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Kritik zu "Hart aber fair" Sterben für Fortgeschrittene


Kann man im Fernsehen über den Tod sprechen? Man kann. Frank Plasberg und seine Gäste philosophierten entspannt über das Ende des Lebens. Nur der einzigen berufsmäßigen Christin wollte nichts zu dem Thema einfallen.
Von Mark Stöhr

So kann es auch gehen: Auf Madadaskar holen die Angehörigen ihre Toten alle paar Jahre aus den Grabhäusern. Sie rücken ihnen ihre Gebeine zurecht, legen ihnen ein frisches Leichentuch um und erzählen ihnen, was so passiert ist in der Zwischenzeit. In Mexiko kochen die Angehörigen ihren Toten einmal im Jahr ihr Lieblingsessen und verbringen die ganze Nacht an ihrem Grab. Und bei uns? In Hamburg wollen Anwohner verhindern, dass in das ehemalige Gemeindehaus ein Hospiz einzieht. Es liege an einer Spielstraße, lautet ein Argument, man wolle den Kindern den Anblick des Todes nicht zumuten. Was die Bürger besonders umtreibt: Dass die angrenzenden Grundstücke an Wert verlieren.

Den Tod kann keiner leiden. Im Fernsehen sterben zwar jede Woche unzählige Leute - jeden Sonntag zur besten Sendezeit -, aber sobald es ernst wird, ist Schluss mit lustig. "Wir sprechen über ein völlig normales Thema", sagte Frank Plasberg. Das war natürlich kokett gemeint. Denn natürlich ist der Tod in einer Gesellschaft wie der unsrigen nicht normal. Er ist das Schreckgespenst, das Monster, vor dem alle Schiss haben. Plasberg und Co. versuchten, über das Nicht-Normale normal zu sprechen. Das kriegten sie überraschend gut hin.

Der Musikmanager Thomas M. Stein erlebte innerhalb weniger Wochen den Tod seiner Frau und den seiner Ex-Frau. Beide starben an Krebs. Als bei seiner Frau die Krankheit so weit fortgeschritten war, dass keine Hoffnung mehr auf Heilung bestand, erzählte Stein, bat sie ihn, er möge sie im Rollstuhl nach draußen bringen und dort stehen lassen. Es war Winter und bitterkalt, ihr Körper war so geschwächt, dass sie nicht lange überlebt hätte. Stein weigerte sich damals. Nicht weil er explizit gegen Sterbehilfe wäre, im Gegenteil. Eher aus dem diffusen Gefühl heraus, "das macht man nicht".

Domian: "Ich habe ein Recht auf meinen Tod"

Wem gehört der Tod? Der Natur, der Kirche, der Justiz, der Medizin - oder nicht doch dem Sterbenden? Die Frage ist furchtbar kompliziert. Jürgen Domian hat seine Antwort darauf gefunden: "Ich habe ein Recht auf meinen Tod." Wenn ein Patient "austherapiert" sei und "bei klarem Verstand" den Tod wünsche, müsse man ihm diesen Wunsch erfüllen dürfen. In Deutschland ist der "assistierte Suizid" Angehörigen erlaubt, nicht jedoch Ärzten.

Für gewöhnlich nervt Domian gewaltig. Er inszeniert sich bei seiner WDR-Krisenhotline als Allesversteher, der als letzte Instanz immer einen Psychologen in der Hinterhand hat. Bei ihm hat jedes Problem eine Lösung, man muss nur darüber reden. Auch bei Plasberg hantierte er eifrig mit fertigen Lösungskonzepten - dem "assistierten Suizid" eben - , doch das Thema Tod milderte sein sozialpädagogisches Besserwissertum.

Domians Vater hatte Krebs. Nach 33 Operationen und fünf Chemotherapien war sein Körper dermaßen ausgezehrt, dass er nur noch sterben wollte. Doch er konnte nicht. "Ich saß neben seinem Bett", erzählte Domian, "und dachte mir: Gott, lass ihn sterben, er will es doch." Als es dann endlich vorbei war, sei das Gesicht des Vaters komplett entspannt gewesen. Ist der Tod vielleicht doch nicht nur der fiese Sensenmann, dem man so lange wie nur irgend möglich von der Schippe springen will?

Nur Phrasenwerk von Margot Käßmann

Der Palliativmediziner Matthias Thöns ist nicht dafür da, das Leiden zu verlängern, sondern mithilfe von Schmerzmitteln zu lindern. Er garantiere, sagte er selbstbewusst, dass fast alle Menschen ohne unmenschliche Schmerzen sterben könnten. Als letzte Möglichkeit bleibt ihm, den Todkranken in ein künstliches Koma zu versetzen. Das ist seine Art von Sterbehilfe, eine aktive Tötung darf er schon von Standes wegen nicht gutheißen. Das würde auch, so Thöns, nur von einer verschwindend geringen Zahl der Patienten gewünscht. Einmal machte er eine Ausnahme vom Verdikt. Als er einem Mann auch mit den Mitteln der Palliativmedizin nicht mehr helfen konnte, gab er ihm mit Blick auf eine Flasche Schmerzmittel den tödlichen Tipp: "Wenn man die austrinkt, ist das lebensgefährlich."

So hatte jeder etwas zu erzählen in diesem angenehm bedächtigen Talk. Auch Werner Hansch, mit seinen 72 Jahren der Älteste in der Runde, der innerhalb weniger Tage Vater und Mutter verlor. Nur Margot Käßmann, der ehemaligen Oberbischöfin, fiel zu dem Thema seltsamerweise nur Phrasenwerk ein. Die Hospizbewegung müsse gestärkt, das Sterben in die Mitte der Gesellschaft zurückgeholt werden und überhaupt: "Der Tod ist nur ein Doppelpunkt." Kirchenleute sind manchmal schlimmer als Politiker.

Wie erfrischend dagegen der alte Hansch. "Ich weiß, dass ich sterben muss", sagte er ganz am Ende, "aber ich glaube nicht daran." Sollte es doch passieren, wolle er auf keinen Fall wieder ausgebuddelt werden.


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