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Dschungelcamp 2015: Langeweile im Garten von Doof und Öde

Walter Freiwald ist fort und hinterlässt das erwartete Vakuum. Maren tratscht, Tanja kichert, Jörn kippt aus den Latschen. Und Aurelio hält es mit den Zuschauern: Nur Wegdösen hilft. Raus mit ihm!

Von Ingo Scheel

Eine Kugel, ihn zu knechten: Jörn bei der Dschungelprüfung

Eine Kugel, ihn zu knechten: Jörn bei der Dschungelprüfung

Das ist doch Wahnsinn. Da kehrt man eine Folge lang dem Dschungelcamp den Rücken zu und am nächsten Morgen, die Tastatur hakt beinah an dieser Stelle, verplempert man seinen Morgenkaffee bei der unwirklich anmutenden Schlagzeile, dass Walter Freiwald raus ist. Was hat das Ganze jetzt noch für einen Sinn? Wie soll man diese lagergewordene Nulllinie denn jetzt noch durchhalten? Oder anders gefragt: So wie RTL in den vergangenen Jahren, wenn im Camp - die Älteren werden sich erinnern - große Dinge passierten, die Sendezeit mal eben auf zwei Stunden und länger hochjazzte, wäre es da jetzt nicht an der Zeit, eine Folge auf, sagen wir mal, 120 Sekunden zusammenzufegen?

Das wäre dann hochverdichtete Dschungelaction: Kompaktes Intro, Sonja zeigt kurz ihre Bluse aus dem Schlussverkauf bei Kik, Daniel Hartwich grinst sein Pinocchio-Grinsen, Rolfe sagt etwas, das klingt wie "Messie beaucoup", Maren verdreht die Augen, Aurelio lässt einen fahren und pennt weiter, Tanja giggelt und Jörn kriegt erst einen Styroporklotz an den Schandassel und hinterher die Sauerstoffmaske an selbigen. Aurelio raus. Abspann. Werbung. Pickup. Lecker. Geschafft. Nächste Sendung.

Aber nein, eine ganze Stunde galt es, dem - was ist eigentlich das Gegenteil von "munterem Treiben"? - na, also dem jedenfalls zuzusehen. Wer dachte, Ratespiele mit Jürgen Milski auf irgendeinem Call-in-Kanal oder Pierrot-Verkäufer auf QVC wären Geduldsproben, muss sein Wertesystem neu berechnen.

Die schwärzeste Stunde der Sendung

Oder eben ältlichen Waschweibern beim Tratschen zuschauen. Hatte Rolfe Scheider eigentlich schon die ganze Zeit diesen lila Farbstich im Haar? Und wird Maren jetzt tatsächlich Dschungelkönigin? Dann, weil das alles ja nicht schon schlimm genug ist, bekommt man in epischer Breite noch einmal vor Augen geführt, dass das mit Walters Abgang tatsächlich keine Meldung vom "Postillon" gewesen ist, sondern vielmehr die schwärzeste Stunde in der Geschichte der Sendung, seit Helmut Bergers krankheitsbedingtem Aus vor zwei Jahren.

Nun gut, gegen Bergers Colonel Kurtz war Walter Freiwald eher so etwas wie Cliff Barnes - latent derangiert, verschobenes Selbstbild und ein fast inniges Verhältnis zur Niederlage - aber, ABER: Ebenso wie der tragische Held aus Dallas, hatte das einstige Gameshow-Schlachtross ebenso die seltene Gabe, auch den größten K.O. in so etwas wie einen Sieg, einen strahlenden, zu verwandeln: "Ich bin nicht rausgewählt worden, für mich haben nur zuwenige angerufen". Semantik zum Zungeschnalzen. Dann rappte er noch im Dschungeltelefon als Slim Shady und sprach das aus, was man auch auf der anderen Seite des Bildschirms fühlte: "Für mich bin ich der Dschungelkönig". Grandezza. Würde. Walter Freiwald. Und was sagt dieser Mann beim Anblick der australischen Weite, als er das Camp verlässt, kurz innehält und tief Luft holt: "Das ist so schön wie im Sauerland". So spricht ein wahrer König, ein echter Präsident.

Am anderen Ende der Fahnenstange: Dösen. Dämmern. Aurelio. Das Steh-nie-auf-Männchen bekam die vollgepönte Karrosserie noch nicht einmal hoch, als sich Walter Freiwald von ihm verabschiedete. Bei der heiligen Unterbüx von Klaus Baumgart: Nur weil man arbeitslos ist, muss man sich doch nicht so gehen lassen, oder? Arbeiten mussten stattdessen wieder andere, in diesem Fall Jörn Schlönvoigt. Blass wie Casper, das Gespenst, und kurzatmig wie Kim Schmitz stand der arme Kerl nach seiner hart durchkämpften Dschungelprüfung da und brauchte das, was Camp-Gucker für die restlichen Sendungen möglicherweise auch benötigen werden: Sauerstoffmaske und Kopfschmerztabletten.