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TV-Kritik

"Anne Will": Kleinkariert und kaltherzig – warum Röttgen nicht Kanzler kann

In Hamburg wurde gewählt, aber bei Anne Will ging es vor allem um Thüringen und Hanau. "Wie fest steht die Mitte?", lautete die Frage. Norbert Röttgen wollte sich als kommender Chefstratege der CDU profilieren. Das ging gründlich schief.

Von Mark Stöhr

Norbert Röttgen

Das könnte also der nächste Vorsitzende der CDU sein: Norbert Röttgen. Historischer Wahlverlierer in Nordrhein-Westfalen, aber ein kluger Kopf. Zumindest ein kluger Formulierer. Robert Habeck, Chefanalyst der Berliner Republik, bescheinigte dem Mittfünfziger, "analytisch am weitesten unter Ihren Mitbewerbern" zu sein. Gelächter im Studio, Applaus. Röttgen, der einmal als Kronprinz von Angela Merkel galt, war sichtlich geschmeichelt. Möglich, dass er in diesem Moment eine Vision hatte: Er an der Seite von Habeck bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags. Als Kanzler, logisch.

Bis dahin hatte der Spitzenfunktionär ein paar geschmeidige Sätze serviert, ein bisschen Stratege, ein bisschen Staatsmann. Die politische Mitte sei nicht mehr die der 70er oder 80er Jahre, sondern müsse neu definiert und von der CDU neu gewonnen werden. Es ginge für seine Partei mehr als nur um einen neuen Vorsitzenden. "Wir brauchen in diesen hochpolitischen Zeiten, die von großer Verunsicherung geprägt sind, positive Angebote. Wir müssen den Leuten signalisieren: Wir lassen euch nicht im Stich."

Wie zu finstersten Alfred-Dregger-Zeiten

Das klang alles schön und gut – aber die CDU, man kann es nicht anders sagen, sitzt zur Zeit bis zum Hals in der Scheiße. Sie ist ein erbärmlicherer Verein als Hertha, der Hauptstadt-Club. Und als der Talk auf Thüringen kam, wurde aus dem selbsterklärten Hoffnungsträger rasch ein kleinkarierter Buchhalter und kaltherziger Parteifunktionär, der die Schüsse von Höcke und Hanau nicht gehört hat.

Anne Will und ihre Gäste

"Wahlen in gefährdeten Zeiten – wie fest steht die Mitte?" war die Frage bei Anne Will. Es diskutierten: Robert Habeck (Grüne), Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke), Norbert Röttgen (CDU), die Gastgeberin, Franziska Giffey (SPD) und der Journalist Yassin Musharbash ("Die Zeit", v.l.n.r.)

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Es diskutierten:

  • Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Norbert Röttgen (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz
  • Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Parteivorsitzender
  • Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke), Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag
  • Yassin Musharbash, Stellvertretender Leiter des Investigativ-Ressorts der "Zeit"

Natürlich, gab Norbert Röttgen zu, war die Kemmerich-Wahl ein schwerer Fehler. Neuwahlen zu verzögern auch. Er hätte die Liebknecht-Variante anders als seine Parteifreunde in Erfurt okay gefunden. Doch dann kam das große Aber – und der CDU-Chef in spe legte los wie zu finstersten Alfred-Dregger-Zeiten.

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Die Linke stünde fest an der Seite des Kriegsverbrechers Putin und solidarisiere sich mit Maduro in Venezuela. Ganz bewusst ziehe sie keine Trennungslinie zum Linksextremismus. Mit solchen Leute könne man unter keinen Umständen kooperieren. "Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn die CDU darauf verzichten würde, klare Grenzen nach rechts und links zu ziehen. Wenn wir das tun, wären wir nicht mehr Mitte, sondern nach beiden Seiten offen." Ob er und seine Partei Höcke und Ramelow gleichsetzen würden, hakte Anne Will listig nach. "Nein, nein, das nicht", erwiderte Röttgen hastig. Doch da war das Kind schon in den Brunnen gefallen.

"Die CDU ist nicht mehr Mitte, sondern nur noch bockig"

Genüsslich packte Robert Habeck sein rhetorische Besteck aus und nahm die CDU als bisherige Staatspartei auseinander. "Sie sagen, wo wir sind, ist die Mitte. Das ist eine falsche, die Realität nicht akzeptierende Weltsicht", sagte der Grünen-Chef und setzte nach: "Die Mitte hat sich immer durch einen gewissen Pragmatismus ausgezeichnet, Probleme zu lösen. Das ist der Grundkonsens dieser Republik gewesen. Das, was die CDU jetzt macht, ist nicht mehr Mitte, sondern nur noch bockig." Die Partei, die für sich immer in Anspruch genommen habe, ein Garant für Sicherheit und Stabilität zu sein, sei momentan ein Komplettausfall. "Das ist ein wirkliches Problem."

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Auch Röttgens mindestens dreimal vorgetragenes Mantra, Rot-Rot-Grün habe in Thüringen nun mal die Mehrheit verloren, was durch keinen wie auch immer gearteten Pakt wieder rückgängig gemacht werden könne und sollte, brachte ihn nicht mehr aus der Defensive. Er stand als Prinzipienreiter und Machttaktierer da, der sich in einem hochvergifteten gesellschaftlichen Klima an Parteibeschlüsse klammert. Der "Zeit"-Journalist Yassin Musharbash fand dafür ein eindrückliches Bild. "In diesen Zeiten", sagte er, "geht es darum, Prioritäten zu setzen." Direkt an Röttgen gewandt: "Wenn bei Ihnen der Dachstuhl brennt, ist es vielleicht nicht der richtige Moment zu gucken, ob nicht noch Schimmelflecken hinter der Waschmaschine sind."

wue