DSDS-Finale 2008 Ein Hartz-IV-Empfänger weniger


Rufen Sie bitte nicht mehr an! Die fünfte Staffel des TV-Gesangwettbewerbs "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) ist vorbei. Der Sieger heißt Thomas Godoj: 62 Prozent der Anrufer stimmten für den 30-jährigen Möchtegern-Rocker. Ein "schwitziges Hinterteil" hatte während der Show lediglich Marc Medlock.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Was noch mal ausdrücklich gesagt werden muss, denn es besteht der Verdacht, dass die Einschlafquote bei der gestrigen Sendung besonders hoch gewesen ist. Dagegen ist die öffentlich-rechtliche Show "Wetten, dass..?", neuerdings mit XXL-Gähn-Faktor, ein regelrechter Action-Thriller.

Nur das Publikum im Fernsehstudio geriet mal wieder außer Rand und Band. Ein Gekreische, da würden selbst die Rolling Stones vor Neid erblassen. Es kann nur vermutet werden, warum. Entweder die Zuschauer wurden literweise mit Energydrinks abgefüllt oder man hat ihnen, wenn sie denn nicht laut genug brüllen, damit gedroht, eine Woche lang exklusiv von Dieter Bohlen zur Sau gemacht zu werden.

Andererseits, man weiß ja kaum, was sich in Deutschlands Wohnzimmern abspielte, während DSDS in die letzte Runde ging. Haben sich Ehemänner von ihren Frauen losgesagt, weil die plötzlich ankündigten, sie wollten ein Kind von Thomas Godoj? Haben sich beste Freundinnen zerstritten, weil die eine dem Konkurrenten Fady Maalouf die Daumen drückte und die andere nicht? Gab es großen Knatsch, weil einer aus der Clique behauptete, die Kandidaten könnten überhaupt nicht singen?

So viel böses Blut, das vielleicht vor den Bildschirmen vergossen wurde, vor den Kameras hingegen hatte man sich so lieb wie nie zuvor. Keine fiesen Sprüche von der Jury, warum denn auch, die Jungs hatten es ins Finale geschafft, wer bitteschön sollte denn da noch meckern. Der einzige originelle Spruch kam, wen wundert's, von Dieter Bohlen, der Fady Maaloufs Interpretation von "Careless Whisper" so kommentierte: "Wenn ich als kleiner Junge im Winter in die Hose gepinkelt hatte, hatte ich ein wunderbar warmes Gefühl. So ein Gefühl habe ich auch, wenn du singst." Was übrigens ein Kompliment sein soll.

Traumhafte Wortbeiträge

Nicht nur für die zwei Sängerknaben ging es um die Wurst. Marco Schreyl hätte natürlich alle Register ziehen können, um noch zu zeigen, dass er als Moderator etwas auf dem Kasten hat. Aber er schien fest davon überzeugt zu sein, dass der durchschnittliche Fernsehzuschauer ein extrem schlechtes Gedächtnis hat. Also wiederholte er alles, was er sagte, sprach immer wieder und wieder davon, dass man anrufen solle, dass es sehr spannend sei und dass sich für die Kandidaten ein großer Traum erfüllen würde. Und Fady und Thomas antworteten, ja, ihr großer Traum würde in Erfüllung gehen. So weit im Wesentlichen die Wortbeiträge.

Aber gut, Deutschland sucht einen Superstar, und rhetorische Qualifikationen sind keine vorrangige Bedingung. Ob man unbedingt gut singen muss, um sich den Sieg zu sichern, auch darüber gibt es geteilte Meinungen. Am besten, man nimmt die Veranstaltung nicht allzu ernst, drückt mindestens ein Auge zu, hey, das ist Entertainment, und dann fällt es gar nicht so schwer, den Kandidaten jovial auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: "Gut gemacht, Jungs."

Fady strengte sich ernsthaft an mit seinem treuen Bernhardiner-Blick und seiner Schmalz-Stimme, auch bei " She's like the Wind" und "Blessed", einem eigens für ihn komponierten Song. Und Thomas schüttelte nicht nur rekordverdächtig Hände, sondern wenn er Gas gab, und er gab mächtig Gas, dann war es vorbei mit dem Dornröschenschlaf. Die Hits "Fairytale gone Bad" und "Chasing Cars" schienen ihm wie auf den Leib geschrieben. Anders hingegen der Song "Love is you", der zwar eigens für ihn produziert wurde, aber ihm genauso gut stand wie Dieter Bohlen sein Glitter-Flitter-Anzug.

Am 23. Mai kommt Thomas Godoj trotzdem mit diesem Titel auf den Markt - und wird sicher von seiner großen Fangemeinde ganz nach oben katapultiert. Was wiederum DSDS-Vorjahressieger Marc Medlock ärgern dürfte, der, wie er sagte, mit "schwitzigem Arsch" im Publikum hockte und seinen Nachfolgern die Daumen drückte. Gerade eben schubste Medlock noch mit seinem Hit "Summer Love" Pop-Queen Madonna vom Thron, bald wird es ihm wohl ebenso ergehen. Ein ausgesprochen schlechtes Timing.

Ein Hartz-IV-Empfänger weniger

Dass Thomas gewinnen würde, stand für die Jury bereits um 21.16 Uhr fest, knapp drei Stunden bevor Doktor Fleischhauer an Marco Schreyl den Umschlag mit dem Gewinnernamen überreichte. Dieter Bohlen prognostizierte: "Mach dich schon mal mit dem Gedanken vertraut, dass du das Ding heute gewinnst." Mit dem Sieg von Thomas Godoj hat Deutschland nun einen Hartz-IV-Empfänger weniger. Zwei Jahre lang arbeitslos und nun umjubelt und gefeiert. Demnächst wird er sich sogar in das Goldene Buch seiner Heimatstadt eintragen. Was gibt es Schöneres? Deutschland, ein Casting-Märchen.

Gefühls-Folter

Keine Angst um Fady - der findet sicher Trost in den Armen seines Mannes. Ex-Kandidatin Linda, die auch im Publikum saß und während der ganzen Sendung ein Gesicht zog, als hätte sie einen Teller Känguruhoden gegessen, wird die Sache sicher auch verschmerzen. Überhaupt, man nehme es mit Humor. Bestes Vorbild sind in dieser Hinsicht die "DSDS Allstars". Eine Truppe aus schrägen Typen, die beim Casting gnadenlos durchgefallen waren und im Finale dennoch ihren großen Auftritt hatten, mit einer extrem eigenwilligen Interpretation von "We are the Champions". Schräge Stimmen, die für die einzigen Lacher der sonst humorfreien Veranstaltung sorgten.

Einer schlug sich mit einer Okulele ständig gegen den Schädel, ein anderer legte einen Strip hin, eine Hausfrau tat so, als sei sie Marilyn Monroe und Dauerkandidat Menderes, der bei der Jury auch beim fünften Versuch keine Gnade gefunden hatte, war natürlich auch mit dabei. Pünktlich zum DSDS-Finale stellte Mister Fistelstimme übrigens den Video-Clip zu seiner Debüt-Single "unbeatable" ins Internet. - Sage noch einer, man brauche Casting-Shows.


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