daran nicht."

Auch der Film legt sich in dieser Frage nicht fest. War es ein Unfall? Selbstmord? Ein schrecklich missglückter "Streich" unter Kameraden? Oder war es die Geschichte einer ehrgeizigen Frau, die ihrem Traum nicht gewachsen war?

"Schließlich war es so, dass es hier unser aller Traum war", erklärte eine Kadettin am Tag nach Jennys Tod bei der Vernehmung durch die Kriminalpolizei im Wilhelmshaven. "Wir kennen sie nur so, wie sie sich hier gegeben hat, aber wie sie wirklich ist, das wissen wir eigentlich gar nicht."

Dank der herausragenden schauspielerischen Leistung von Maria Dragus kann man nun immerhin ahnen, wie Jenny Böken wirklich war.

Der Film "Tod einer Kadettin" läuft am 5. April um 20.15 Uhr in der ARD

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