Deutschland sucht den Superstar "Hackfleisch für die Charts"


Thomas Godoj ist der neue "Superstar" - zumindest nach Wertung von "DSDS". Mit seiner Rocker-Attitüde gewann er gegen "Schnulzenkaiser" Fady. Das Lied war dabei egal, die bessere Geschichte war entscheidend. Zart oder hart - es galt, das bessere Vermarktungskonzept zu testen.
Von Malte Krebs

Zum fünften Mal haben Deutschland und RTL den "Superstar" gesucht - und ihn nach Monaten der Castings und Coachings, nach Mottoshows und vernichtender Juryurteile gefunden. Durchsetzen in diesem medialen Windkanal konnte sich schließlich der seit langem als Favorit geltende Thomas Godoj. 62 Prozent der Anrufer stimmten für ihn.

Wie schon in den beiden Vorjahren war das Finale rein männlich: "Schnulzenkaiser" Fady Maalouf gegen "Rock-König" Thomas Godoj. Ebenfalls auffällig: Wie schon der Endzwanziger Mark Medlock waren beide Finalisten um die 30. Offenbar konnten sie dem ganzen Zirkus etwas gelassener begegnen als viele ihrer Konkurrenten. Und vor allem: sie hatten die besseren Geschichten!

Bohlen bepinkelte sich vor Glück

Einer im weißen Unschuldsanzug, der andere im schwarzen Leder - besser konnte man den Gegensatz der Images nicht visualisieren, die hier zu Wahl standen. Entsprechend war die Jury diesmal weniger als Prüfungskommission, sondern als Typberater gefragt. Sie hatte kaum etwas zu sagen, außer einer mehr oder weniger offen vorgetragenen Tendenz für Thomas. Doch solche Vorhersagen hatten in etwa die gleiche prophetische Qualität wie die Prognose, dass Bayern München am selben Tag die Meisterschale entgegennehmen würde. Vielmehr machten es sich die drei Beobachter hinter ihrem Jurorentisch gemütlich und prosteten sich mit Prosecco zu, genügend Vorrat in Form eines Sektkühlers stand gleich neben dem in einer Ganzkörper-Diskokugel eingenähten Dieter Bohlen.

Zunächst sollten die beiden letzten Anwärter auf den Titel "Superstar" jeweils zwei selbst gewählte Songs vortragen. Fady Maalouf säuselte in einer extrem reduzierten Bühnenshow "Careless Whisper" von Wham und legte mit einem weiteren Kuschel-Hit nach: "She's like the Wind", im Original gesungen von Patrick Swayze. Dabei stand er mit wehenden Haaren im Sturm und bekam tänzerische Unterstützung von einer Blondine, die plötzlich auf die Bühne geweht wurde. Das Jury-Urteil fiel wohlwollend aus und bestätigte ihn in seiner Marktlücke des schnieken Schnulzensängers. Einzig Dieter Bohlen fühlte sich angesichts des seichten Sounds an seine Kindheit erinnert: "Da hab ich mir oft in die Hose gepinkelt. Das war immer so ein schönes warmes Gefühl - also genau so, wie wenn du singst."

Von derlei zweischneidigen Urteilen blieb Thomas Godoj verschont. Wie nicht anders zu erwarten, wilderte er im Rock-Genre. In melancholischer James Dean-Pose sang er "Fairytale gone bad" (Sunrise Avenue) und überzeugte mit "Chasing Cars" (Snow Patrol) Publikum und Jury. Dieter Bohlen war sich schon nach dem ersten Auftritt des Recklinghausers sicher: "Mach dich mal mit dem Gedanken vertraut, dass du das Ding gewinnst heute."

Freakshow mit Unfähigen

Doch bevor es soweit war, kam die Freakshow. Als "DSDS Casting Allstars" wurden nun jene Kandidaten anmoderiert, die sich schon bei den Castings als höchst untalentiert erwiesen hatten. Wie zum Hohn sollten durch völlige Fehleinschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten Aufgefallenen nun zum Finale "We Are The Champions" singen. Das Resultat ließ Fernseher schmelzen. Und weckte in Dieter Bohlen sportlichen Ehrgeiz: "Ich würde sogar ein Kilo Hackfleisch in die Charts kriegen."

Schließlich durften die beiden Jungs ihren eigens auf ihr Image zugeschnittenen Final-Song präsenteren. Fady Maalouf sang "Blessed" im weißen Anzug, von einem Gospelchor begleitet und durch Weichzeichner gefilmt. "Love Is You" heißt das recht eintönige Lied, das "Rocker-König" Thomas Godoj sang und das dank seines Sieges ab nächster Woche im Handel und anschließend in den Charts sein wird. Selbst Bohlen war etwas enttäuscht: "Du bist ein toller Sänger, aber ich hätte mir 'ne rockigere Nummer für dich ausgesucht."

Entscheidend für den Sieg war wohl auch nicht die Qualität des Songs. Mindestens ebenso wichtig war die Story zum "Superstar". Im Finale wurde kräftig an der Personalisierung des Wahlkampfs gearbeitet. Gleich drei Einspieler zu jedem der beiden Finalisten wurden gezeigt.

Gefühls-Folter

Und so grenzte die Argumentation der beiden Kandidaten schon fast an Erpressung. Der eine sprach mehrfach und zunehmend trotzig mit ernstem Gesicht in die Kamera: "Ich habe es verdient!" Der andere ließ Eltern und Fans in den Zuschauerrängen mit dem T-Shirt "Ohne Plan B" auftreten. Das sollte so viel heißen wie: Thomas Godoj hat keine Alternative, Hit oder Hartz IV. Kurz vor Thomas' Sieg verstieg sich der Moderator in melodramatischem Tremolo sogar zu der Gewissheit: "'DSDS' war deine letzte Chance!"

Bis es endlich soweit war, sollte es noch dauern. Die beiden Finalisten konnten inzwischen kaum noch gerade stehen. Immer wieder entglitten ihnen ihre mühsam zu einem Siegerlächeln getrimmten Gesichtszüge. Sie und der Rest des Publikums wollten endlich Klarheit in Sachen "Superstar". Und Deutschland tat sich schwer im Finden, aber der Moderator ließ sich nicht beirren. Schließlich ist Marco Schreyl Meister in der schier unendlichen Zerdehnung des Satzbaus, war wieder für eine kurze Unendlichkeit Herr über Raum und Sendezeit.

Bei der Siegerehrung erklärte er dem völlig überforderten Thomas noch die Regeln des Showbusiness: "Das gehört zum Geschäft - Gewinnen und Interviews führen." Man kann ihm nur wünschen, ein erfolgreiches Jahr im Geschäft zu haben - bis der nächste "Superstar" kommt.

Während "Bär" Läsker und Anja Lukaseder offenbar noch in Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung stecken, kündigt sich Dieter Bohlen schon jetzt als Juror für die nächste Staffel an. Denn das ist schließlich mindestens genauso wichtig: dass die Show möglichst bald weitergeht.


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