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Todesfall Jenny Böken: Neue Vorwürfe gegen "Gorch Fock"-Crew

Vor zwei Jahren starb schon einmal eine Kadettin der "Gorch Fock". Ihr Vater will, dass der mysteriöse Fall von damals neu aufgerollt wird. Er glaubt, dass seine Tochter sexuell belästigt wurde.

Neue Vorwürfe gegen die Stammbesatzung der "Gorch Fock: Am Donnerstag soll die eingesetzte Untersuchungskommission ihre Arbeit an Bord des Segelschulschiffs aufnehmen, das derzeit im argentinischen Ushuaia vor Anker liegt. Doch längst häufen sich die Schilderungen und Augenzeugenberichte ehemaliger Besatzungsmitglieder über die Zustände an Bord der Dreimastbark.

Dabei ist ein mysteriöser Todesfall, der sich vor zwei Jahren an Bord des Schiffes ereignet hat, neu in den Fokus geraten. Am 3. September 2008 stürzte die Kadettin Jenny Böken im Alter von 18 Jahren über die Reling. Ihre Leiche wurde zwei Tage später vor Helgoland auf dem Wasser gezogen, die Staatsanwaltschaft ging von einem Unglücksfall aus.

Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung fordert ihr Vater jetzt eine Neuaufnahme der Ermittlungen. Er vermutet, dass seine Tochter möglicherweise vor dem Vorfall sexuell belästig worden sein könnte. "Ich halte es durchaus für möglich, dass Jenny bedrängt wurde und bei einer Rangelei über Bord ging. Ein Unfall macht einfach keinen Sinn. Sexuelle Nötigung habe ich mir von Anfang an als Szenario vorgestellt", so Uwe Böken.

Steinmeier verlangt Aufklärung

Unterdessen hat SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier vom Verteidigungsministerium eine rasche Aufklärung der Affäre verlangt. In der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" sagte Steinmeier am Sonntagabend über die jüngsten Bundeswehr-Vorfälle und mögliche politische Konsequenzen: "Das ist kein Thema für einen Streit an der Oberfläche. Da sind zwei Menschen gestorben, ein junger Mann in Afghanistan, eine junge Frau auf der Gorch Fock. Und da ist zunächstmal Trauer und Mitgefühl für die Angehörigen." Gleichwohl trage eine Regierung "Verantwortung in solchen Situationen", insbesondere der zuständige Minister.

Guttenberg verteidigt Vorgehen

Steinmeier betonte: "Wir fordern Aufklärung, und am Ende der Aufklärung (...) wird über den Verteidigungsminister zu reden sein. Das ist jetzt im Augenblick nicht die Stunde dazu." Er finde es "unverantwortlich, (...) wie er mit dem Parlament umgeht".

Susanne Kastner (SPD), die Vorsitzende des Bundestags- Verteidigungsausschusses, sagte der "Passauer Neuen Presse", das Verhalten des Ministers zeige, "wie nervös Herr zu Guttenberg ist".

Kritik an der schnellen Abberufung des "Gorch Fock"-Kapitäns kam auch von den Grünen: "Erst sagt Guttenberg in aller Öffentlichkeit, dass die Vorverurteilungen von Soldaten infam seien. Und dann entlässt er wenige Stunden später den Kommandanten der "Gorch Fock"", sagte Verteidigungsexperte Omid Nouripour dem "Hamburger Abendblatt". "Das ist ein Armutszeugnis für Guttenberg, der sich immer als großer Aufklärer inszeniert." Für die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss sei es aber "noch zu früh". Notwendig seien dagegen Berichte der Ermittler und klare Aussagen des Ministers. Guttenberg verteidigt eine Entscheidung, sie sei "sachgerecht und notwendig", manche Stellungnahme dazu sei "Ausdruck bemerkenswerter Ahnungslosigkeit", hieß es in einer schriftlichen Erklärung, die sein Ministerium am Montag verbreitete.

Kauder: "Ich kann keine Informationspannen erkennen"

Nach Ansicht des SPD-Verteidigungsexperten Rainer Arnold schädigt Guttenberg mit seinem Verhalten das Ansehen der Bundeswehr. Sein Auftrag, sie nach den Vorgängen auf der "Gorch Fock" insgesamt auf den Prüfstand zu stellen, erwecke sträflicherweise "den Eindruck, als ob wir flächendeckend ein Problem in der Bundeswehr haben", sagte Arnold dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es gehe aber um die Untersuchung konkreter Einzelfälle. Deren Aufklärung habe Guttenberg zunächst verschleppt, "nun verfällt er in hektischen Aktionismus".

CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder bewertete die Vorfälle anders. Er sagte in der ARD: "Also ich kann gar keine Informationspannen erkennen, sondern die Bundeswehr klärt die Vorfälle, die jetzt innerhalb von kurzer Zeit geschehen sind, auf. Staatsanwaltschaft ist auch schon tätig. Und der Bundesverteidigungsminister legt seinen Bericht vor. Er hat, als jetzt die Dinge bekannt geworden sind, schnell gehandelt." Mit Blick auf die Entlassung des "Gorch Fock"-Kapitäns durch Guttenberg sagte Kauder, es sei "ein ganz normaler Vorgang, dass jemand vom Dienst suspendiert wird".

Mittwoch wird Verteidigungsausschuss informiert

Rückendeckung erhielt der Minister auch vom Koalitionspartner FDP. "Aus Fürsorgegründen ist es absolut richtig, den Kapitän aus der Schusslinie zu nehmen, bis alles aufgeklärt ist", sagte die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff, der "Passauer Neuen Presse". Der Kommandant sei ja nicht geschasst worden, sondern könne wieder auf seinen Posten zurück, wenn die Untersuchung kein Fehlverhalten ergebe.

Am Mittwoch muss Guttenberg dem Verteidigungsausschuss Auskunft geben. Außer zu den Vorfällen auf der "Gorch Fock" soll er dort auch zum versehentlichen Todesschuss auf einen Soldaten in Afghanistan und zum Öffnen von Feldpost aus diesem Einsatzgebiet Stellung nehmen. Der Minister will die gesamte Truppe auf Fehlverhalten überprüfen lassen. Der Chef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sagte der "Augsburger Allgemeinen", es mache ihn "tief betroffen", wenn die Soldaten "unter einen Generalverdacht gestellt" würden. Er fühle sich "da schon ein bisschen an die heilige Inquisition erinnert.

Das Verteidigungsministerium trat Kritik am Umgang mit dem abberufenen Kapitän entgegen. Es gebe keinerlei Vorverurteilung, sagte ein Ministeriumssprecher der "Leipziger Volkszeitung". "Kapitän Norbert Schatz erhielt das Kommando als sehr bewährter Offizier" - dies gelte unverändert, auf jeden Fall bis zur Vorlage der Ergebnisse der eingesetzten Untersuchungskommission.

kng/zen/DPA / DPA