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Fernseh-Kritik "Rachs Restaurantschule" Kochshow als Erziehungsanstalt


Als resoluter "Restauranttester" holt Sternekoch Christian Rach regelmäßig Millionen vor den Bildschirm. In seiner neuen Show "Rachs Restaurantschule" will der Gastro-Unternehmer mit einem Team von Arbeitslosen ein Lokal eröffnen. Da wird die Kochshow zum Existenzkampf.
Von Björn Erichsen

Radieschen? Rhabarber? Oder doch Zucchini? Willkommen beim großen Gemüseraten auf RTL! Welcher wahre Tiefkühlfreund kennt sich denn heutzutage noch mit dem ganzen Grünzeug aus? Da passiert es doch schnell, dass man Broccoli und Staudensellerie verwechselt oder Lauchzwiebeln für Rhabarber hält. "Kenn ich nicht, wofür braucht man das?", war eine gängige Antwort der zwölf Kandidaten beim Einstiegstest für Christian Rachs "Restaurantschule", bei Fleisch und Fisch ("Kann man Flunder essen?") sah es nicht besser aus. Doch das ist auch kein Wunder, hat sich doch der bekannte Fernsehküchenchef ganz bewusst besonders ahnungslose Hobbyköche zusammengesucht, um mit ihnen ein Restaurant zu eröffnen. Allerdings: Als Kandidat Nourddine, 17, beim Getränketest feinsten Apfelsaft für Cola hielt, kam auch der Meister selbst kurzzeitig ins Grübeln.

Christian Rach, der sonst vor mehr als fünf Millionen Zuschauern als "Restauranttester" Gastro-Betriebe vor der Pleite rettet, ist auf einer neuen Mission: Er will ein Team aus zwölf Arbeitslosen innerhalb von acht Wochen zu Servicekräften oder Köchen ausbilden und mit ihnen das Restaurant "Slowman" im Hamburger "Chilehaus" aufbauen. Als Belohnung winken ein Ausbildungsplatz oder eine Festanstellung. Das Vorhaben soll mehr sein als ein cleverer Marketingtrick, viel eher schon ein Projekt zur Resozialisierung: "Ich möchte Leuten eine Perspektive bieten, die auf dem ersten Arbeitsmarkt sonst keine Chance hätten", sagt Gastro-Unternehmer Rach. Tolle Sache, hat aber leider einen Schönheitsfehler: Die ersten beiden Folgen, die am Montag ausgestrahlt wurden, waren bei Weitem nicht so unterhaltsam, wie man das von Rach gewohnt ist.

Die "allerletzte Chance"

Es fehlt der neuen Show an Esprit: Im "Restauranttester" trifft Rach überforderte Provinzgastwirte und erzählt denen mal schnell, was Sache ist. Er lässt sie ihre Dunstabzugshaube dreimal schrubben, verpasst dem Lokal einen neuen Anstrich und ein bisschen Deko, und "wenn alle mitziehen" (ganz wichtig!) brummt der Laden auch bald wieder. Zack zack, in 45 Minuten einmal Krise und zurück.

Nun aber begegnet Rach anderen Typen. Jenen, mit den schlingernden Biographien, wie man sie aus all den anderen Coaching-Formaten kennt. So wie Tim, den Ex-Knacki, oder Collin, 28, seines Zeichens Thaiboxer und Türsteher. Für beide ist, wie könnte es anders sein, die Rach-Show die "allerletzte Chance". Und das ist auch bei Rena aus Gelsenkirchen nicht anders, von der man erfährt, dass sie so ab 11.30 Uhr gern früh aufsteht und eindeutig zu viel Weißbrot isst. "Rena – will trotz 135 Kilo in den Service" wird dazu eingeblendet. Es wird schnell klar: Die "Restaurantschule" ist kein Jobtraining, sondern eine Erziehungsanstalt: Rach will aus ihnen nicht nur bessere Köche, sondern gleich bessere Menschen machen.

Zusammenbruch nach dem Eischneeschlagen

Verglichen mit all den anderen "Super-Nannys" da draußen stellt sich Rach als Pädagoge sogar recht geschickt an: Er ist gewohnt eloquent und souverän, auch vor versammelter Rasselbande, stellt Regeln auf und verschafft sich Respekt, ohne laut zu werden. Tatsächlich ist er nachsichtiger als sonst: "Sorry, mein Auspuff ist abgefallen", lässt der sonst so strenge Chef dem fröhlichen Blondchen Jasmina als Ausrede für eine fünfstündige Verspätung durchgehen. Nur Andrea, mit 44 Jahren älteste Teilnehmerin und häufiger mal im Gespräch mit ihrem lebensgroßen Plüsch-Pony, war enttäuscht: Der Meisterkoch weigerte sich partout ihre Fischsuppe vom Vortag zu kosten, die sie eigens als Geschenk von Solingen mit nach Hamburg genommen hatte.

Amüsant wurde es vor allem dann, wenn es statt tränenreicher Rückblenden auf Kandidatenschicksale mal ein bisschen spontane Emotion gab: Wenn der füllige Timo, als "Sohn aus gutem Hause" angekündigt, aus dem Eisschneeschlagen einen Wettkampf macht, und kurz darauf mit rotem Kopf über der Schüssel zusammenbricht. Und man konnte sich auch mal ganz ohne Häme mitfreuen: als die angstbleichen Kandidaten allesamt die Zusage für die Show bekamen – trotz der lausigen Gemüsetests. Und der 18-jährige Can vor lauter Glück schon Zukunftspläne schmiedete: "Hauptsache Gastro, keine Ahnung was, vielleicht ja Rach sein Nachfolger!"

Im "Slowman" zweimal hinschauen

Im wahren Leben hat das "Slowman" längst eröffnet - die Aufzeichnung macht es möglich – und das Restaurant ist nicht zuletzt wegen des Medienrummels gut besucht. Ob auch die Show ein Erfolg wird, hängt nicht so sehr von Rach selbst ab. Das Format ist diesmal weniger auf ihn, als auf die Kandidaten zugeschnitten.

Doch vielleicht wird das Fernsehpublikum ja ein Herz haben für die nächste Gruppe hilfebedürftiger junger Menschen bei ihrem täglichen Überlebenskampf, den andere Menschen ihren Job nennen. Und Lust darauf Rena, Tim und Can dabei zu zuzusehen, wie sie früh aufstehen, Möhrchen schneiden oder lernen, wie man einen Broccoli von einer Staudensellerie unterscheidet. Bis dahin kann man Gästen im "Slowman" eigentlich nur eines raten: lieber zweimal hinschauen, was da auf den Teller kommt.


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