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Letterman vs. Leno: "Dieser Dreck ist geschrieben worden?"

David Letterman und Jay Leno, die beiden Großen der amerikanischen Late Night Show, gehen trotz des Autorenstreiks wieder auf Sendung - der eine mit seinen Gagschreibern, der andere ohne. Bei wem geht es lustiger zu?

Von Ulrike von Bülow und Christa Pfafferott

Das erste Wort hat Hillary Clinton. "David war acht Wochen nicht auf Sendung wegen des Autorenstreiks", spricht Mrs. Clinton in die Kamera, "aber heute Nacht ist er zurück". Kleine Pause, dann sagt sie: "Nun, alle guten Dinge haben einmal ein Ende." Und tatsächlich, auf diesen Einspielfilm folgt die "Late Show with David Letterman".

Im Studio tanzt ein Showballett, die Damen tragen Zylinder und Frack und sehr knappe Höschen, sie schwenken diese Streikschilder, auf denen steht: "WRITERS GUILD OF AMERICA ON STRIKE", und dann betritt der Gastgeber die Bühne, David Letterman, der acht Wochen arbeitslos war und nun einen grauen Vollbart trägt, großer Applaus. "Zwei lange Monate", sagt er, "aber nun bin ich raus aus der Entzugsklinik". Sein Publikum lacht, natürlich, und es lacht auch, als er sagt, er habe in dieser Zeit sehr genau in sich hinein geschaut und sei zu der Erkenntnis gekommen: "Ich habe es wirklich genossen, am Morgen zu trinken, ja! Meine Damen und Herren", monologisiert Letterman weiter, "Sie sehen die 'Late Show', die einzige Show mit Witzen, die von Autoren aus der Gewerkschaft geschrieben wurden. Und jetzt fragen Sie sich: Dieser Dreck ist geschrieben worden?"

Letterman und seine Spaßguerilla

Das ist er: Zwar streiken seit dem 5. November 2007 jene Drehbuchautoren, die in der "Writers Guild of America" sind, der Gewerkschaft. Es geht um mehr Geld, um die Weiterverwertung ihrer Arbeit auf DVDs und im Internet, aber Letterman und seine Produktionsfirma "Worldwide Pants" haben sich mit der Gewerkschaft darauf verständigt, dass seine Autoren wieder ran dürfen; es heißt, er zahle ihnen eine Provision für ihre Arbeit, die der "Late Show"-Sender CBS in Trailern oder im Internet zweitverwertet. Auch Lettermans größter Rivale geht an diesem Abend wieder auf Sendung, zeitgleich bei der Konkurrenz von NBC: Jay Lenos "Tonight Show" aber findet ohne seine Autoren statt, denn die streiken weiter. Leno produziert seine Show nicht selber und kann daher keine separaten Verträge aushandeln. Die Frage ist, bei wem es lustiger zugeht: Bei Letterman und seiner Spaßguerilla? Bei Leno im Gag-Ausnahmezustand? Schalten wir kurz um.

Leno: "The show must go on!"

Jay Leno, graues Haar, stämmiger Körper, betritt die Bühne und wird vom Publikum begrüßt, als sei er Brad Pitt und George Clooney in einem: großer Jubel. Auch er musste zwei Monate schweigen, aber, Autoren hin oder her: The show must go on, und mit Selbstironie liegt man ja nie verkehrt. Also geht Leno gleich zu Beginn auf seine Schwachstelle ein: 500 Millionen Dollar, sagt er, haben die ausfallenden Sendungen die Produktionsfirmen schon gekostet, aber was soll's - "das kostet Paul McCartney eine Scheidung". Leno solidarisiert sich mit den streikenden Autoren und zeigt mit Einspielfilmen den Unterschied zwischen Autoren und Produzenten in Hollywood auf - das Zuhause von Produzenten symbolisieren Villen mit Butlern, das der Autoren Slums. Leno sagt, seine Show müsse weiter gehen, wegen seiner Mitarbeiter, die sonst nicht bezahlt werden könnten, und er erzählt von seiner Gattin, der er die Witze erzählt, die er sich nun selber ausdenken muss, ja, meine Damen und Herren, die arme Frau!

Kein Scherz ohne Streik-Anspielung, so geht es auch bei Letterman weiter. Er sitzt jetzt an seinem Schreibtisch und bedankt sich bei der Gewerkschaft, die es ihm ermöglicht habe, ein "Agreement" zu treffen. Er werde von vielen Menschen gefragt, worum es bei diesem Streik eigentlich ginge, so Letterman, "ich sage es Ihnen: Die Autoren sind es leid, sich ihre eigenen Stifte kaufen zu müssen." Dann darf sein Publikum Fragen stellen zum "Writers Strike", und Pat aus New York möchte wissen, warum immer noch Demonstranten draußen vor Lettermans Studioeingang stünden: "Was ist deren Problem?" – "Die haben mit dem Streik nichts zu tun, die hassen einfach meine Show", sagt Letterman. Patricia aus Kalifornien fragt, wie sich die Streikenden bei der Kälte warm gehalten haben? "So", sagt Letterman und kramt eine hellblaue Herrenunterhose unter seinem Schreibtisch hervor, aus der ein Kabel herausbaumelt - Model "beheizter Schritt". Und dann steht Bill Scheft vor seinem Schreibtisch, Streikführer der Gewerkschaft, und hält eine launige Ansprache an "die Medienmogule, die ihr Geld nicht mehr für Cocktails und Huren ausgeben", sondern in kluge Autoren investieren sollen, damit es auch weiterhin Späße im amerikanischen Fernsehen gibt "wie den mit der beheizten Unterhose." Und dann sagt eine Stimme aus dem Off: "Dieser Witz wurde Ihnen präsentiert von der 'Writers Guild of America'." Es folgt: Werbung. Was treibt der Kollege Jay Leno?

Leno überspielt mittelmäßige Gags

Der hat seine ersten Werbepause hinter sich. Mit einem energetischen "Welcome back"-Ruf Lenos geht es weiter - und mit einer Fragerunde, bei der die Zuschauer Mr. Leno alles Mögliche fragen dürfen: Der Talkmaster soll auf seine Spontaneität geprüft werden. "Was haben Sie sich für das neue Jahr vorgenommen?", fragte eine Frau. "Mein Vorsatz war, genau das dem Publikum nicht zu erzählen", sagt Leno und fragt zurück, mehr um seine eher mittelmäßige Antwort zu überspielen: "Wie war Ihr Weihnachten?" Das alles klingt ein bisschen zäh, hingegen beim Nachbarsender: David Letterman kommt nach der Werbung zu seiner berühmten "Tonight's Top Ten List", und die enthält diesmal die Forderungen streikender Autoren, die für die Krimi-Reihe "Law and Order" tätig sind oder die Late Night Show von Conan O'Brien. Sie treten der Reihe nach auf und wünschen sich so etwas wie: "Keine disziplinarischen Maßnahmen gegen Autoren, die ein Verhältnis mit einer Sekretärin haben." Ganz vorn liegt, Tusch: "Produzenten müssen sofort ihre Köpfe von ihren Ärschen trennen."

Dann tritt ein Gast auf, der schon mit den Streikenden über die Straße marschiert ist, weil er ebenfalls Mitglied der Gewerkschaft ist: der Schauspieler Robin Williams. Er trägt einen grauen Anzug und blaue Söckchen und sagt zu Bartträger Letterman: "Happy New Year, Grandpa!" Williams fällt das Stillsitzen offenbar schwer, jedenfalls steht er ständig auf und flitzt über die Bühne. Zwischendurch erzählt er, dass er gerade im Irak gewesen sei, um amerikanische Soldaten zu bespaßen und scherzt weiter über des Gastgebers Gesichtsbehaarung: "Pass auf, Dave", sagt er, "dass kein Attentat auf dich verübt wird, die Iraker sehen alle aus wie du." Dann turnt er zu Lettermans Bandleader Paul Shaffer, der ein furchtbar glitzerndes Jackett trägt: "Ich liebe dein Jackett, Paul - Gott schütze Liberace!" - dann ist wieder Werbung.

Hollywood-Stars meiden Shows, die bestreikt werden

Bei Leno wäre Williams wohl nicht aufgetreten; Hollywood-Stars meiden dieser Tage Shows, die bestreikt werden - niemand möchte als unsolidarisch mit den Kollegen Autoren gelten. Leno sitzt nach der zweiten Werbeunterbrechung am Schreibtisch, das Telefon am Ohr, und sagt, seine Frau habe soeben angerufen, um ihm zu sagen, dass seine Witze bitte besser werden müssen. Wohl wahr: Es tritt Mike Huckabee auf, ehemaliger baptistischer Pfarrer, elf Jahre Gouverneur von Arkansas, nun Kandidat der Republikanischen Partei im Kampf um die Nominierung für die Präsidentenwahl in den USA. Schon Al Gore und George W. Bush waren während der Wahlen bei Leno zu sehen - schließlich muss man sich auch mal von seiner humorvollen Seite zeigen. So denn man eine hat. Bei Huckabee sieht es nicht danach aus: Er sagt, er käme aus der gleichen Kleinstadt wie Bill Clinton und erklärt anhand eines Fotos, das ihn weniger schlank zeigt, wie er 45 Kilo abgenommen hat, um darüber auf das lausige Gesundheitsverhalten der Amerikaner und seine politischen Themen zu kommen. Leno scheint ein wenig außer Form zu sein, man wartet auf Nachfragen, die den Herrn Politiker irritieren könnten, jedoch: Er lässt Huckabee reden und reden und reden. Warum ruft Mrs. Leno jetzt nicht an? Hallo, jemand zu hause?

Wem nichts mehr einfällt, der lädt sich einen Koch ein

Nach dem Senator und einer Verschnaufpause Werbung geht es mit Fernsehkoch Emeril Lagasse weiter, der Leno erklärt, wie ein Pfefferschnitzel zubereitet wird. Der Koch hantiert mit den Töpfen, Leno steht hilflos daneben und macht auf sich aufmerksam, indem er sich Kartoffeln in den Mund schmeißt - begleitet von einem Tusch seiner Band. Man kann die alte Gastronomie-Regel "Wer nichts wird, wird Wirt" fürs Fernsehen so übersetzen: Wem nichts mehr einfällt, der lädt sich einen Koch ein.

David Letterman fragt sich derweil (und offenbar völlig zu Recht): "Was wären wir nur ohne unsere Autoren? Wie würden wir die Zeit ohne sie herum bringen?" Als abschreckendes Beispiel lässt er zwei unterdurchschnittlich begabte Zirkuskünstler auftreten, die Kegel durch die Luft schwingen. Und dann führt er eine neue Rubrik ein: "Know your staff", lerne dein Personal kennen. Es nimmt Platz: Nancy, dunkles Haar bis zum Kinn, seit 1993 für Lettermans Show tätig. Sie sagt, ihre Aufgabe sei es, die Texte der Autoren rechtzeitig einzutreiben und diese der Redaktion zu überliefern. Vielleicht war ihr Job nie so wichtig wie an diesem Tag.