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Die TV-Trends 2009: Hilfe, das Fernsehen kommt!

Das TV-Jahr 2009 wird ein wechselhaftes: Die Arztserie kommt kurz wieder und stirbt dann eines natürlichen Todes, RTL wird für zwei Wochen zum Sportsender, Max Schautzer gründet einen Seniorenkanal und Harald Schmidt geht vielleicht ins Internet. Meint jedenfalls das stern.de-Fernsehorakel.

Von Peer Schader

Ärzte, überall Ärzte!

Der Patient hängt schon länger am Tropf, aber im vergangenen Sommer hat er mal kurz gezuckt: Die deutsche Serie lebt! Auch wenn es nur ein sehr kurzes Lebenszeichen war, das RTL da mit seiner humorvollen Ärzte-Soap "Doctor's Diary" einfing. Immerhin: die Quoten waren stabil, der Absturz blieb aus, prompt bestellte der Sender zwei neue Staffeln. Der erste echte Serienerfolg seit Jahren könnte Konsequenzen haben. Es sei denn, Sat.1 macht alles wieder kaputt. Die deutsche "Dr. House"-Version "Dr. Molly & Karl" ging gerade sang- und klanglos unter. Im Januar startet mit "Klinik am Alex" der nächste Versuch. Wenn auch der schiefgeht, war's das wohl erst mal wieder mit den Göttern in weiß. Falls nicht, steigen die Sender mit Sicherheit voll ins operative Geschäft ein.
Die Fernsehorakel-Prognose: Dr. Brinkmann kommt nie wieder. Und "Doctor's Diary" bleibt die Ausnahme, weil das Publikum deutsche Serien auch im neuen Jahr noch verschmähen wird. Erst wenn's mit dem Nachschub bei den US-Serien kriselt, kommt die Wende. Und Ärzteserien können die Amerikaner sowieso viel besser.

Diesmal kein Super-Sportjahr?

Entschuldigung, wie sollen wir denn bitte dieses Jahr überleben? Ohne Fußball-EM im Fernsehen und ohne Olympische Spiele? Ließen sich die Winterspiele in Vancouver eventuell ein halbes Jahr vorverlegen? Ach was, es geht auch so. Wir haben ja RTL, das sein Super-Sportjahr schon Mitte Januar beginnt und voll auf Handball setzt. Dann geht die WM in Kroatien los und der Sender spekuliert auf ebenso fantastische Quoten wie sie die öffentlich-rechtliche Konkurrenz vor zwei Jahren hatte, als die deutsche Nationalmannschaft von Trainer Heiner Brand deutschlandweit für ihr "Wintermärchen" gefeiert wurde. Mitte August konzentrieren sich ARD und ZDF dann auf die Leichtathletik-WM in Berlin - und den Rest der Zeit müssen die Sportfans eben ein bisschen fernsehabstinent leben.
Die Fernsehorakel-Prognose: Wer sagt denn, dass Super-Sportjahre immer erst im Sommer losgehen müssen? Jetzt verteidigen die Handballer erst mal ihren Titel und RTL entdeckt in seiner Euphorie bald Taekwondo und Bogenschießen als Event-Sportarten.

Noch mehr Zielgruppenfernsehen

Kaum hat man mal die Fernbedienung aus der Hand gelegt, zack, ist schon wieder ein neuer Spartenkanal aufgetaucht. Vor wenigen Wochen erblickte Timm, der Sender für die schwule Zielgruppe, das Licht der Welt. Im kommenden Jahr will Ex-ARD-Moderator Max Schautzer seinen Kanal Telebono on Air bringen, "Deutschlands ersten Privatsender für Menschen in der zweiten Lebenshälfte". Also: für Ältere. Gut, das verspricht Schautzer nun schon seit Jahren, und jedes Mal verzögert sich der Start weiter – jetzt gibt's aber eine Sendelizenz und seit November soll schon der "Produktionsbetrieb" laufen. Was immer das auch heißt. Hoffentlich nicht, dass Telebono schon auf Sendung ist und das nur noch keiner gemerkt hat.

Die Fernsehorakel-Prognose:

Telebono hält nicht lange durch. Die öffentlich-rechtlichen Sender setzen alles daran, ihr Stammpublikum nicht zu enttäuschen - und die Werbeindustrie ist immer noch höchst skeptisch, wenn es darum geht, Zuschauer anzusprechen, die älter als 49 Jahre sind.

Adieu, ihr kleinen Racker

Privatfernsehen wird in Deutschland in "Generationen" eingeteilt: zur ersten gehören RTL und Sat.1, die exakt vor 25 Jahren den Sendebetrieb aufnahmen, in den 90ern machten Vox, Kabel 1 und RTL 2 die zweite Generation komplett, und in den vergangenen Jahren kam die dritte dazu: Dmax (für Tätowier-Fans und Tuning-Spezialisten) und Tele 5 (für Spielfilmwiederholungsfreunde) scheinen sich ganz gut zu schlagen – bei den anderen Neulingen geht's aber steil bergab: Comedy Central ist von MTV gerade zum Anhängsel seines Kindersenders Nick degradiert worden, statt rund um die Uhr gibt's Comedy jetzt erst ab 20.15 Uhr. Und NBC Universal reicht Das Vierte an den russischen Investor Dmitri Lesnewski weiter, der jetzt alles anders machen will - aber auch noch nicht so genau weiß wie.

Die Fernsehorakel-Prognose:

Comedy Central überlebt die kommenden Monate nicht - weil das Publikum die Resteverwertung aus dem US-Fernsehen auch ab 20.15 Uhr nicht interessiert. Und ohne klare Zielgruppenfokussierung kann Lesnewski sein "Viertes" bald in "Das Letzte" umtaufen.

Fernsehen? Was war das noch mal?

"DSDS" und "Germany's Next Topmodel" werden RTL und Pro Sieben auch im kommenden Jahr wieder glücklich machen, und selbst wenn bei "Wetten dass...?" die Quote sinkt, bleibt Thomas Gottschalk für viele Zuschauer am Samstagabend ein Muss. Aber sonst arbeitet das Fernsehen kontinuierlich an seiner Selbstabschaffung, indem es uns immerzu denselben Unterhaltungsbrei serviert. Das stinkt nicht nur den Zuschauern - sondern auch vielen, die Fernsehen machen. Christian Ulmen ist mit "Ulmen.tv" im Netz jetzt schon Kult, Elke Heidenreich hat nach ihrem ZDF-Rauswurf online eine Heimat für ihre Büchersendung gefunden. 2009 wird das Jahr, in dem noch mehr Moderatoren und Künstler entdecken, dass das Netz die bessere Plattform für sie ist. Weil ihnen dort niemand vorschreibt, was sie machen dürfen.
Die Fernsehorakel-Prognose: Noch steht der Abruf der Online-Videos in keinem Verhältnis zur TV-Aufmerksamkeit. Doch das wird sich ändern. Vielleicht nicht gleich 2009. Aber in Zukunft. Als nächstes gehen dann Charlotte Roche und Roger Willemsen ganz ins Netz, mit ein bisschen Glück lässt sich auch Harald Schmidt überreden.

Die Dokusoap-Lawine rollt weiter

Auf den nächsten Programmtrend brauchen wir nicht zu warten. Er ist schon da. Oder besser: immer noch. Unser Fernsehen verdokusoapt, mit vermeintlich echten Geschichten aus dem wahren Leben. Ausreißer, widerspenstige Teenager, Schuldner, Auswanderer - all das läuft bereits den ganzen Tag rauf und runter. Und das wird auch 2009 so bleiben. Weil es verhältnismäßig günstig zu produzieren ist - und sich kein Autor der Welt so abgedrehte Geschichten ausdenken kann wie die von Kameras verfolgte Realität.

Die Fernsehorakel-Prognose:

Augen zu und durch. Und wenn das Fernsehen anruft, um zu fragen, ob es mal ein paar Tage bei Ihnen zuhause drehen darf, legen Sie sofort auf, ziehen die Vorhänge zu und machen die Glotze aus. Dann kann Ihnen nichts passieren.