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Corona-Talk bei "Maybrit Illner" Virologe Drosten: "Man muss auch mal vorwärts denken"

Die Talkrunde bei "Maybritt Illner". Thema war erneut die Coronakrise
Die Talkrunde bei "Maybritt Illner". Thema war erneut die Coronakrise
© ZDF / Svea Pietschmann
Profilierungskrieg bei "Maybrit Illner": Markus Söder und Christian Lindner nutzen die Coronakrise zur Selbstdarstellung. Virologe Christian Drosten blickt dagegen lieber nach vorn.
Von Andrea Zschocher

"Konsequent gegen Corona – können wir schon lockerlassen?" war das Thema bei Maybritt Illner. Die Fragestellung wird einigen Zuschauern und Zuschauerinnen sicherlich wie Hohn vorgekommen sein. Denn nach der Pressekonferenz vom Mittwoch, in der verkündet wurde, dass fast alles für die nächsten Wochen bleibt, wie es ist, da kann von locker lassen ja kaum die Rede sein.

Politik bleibt Politik, auch in Zeiten von Corona

Und doch zeigte sich, dass Politik eben auch in Zeiten von Corona Politik bleibt. So wurden Markus Söder (für die CSU und Bayern) und Christian Linder (für die FDP und Nordrhein-Westfalen) nicht müde, für ihr jeweiliges Bundesland und ihre Partei Werbung zu machen und darauf zu verweisen, wie viel besser sie die Situation im Griff hätten. Insbesondere für die CDU/CSU ist natürlich auch "der Profilierungskrieg", wie Christiane Hoffmann es nannte, eröffnet. Die Frage nach dem Parteivorsitz wird selbstverständlich auch danach entschieden, wer welchen Kurs in Coronazeiten gefahren hat.

Zu Gast bei "Maybritt Illner" waren:

  • Christiane Hoffmann, Autorin im Hauptstadtbüro des "Spiegel"
  • Christian Lindner, FDP-Vorsitzender
  • Markus Söder (CSU), bayerischer Ministerpräsident (zugeschaltet)
  • Christian Drosten, Institutsdirektor der Virologie an der Charité Berlin
  • Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist, Autor, Physiker

Verkaufsflächen und Kommunikationsdefizite

Besonders die Entscheidung, dass ab Montag die Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmetern Verkaufsfläche wieder geöffnet haben dürfen, sorgte für Streit bei Lindner und Söder. Hätte letzterer allein entscheiden dürfen, der Großteil des Handels bliebe weiterhin geschlossen, für ihn ist die 800-Quadratmeter-Grenze noch zu hoch angesetzt.

Lindner hingegen äußerte großes Unverständnis darüber, wie die Einhaltung von Hygienemaßnahmen überhaupt an die Verkaufsfläche gekoppelt werden konnte. Seiner Meinung nach sei viel entscheidender, wie viele Menschen sich auf einem Quadratmeter aufhalten würden, ob das Servicepersonal regelmäßig auf Corona getestet werden könnte, und ob im Geschäft eine Maskenpflicht gelte.

Die Erklärung Söders, dass größere Geschäfte ja auch das Umfeld stärker belasten würden, mehr Menschen dadurch in die Innenstädte strömen könnten und die Ansteckungsgefahr sich im Allgemeinen erhöht, wies Christiane Hoffmann zurück. Sie wollte in diesem Talk scheinbar die Stimme des Volkes abbilden und kritisierte immer wieder, dass die beschlossenen Maßnahmen von Seiten der Bundesregierung nicht adäquat kommuniziert worden seien. So sei es, erklärte die Journalistin, für Menschen nicht nachvollziehbar, wieso der Baumarkt geöffnet ist, das Möbelhaus am Stadtrand aber weiterhin geschlossen bleiben muss, wenn es größer als 800 Quadratmeter ist.

Wird aus dem Maskengebot eine Pflicht?

Auch bei dem Maskengebot, dem Hinweis also, dass die Deutschen sich in der Öffentlichkeit am besten nur mit Mundschutz bewegen, hätte es laut Hoffmann Kommunikationsprobleme gegeben. "Mir fehlt die Leidenschaft in der Empfehlung", sagte die Journalistin. Sie wünschte sich, dass die Bundeskanzlerin beim nächsten Einkauf ein klares Signal sendet und sich mit Maske fotografieren lässt.

Coronavirus Deutschland: Epidemiologe ordnet geplante Lockerungen der Bundesregierung ein.

Beinahe warnend warf Markus Söder ein, dass aus einem Maskengebot auch immer noch eine Maskenpflicht werden könnte. Immerhin, das erklärte auch der Virologe Christian Drosten, hätten Studien kurz vor den Ostertagen die Wirksamkeit von (selbstgenähten) Behelfsmasken durchaus bestätigt. Da nach wie vor Maskenknappheit in Deutschland herrscht, warb Drosten für kreative Lösungen und empfahl den Verkehrsbetrieben, die Behelfsmasken von Firmen nähen zu lassen und dann für einen kleinen Betrag an die Fahrgäste zu verkaufen.

Reproduktionszahl gewinnt an Bedeutung

Überhaupt warb der Mann, der seit Wochen die Bundesregierung berät, darum, "auch mal vorwärts" zu denken. Die Reproduktionszahl, also die Anzahl an Menschen, die ein Erkrankter ansteckt, sei ein entscheidendes Kriterium dafür, wie Deutschland weiter vorgehen werde. Bisher spielte diese Zahl im Vergleich zu den reinen Fallzahlen, eine untergeordnete Rolle. Das werde sich nun ändern. Noch gäbe es bei den Reproduktionszahlen regionale Unterschiede in Bezug auf die Höhe. Dies ermögliche zum einen eine gute lokale Steuerung von Maßnahmen, das Egalitätsprinzip werde eventuell an manchen Stellen aufgeweicht werden. Gleichzeitig warnte Drosten, dass die Fallzahlen sich verändern würden. Es würden mehr Menschen an Covid-19 sterben, weil sich auch mehr ältere Menschen damit infizieren würden.

Weitere Themenpunkte:

Wann kommt die App? Keiner der Anwesenden konnte diese Frage beantworten, es herrschten aber unterschiedliche Auffassungen darüber, wie wichtig der Datenschutz in diesem Fall ist. Klar sei nur, dass eine nationale App helfen kann, die Ausbreitung von Corona einzudämmen.

Wie geht es mit den Schulen weiter? Das zeitversetzte Starten der Schulen wurde laut Markus Söder von verschiedenen Lehrerverbänden gefordert. In Bayern, so versprach er, werde es keine Sitzenbleiber wegen Corona geben. Bereits hier wurde der Förderalismus dann aber doch wieder deutlich: Christian Linder warb dafür, dass die Schulen in NRW bereits ab kommendem Montag für die Abiturienten und Abiturientinnen geöffnet werden. Dies diene der Prüfungsvorbereitung, es stehe jedem frei, dieses Angebot zu nutzen.

Sind Schulen Super-Spreader? Diese Frage lässt sich laut Virologe Drosten nicht zufriedenstellend beantworten. Studien zeigen, dass Kinder weniger Symptome haben, es ist aber unklar, ob sie sich auch insgesamt weniger infizieren. "Wir wissen nicht, wie Schulen zur Amplifikation beitragen", erklärte Drosten und bekräftigte abermals, dass die Schul- und Kitaschließungen deswegen eine wichtige Maßnahme waren. 

Wie geht’s mit den Kitas weiter? Beinahe zynisch wirkte die Aussage von Christiane Hoffmann in Bezug auf die geschlossenen Kitas. "Gesundheit und Wirtschaft haben Vorrang", vor der Öffnung der Kitas. Eltern würden das, so die Journalistin, schon hinbekommen, die fehlende Kinderbetreuung sei das geringere Übel. Das sagt sich sicher leicht, wenn man nicht drei Kleinkinder hat, die jeden Tag betreut werden möchten, während die Eltern arbeiten. Hoffmann erklärte, dass ja beide Elternteile für die Betreuung zuständig seien, und vergaß dabei vollkommen die vielen Alleinerziehenden, die unter größten Anstrengungen die letzten fünf Wochen geschultert haben. Die Notbetreuung, das sprach auch Markus Söder an, solle ausgeweitet werden, wie genau das bundesweit geregelt werde, sei im Moment noch offen. 

Selbstverständlich konnte auch dieser Talk nicht enden, ohne, dass Lindner und Söder sich noch ein weiteres Mal profilierten. Der FDP-Chef wünschte sich einen Expertenrat, bei dem die führenden Virologen des Landes wöchentlich den aktuellen Stand der Forschungen mit den Politikern teilten. Das fehle ihm. Söder entgegnete, dass es genau diese Gespräche doch bereits gäbe. Woche für Woche würde abgewogen, auch mit den Experten. "Zur Umsicht", erklärte er Richtung Christian Lindner, "gehört auch Vorsicht". So erhaben sprechen wohl Kanzlerkandidaten in diesen Tagen.


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