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Ein "Wer wird Millionär"-Kandidat erzählt: Jauch und ich - das war nix

Schon mehr als 2000 Menschen saßen bei Günther Jauch am Ratetisch. Wie ergeht es einem, wenn die Nation zuschaut, wie schlau und cool - oder wie dämlich und fahrig man ist?

Ein Erfahrungsbericht von Jens Brambusch

Gerade will Günther Jauch wissen, wie ein über das Internet verabredetes Massentreffen heißt, als unbemerkt eine Nachricht auf meinem Facebook-Account eingeht: "I know you gonna make it!", feuert mich irgendeine Meike an. Natürlich bekomme ich davon nichts mit. Noch nicht.

Mit 20 grölenden Freunden sitze ich vor dem Fernseher und schaue zu, wie ich mich auf dem Stuhl quäle. Die erste Erkenntnis: Im Fernsehen wirkt man irgendwie dicker. Die zweite: Die Zahnlücke ist echt groß. Und die dritte: Diese Lache geht gar nicht. Immerhin weiß ich, dass die Antwort "Flashmob" ist. 8000 Euro sind geschafft, die Grenze der Peinlichkeit ist überwunden, die größte Sorge verschwunden. Die "Bild"-Zeitung wird nicht titeln: Deutschlands dümmster Wirtschaftsjournalist! Eine unterschwellige Angst, die mich eines nachts schweißgebadet aufwachen ließ. Vorsichtshalber ließ ich mir aber von meinem Chef versichern, dass ein Versagen bei "Wer wird Millionär" kein Kündigungsgrund ist.

Die Bewerbung bei WWM war eine Schnapsidee. Im wahrsten Sinne. In einer schwachen Minute hatte ich zum Telefon gegriffen - und den Anruf längst vergessen, als viele Monate später der Anruf von RTL kam. Zwei spielerische Fragerunden, ein halbstündiges Interview folgten, wenige Tage später fuhr ich auf den verwaisten Parkplatz am Studio 7 in Hürth-Efferen im Kölner Südwesten vor. Neben mir mein Freund Georgios als Begleitung. Sein Job an diesem Tag: Wahlweise angestrengt, erleichtert, freudig oder zu Tode betrübt in die Kamera schauen, falls ich es auf den Stuhl schaffen sollte.

Es ist ein langer Tag für die Möchtegernmillionäre

Es ist ein Dienstagvormittag im September 2009. Immer dienstags werden drei Folgen straff organisiert aufgezeichnet. Im ersten Stock des Studios ist das Fernsehfieber bereits ausgebrochen. Nach und nach trudeln die Kandidaten für die Shows samt Begleitung ein. Es ist ein großes Hallo. Man kennt sich. "Zum wievielten Mal bist du jetzt hier", fragt eine quirlige, dralle Mitfünfzigern mit vorstädtisch aufgehübschten lila Strähnchen ihre Nachbarin. "Zum dritten Mal. Und Du?" - "Schon vier Mal." Wir sind mitten in einem Klassentreffen von gescheiterten Gescheiten gelandet, oder solchen, die sich dafür halten. Wie sich herausstellt, hat fast die Hälfte der Kandidaten eine WWM-Vergangenheit. Nur wer es auf den Stuhl in der Mitte geschafft hat, hat lebenslang Köln-Hürth-Verbot. Wer im Rund saß, damals waren es noch zehn Kandidaten, darf sich nach drei Monaten erneut bewerben. Und die Chance lässt sich kaum einer entgehen. "Es ist leichter Kandidat zu werden, als einen Platz im Publikum zu ergattern", erklärt später ein Mitarbeiter. Die kostenpflichtigen 215 Plätze sind auf zwei Jahre ausgebucht.

Es ist ein langer Tag für die Möchtegernmillionäre. Er besteht zum Großteil aus Warten - und Bürokratie. Ausweisen, ausfüllen von Formularen, ausschließen, dass man Interna preisgibt, bevor die Sendung ausgestrahlt wird. Noch Fragen? Ja, natürlich! Wo ist Günther Jauch, wollen mehrere Frauen mit leuchtenden Augen wissen. Die Quirlige mit den lila Strähnchen rollt mit den Augen: "Der kommt immer erst kurz vor der Aufzeichnung." Sie muss es ja wissen.

Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Auf die Begleitungen wartet eine Busfahrt, einmal Kölner Dom und zurück. Und kurz ein Kölsch, aber wirklich jeder nur eins. Das lockert, wird erklärt, nur dürfe sich niemand betrinken.

"Reden Sie mit Herrn Jauch"

Währenddessen akklimatisieren sich die 30 Kandidaten für die drei Sendungen. Studiorundgang, Probesitzen, Warmup-Fragen. Das Studio wirkt überraschend klein. Der Boden unter den Stühlen labil. Die Plexiglasscheibe wippt bei jedem Schritt, das Publikum hockt auf dünnen Sperrholzbrettern. Der Einheizer gibt sein Bestes. Vor allem Tipps: "Reden Sie mit Herrn Jauch", "Denken Sie laut", "Der Zusatzjoker ist statistisch der erfolgreichste". Es scheint, als hätten etliche Kandidaten WWM zu ihrem einzigen Lebensinhalt gemacht. Eine Fachdiskussion entfacht. In Folge soundso hat aber der Zusatzjoker dieunddie falsche Antwort gegeben. Eifriges Nicken. Ein Mann sagt, er habe sowieso nicht verstehen können, warum der Kandidat diese Dame aus dem Publikum gewählt habe. Der Mann rechts daneben, habe viel wissender ausgesehen. Wieder eifriges Nicken. Meine Sitznachbarin und ich schauen uns irritiert an.

Es folgt die Konkurrenzbeschau. Proberunde. Wer wird schnell tippen? Wer sieht schlau aus? Ein Kandidat ist schneller. Mist! Andere hingegen hake ich bereits mal. Ein Kandidat mit gestärktem Kragen und adretter Krawatte unter gelbem Genscherpullunder hegt Zweifel an der Technik. Wer garantiere denn, dass der Computer beim Tippen schnell genug reagiere.

Zurück in den Aufenthaltsräume ist die Luft wie zum Schneiden. Die Nervosität steigt. Einige pieken lustlos im lieblosen Buffet, andere reden sich in Rage. Die Visagisten beginnen ihr Werk, schminken, wählen die Kleidung aus. Jeder Kandidat sollte drei Outfits mitbringen. Ich darf den grauen Pullover und das Polohemd anbehalten. Plötzlich Aufregung. Ein schlaksiger Mann im Anzug drängelt sich durch den Flur. Jauch ist da! Er lächelt sein joviales Lächeln, schüttelt kurz Hände und verschwindet dann in seiner Garderobe. Das war's.

Im Gänsemarsch in die Arena

Am späten Nachmittag beginnt die erste Aufzeichnung. Die restlichen Kandidaten pferchen sich vor einen Fernseher. Angespannt verfolgen sie die Show. Erst kurz vor 21 Uhr sind wir dran. Im Gänsemarsch spazieren wir ein. Das Publikum klatscht. Wir winken. So wurde es uns erklärt. Günther Jauch schüttelt jedem kurz die Hand, in seiner Jackentasche hat er die Karten mit Stichpunkten zu jedem Kandidaten. Darunter ein, zwei Anekdoten, die wir vorher angeben mussten.

Schnell sind wir an der Reihe. Eine Filmfrage. Ausgerechnet. In den vergangenen zehn Jahren war ich genau zwei Mal im Kino. Wir sollen James-Bond-Darsteller nach der Anzahl ihrer 007-Auftritte ordnen. Hastig fliegen meine Finger über das Touchpad, dann der bange Blick zum Monitor. Ja, Schnellster! Ich habe wieder die Worte des Einpeitschers vom Nachmittag in den Ohren. "Wenn Sie es geschafft haben, zeigen Sie Freude." Ich springe auf, balle die Fäuste und gehe zu Jauch. Es sieht albern aus. Cut!

Es folgt eine Pause. Hinter der Bühne werde ich verkabelt. Schorsch, meine Begleitung ebenfalls - er könnte ja was sagen wollen, will er aber nicht. Jauch liest sich die Karte mit meiner Kurzbiografie durch. Dann geht es zurück an den Punkt, wo wir eben standen. Der Jingle wird eingespielt, die Kamera läuft wieder.

Schon beim Anfangsgeplänkel merke ich : Jauch und ich - das wird nix. Auf große Hilfe darf ich nicht hoffen. Also Augen zu und durch. Sofort antworten oder sofort Joker. Nicht verwirren lassen. Ich bin nicht die Spur nervös - gut oder schlecht? Mag er mich deshalb nicht?

Ich schlage mich so durch, verzocke an dummen Stellen Joker, wenigstens funktioniert mein Telefonjoker. Klappt ja auch nicht immer. Irgendwann stehe ich bei 64.000 Euro. Was denn der "Kölner Teller" sei, will Jauch wissen. Ich habe eine Ahnung, die zwar völlig falsch war, aber zum richtigen Ergebnis geführt hätte. Ich steige aus. 32.000 Euro! Ein netter Abend. WWM abgehakt. Dachte ich.

Drei Anrufe, zahlreiche Mails

Am Tag nach der Ausstrahlung werde ich vom Telefon geweckt. Es ist ein Samstag, da ruft man nicht um 8 Uhr an. Der Anrufbeantworter soll's richten. Stunden später quäle ich mich aus dem Bett. Die Nummern, die angerufen haben, sind mir gänzlich unbekannt. Ich drücke auf Play. Die erste Anruferin sagt, sie habe nicht anders gekonnt, sie musste anrufen. Sie habe gleich gewusst, dass mit mir und ihr, das würde passen. Die zweite ist schüchterner, entschuldigte sich für den Anruf, sie käme sich blöd vor, aber ich könne ja mal zurückrufen, die dritte sagt, sie hätte eine Geschichte für mich, ich sei doch Journalist.

Schlaftrunken fahre ich den Computer hoch. Auf Facebook sehe ich die Mail von Meike: "I know you gonna make it". Sie ist nicht mehr allein. Dutzende weitere sind eingetrudelt, die meisten von Frauen, die ich nicht kenne. Immerhin haben sie das Ende der Sendung abgewartet, bevor sie recherchierten und schrieben. Einige kommen gleich zur Sache, andere umschreiben es höflich. Martina versucht schon "seit drei Jahren mit SMS, über Website, Telefon usw." sich zu bewerben, hatte aber kein Glück, wie sie schreibt. Über "einen Tipp bzw tröstende Worte würde ich mich sehr freuen". Eva wollte sich nur bedanken. Vorab, sagt sie, hasse sie WWM, aber sie sei krank und habe es geschaut. "Tja, und dann bist du gekommen und ich musste wirklich mehrmals laut über dich lachen! Dafür wollte ich mal eben danke sagen."

Bei Xing das gleiche. Und auch meine Firmenadresse wurde zum Briefkasten einsamer Herzen. Urlaubsbilder sonnenverbrannter Leiber wurden angehängt mit Beschreibungen wie "Ich bin die mit der Perlenkette". Insgesamt 70 Mails. Darunter auch sehr hartnäckige. Dreimal meldete sich ein Absender, erst nett, dann eindeutig, schließlich pöbelnd. Wie arrogant ich denn sei, dass ich nicht antworte. Der Gute hieß Daniel. Er kann doch nicht im Ernst damit gerechnet haben, dass ich auf seine Frage, ob die gelben und braunen Streifen an meinem Polohemd auf gewisse Vorlieben schließen lassen, antworten würde.