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Porträt "DSDS"-Moderator Marco Schreyl: Der Tarnkappen-Moderator

Keiner erreicht im deutschen Fernsehen mehr junge Zuschauer als Marco Schreyl. Trotzdem können wenige mit seinem Namen etwas anfangen. Der Marktschreier in Bohlens "DSDS"-Imperium ist ein Mann ohne Eigenschaften.

Von Björn Erichsen

Blau-weiß kariertes Sporthemd, Turnschuhe, die Hand lässig in der Hosentasche, so schlendert Marco Schreyl über die Bühne von "Deutschland sucht den Superstar" im Kölner Coloneum. "Bla, bla, bla, rufen Sie an, sie kennen die Nummer ja", spricht Schreyl in die Kamera. Für ein Bussi holt er ein Kind aus dem Publikum zu sich hinauf, beim Kandidatensofa gibt's Handshake mit Kandidat Mehrzad Marashi. Entspannt und locker zeigt sich Schreyl bei der Generalprobe für die Show am Abend, wenn am Jury-Pult die Tanz- und Gesangslehrer der Kandidaten sitzen und nicht "Übervater" Dieter Bohlen.

Woche für Woche gucken dem 36-jährigen Thüringer rund 6,5 Millionen Zuschauer zu. Im letzten Jahr kürte ihn der Branchendienst "kress" zur „erfolgreichsten TV-Persönlichkeit der Saison.“ Er moderiert die Königsdisziplin Samstagsabendshow "DSDS" oder "Supertalent" genauso wie Verbrauchershows, Promigeburtstage oder Sportevents wie die Handball-WM. Er hat sich in die vordere Riege der deutschen Fernsehmoderatoren vorgearbeitet, ist präsent, ohne dabei groß aufzufallen. Fragt man ein paar Dutzend Leute auf der Straße, können drei von vieren mit dem Namen Marco Schreyl nichts anfangen - Schreyl ist eine Art Phantom des deutschen Fernsehen, ein Moderator mit Tarnkappe.

Typ Verkäufer, der andere gut aussehen lässt

Beim ZDF, wo er bis 2005 "Hallo Deutschland" moderierte, galt Schreyl als großes Talent. Der heutige Intendant Markus Schächter nannte ihn in einer Reihe mit Sendergrößen wie Marietta Slomka oder Maybritt Illner. In Bohlens Casting-Unternehmen hat er dagegen eine undankbare Rolle: Er ist der Marktschreier, der die Kandidaten anpreist und mit humorigen Sprüchlein rund um die Gürtellinie zur Werbung überleitet. Allzu oft ist Schreyl gar nicht im Bild, viel häufiger hört man ihn: "Rufen Sie an für ihren Favoriten", dann folgt diese zehnstellige Nummer, die bei jedem Anruf 50 Cent kostet. 1200 Mal hat er diesen Satz in seinen fünf Staffeln "Superstars" schon runtergebetet, schätzt er selbst.

Für Schreyl fängt der Arbeitstag bei den Superstars schon mittags an. Mit seinem Autor geht er das Skript für die Show durch, nimmt sich viel Zeit für sein Outfit. Groß ist er, 1,93, er tritt besonnen auf, höflich und ruhig. Dazu hat er dieses Lächeln, das Schwiegermütter schmelzen lässt. Seine Rolle bei "DSDS" kann er gut einschätzen: "Ich bin der Verkäufer und dafür da, dass die Kandidaten und die Jury gut aussehen", sagt er. Wenn er mal wieder "richtig auf den Pudding" hauen müsse, sei das schon eine "Art Verkleiden". Für die Show hat ihm die Regie ein Sakko in altrosa verordnet, passend zur Bühnendekoration.

Mit Bohlen war Schreyl noch kein Bier trinken - die Beziehung bezeichnet er als "gesundes Arbeitsverhältnis", sie würden sich auf der Bühne inzwischen über Augenkontakt verstehen. Das ist ein Fortschritt, bei ihrer ersten Begegnung hatte Bohlen ihn noch "Markus" genannt. In der aktuellen Staffel war Schreyl einige Male deutlich anzusehen, dass er mit manch Kandidaten-Kritik von Bohlen nicht einverstanden war - widersprochen hat er jedoch nicht, lieber sein Anrufsprüchlein aufgesagt. In fünf Jahren mit Bohlen hat er gelernt, sich unterzuordnen. Das ist zwar nicht gut für das eigene Profil, sichert aber den Arbeitsplatz im Windschatten des selbst ernannten Pop-Titans.

Eine Einstellung, die bei Chefs durchaus beliebt ist. "Show comes first" nennt RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger Schreyls Fähigkeit, hinter der Moderatoren-Rolle quasi zu verschwinden. Das macht ihn bekömmlich für die Masse und universell einsetzbaren Allzweckwaffe. Fragt man bei RTL jedoch nach den Sendergesichtern, fallen Namen wie Günter Jauch, Peter Klöppel, Inka Bause oder Dieter Bohlen, nach ein bisschen Nachdenken noch Oliver Geißen. Nur auf den Namen Marco Schreyl kommt auch dort niemand.

Schokoladen-Liebhaber und Ex-Bobfahrer

Über sein Privatleben erzählt er wenig: Wohlbehütet aufgewachsen im thüringischen Apolda, Mitglied im Bob-Leistungskader, vom Mauerfall hat Familie Schreyl erst am Morgen des 10. November erfahren. Er liebt Schokolade, mag Klassikradio und geht alle drei Wochen zum Friseur, viel mehr will von sich nicht preisgeben. Klickt man auf seiner Webseite auf "Persönliches", erscheint dort lediglich ein Hinweis auf sein Engagement gegen die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose. Homestorys, mit denen sich andere Kollegen profilieren, wird es bei Schreyl nicht geben.

Beruflich hält sich Schreyl dagegen alle Türen offen: Mit 22 Jahren hatte er seine Karriere beim Mitteldeutschen Rundfunk als Nachrichtensprecher und Sportreporter im Radio begonnen, seit zwei Jahren moderiert er eine Radiotalkshow beim Hessischen Rundfunk, steht früh auf, um zwischen sechs und zehn Uhr über UN-Konventionen, den Afghanistan-Einsatz und das Haushaltsdefizit zu berichten. Der Spagat zwischen Politik und Unterhaltung mache ihm Spaß, er genieße die journalistische Arbeit, den Tiefgang. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass er mehr kann als bei RTL die Rampensau zu spielen.

"Moderiermaschine" empfindet er als Kompliment

"Moderationskartenableser", "Kleiderständer", "Moderiermaschine" titulieren ihn Kritiker. Anfangs habe ihn das eingeschüchtert, genau wie seine Arbeit bei "Emotionsmaschine" "DSDS". Doch Schreyl ist ehrgeizig, hat hart an sich gearbeitet. Doch mit seinem Willen zur unbedingten Professionalität hat er sich viel von seiner ursprünglichen Spontaneität und Unbekümmertheit weggeschliffen. Es schwingt Trotz mit, wenn er sagt: "Wenn man mich 'Moderiermaschine' nennt, kann man das doch fast als Lob verstehen: Maschinen machen schließlich keine Fehler."

Die Show jedenfalls fährt er inzwischen souverän. Welch Moderationsleistung das ist, versteht man erst, wenn man die Live-Atmosphäre hautnah im Studio erlebt. Diesen Höllenlärm im Coloneum, wenn er am Schluss in aller Seelenruhe seinen langen Monolog runterspult, die Entscheidung immer weiter hinauszögert. Bis schließlich auf sein Wort der Hexenkessel explodiert: Jubel, Tränen, Emotionen. Schreyl hat seinen Job gemacht.

Vor seinem Feierabend schaut er noch bei der Aftershow-Party vorbei. Bohlen ist da längst weg, hat sich von einer schwarzen Limousine direkt am Bühneneingang abholen lassen. Schreyl taucht noch kurz ein in die Duz- und Bussi-Bussi-Welt von Köln Ossendorf, er ist beliebt im Team. "DSDS" möchte er noch eine Weile machen. "Ein Unterhaltungsformat, Sport oder einen Talk", so etwas kann Schreyl sich für die Zukunft auch vorstellen. Gerne bei RTL, aber einen anderen Sender würde er nicht ausschließen. Vielleicht kehrt er irgendwann zurück zum ZDF. Da könnte er dann wohl auch wieder ein bisschen mehr Marco Schreyl sein - und nicht nur der quotenstärkste Tarnkappen-Moderator im deutschen Fernsehen.