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Miniserie "24 - Live Another Day": Der Bauer lässt das Foltern nicht

Vor ihm hat selbst Chuck Norris Angst: Jack Bauer, der härteste Terroristenjäger aller Zeiten, meldet sich aus dem Ruhestand zurück. Aber brauchen wir den alten Recken überhaupt noch?

Von Jens Wiesner

Eine Folge geht noch. Nur noch eine. Aber es gibt keine mehr. Nach zwei Folgen "24" ist erst einmal Schluss. Mehr Episoden der neuen Miniserie hat mir Fox nicht zum Vorabsehen zur Verfügung gestellt - und damit einen grausamen Sinn für Meta-Humor bewiesen: DAS ist wahre Folter. Ich fluche und lege mich widerwillig schlafen. In der Nacht träume ich von Staffelboxen.

Zehn Jahre ist es her, dass ich dem Antiterrorkämpfer Jack Bauer zum ersten Mal begegnet bin. Die ersten drei Staffeln "24" hatte ich innerhalb einer Woche durch. Und meine Mitbewohner damit zutiefst verstört: Nachdem tagelang Schmerzensschreie und Explosionsgeräusche aus meinem Zimmer drangen, fürchteten sie um meine geistige und ihre körperliche Gesundheit.

Meiner Liebe zu Bauer tat das keinen Abbruch - am Ende wurde sogar eine Magisterarbeit draus. So ganz kommt ein Süchtiger wohl nie von seinem Stoff los. Und "24" war meine Droge. Ich konnte nicht lassen von dieser Serie, in der dem heroischen CTU-Agenten ein einziger Tag blieb, um die Vereinigten Staaten von Amerika vor einem desaströsen Terroranschlag zu bewahren. Eine Serie, komplett gedreht in Echtzeit, das allein war zu Beginn des 21. Jahrhunderts schon etwas bahnbrechend Neues gewesen. Als dann die beiden Flugzeuge in die Zwillingstürme flogen, wurde "24" endgültig Zeitgeist - und zu DEM popkulturellen Kind der düsteren Bush-Jahre.

Kein Gnadenschuss - zum Glück!

Doch die Uhr tickte erbarmungslos weiter, und man merkte, dass den Produzenten die Ideen ausgingen. Nach acht Staffeln hatte Jack seine Heimat vor terroristischem Gesocks aus allen Winkeln dieser Erde gerettet, hatte dabei jede nur denkbare moralische Grenze überschritten, hatte betrogen, gemordet, gefoltert - und sich dabei die Seele aus dem Leib geschrien. Aus dem gestandenen Familienvater der ersten Staffel war ein tief traumatisierter Veteran des amerikanischen Feldzugs gegen den Terror geworden. Eine Altlast, die endgültig zum Anachronismus verkam, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde.

Wären sie gnädig gewesen, hätten die Produzenten Jack in diesem Moment sterben lassen. So wie man einem alterschwachen Hund die Spritze gibt, weil man seine Qualen nicht mehr mitansehen kann. Aber sie taten es nicht, wohl auch aus monetären Gründen. Und so musste Jack weiter leben und leiden, auch wenn die Serie "24" am 24. Mai 2010 endete. Wie ein moderner Atlas trug er fortan die Narben, die der Krieg gegen den Terrorismus im kollektiven Bewusstsein der USA hinterlassen hatte. Ein Antiterror-Kämpfer auf Abruf.

Und jetzt muss Jack tatsächlich wieder ran, in einer zwölfteiligen Miniserie mit dem Bond-esquen Titel "Live Another Day". Vier Jahren sind vergangen, seitdem wir Bauer zum letzten Mal sahen -auf dem Bildschirm einer Überwachungsdrohne. Ein letzter gehetzter Blick, dann Statik. Bauer war zum Flüchtling geworden, gesucht von so ziemlich jedem Geheimdienst auf dieser Erde. Denn ganz zum Schluss waren dem Helden doch noch die Sicherungen durchgebrannt: Aus Rache für den Mord an seiner Freundin war er selbst zum Terroristen geworden, hatte den russischen Außenminister liquidiert und einen Ex-US-Präsidenten in den Beinahe-Selbstmord getrieben. Die Prämisse der neuen Serie: Bauer wurde in London gesichtet - am selben Tag, an dem der amerikanische Präsident ein wichtiges Abkommen mit Großbritanniens Premierminister (Stephen Fry) unterzeichnen will.

Alte Stärken, alte Schwächen

Ein spannendes Szenario für die neuen Folgen, auch das Setting in London hebt sich wohltuend von der stets US-geprägten Kulisse der Vorgängerserie ab. Und die Tatsache, dass es statt 24 Folgen diesmal nur zwölf geben wird, dürfte der Serie insgesamt gut tun. Der mittlere Staffelteil war stets die Achillesferse von "24" gewesen, ein Ort für hanebüchene Plottwists (Kim Bauer und der Puma!), um die Handlung künstlich in die Länge zu ziehen.

Doch es bleibt die Frage: Hat das neue "24" überhaupt noch etwas zu sagen? Oder wurde die Serie nur deswegen aus der Mottenkiste geholt, um dem alten Goldesel ein paar Münzen abzuringen? Die gute Nachricht ist zugleich die schlechte: '24 Reloaded' fängt das Gefühl von damals erstaunlich gut ein: Die tickende Digitaluhr ist genauso wieder mit von der Partie wie der charakteristische Split-Screen und der Cliffhanger am Ende jeder Episode. Die mit modernster Spionagetechnik vollgestopfte Agentenzentrale (diesmal CIA statt CTU) darf ebenso wenig fehlen wie Einblicke in die Präsidentenfamilie und - natürlich - gibt es wieder die große, unbekannte Bedrohung, die einem Damoklesschwert gleich über den Geschehnissen baumelt.

Zudem begegnen uns in den neuen Folgen eine Menge bekannte Gesicher: Mary Lynn Rajskub darf wieder Chloe O'Brian spielen, Kim Raver ist als Jacks Ex-Freundin Audrey Raines dabei und Verteidigungsminister Heller (William Devane) mittlerweile US-Präsident. Verwundern darf das nicht, sind doch fast alle Macher von einst wieder an Bord: "Live Another Day" wird von denselben Drehbuchschreibern, Regisseuren, Tonmenschen und Kameramännern produziert, die sich schon für die Vorgängerserie verantwortlich zeichneten. Das ist Fluch und Segen zugleich. Schließlich gab es einen Grund, warum die Serie vor vier Jahren abgesetzt wurde: Das Prinzip "24" hatte sich tot gelaufen.

Schwere Erblasten

Im Moment begnügen sich die Produzenten damit, die offensichtlichen Fragen zu beantworten: Wie würde Jack Bauer auf die aktuelle Weltpolitik reagieren? Würde er die Snowden-Enthüllungen gutheißen oder sie als Verrat am amerikanischen Volk verdammen? Wie stünde er zu einer Kriegsführung, die anstelle von Soldaten unbemannte Drohnen auf Killermissionen schickt? Spannend ist das allemal. Und, ja - noch überwiegt die Freude daran, Jack zurück in Action zu sehen. Noch geht jeder Rückgriff auf alte "24"-Klischees als augenzwinkernde Verneigung an die Vergangenheit durch.

Doch ein Ortswechsel allein und ein paar Anspielungen auf Hackerkultur und Drohnenkrieg reichen nicht aus, um die Serie endgültig im Hier und Jetzt zu verankern. Nicht nur die Welt da draußen hat sich verändert, auch das, was auf unseren TV-Schirmen läuft. "24" hat ein Genre neu definiert, muss in den kommenden zehn Folgen aber lernen, aus diesem Korsett auszubrechen, um wirklich neue Handlungsmöglichkeiten auszuloten.

Sonst bleibt "Live Another Day" im ewigen Zitat erstarrt.

So sehen Sie "24 - Live Another Day" in Deutschland:

Die ersten beiden Folgen sind parallel zur US-Erstausstrahlung (in der Nacht zum Dienstag um 2.10 Uhr morgens) über den Pay-TV-Sender Sky Atlantic HD zu sehen (im englischen O-Ton und mit optionalen deutschen Untertiteln). Wem das zu spät ist, kann sich beide Episoden auch am Dienstag um 21 Uhr anschauen. Die weiteren Folgen werden ebenfalls auf diesem Sendeplatz laufen. Zudem stehen jeweils neue Episoden immer dienstags zum Bezahl-Download via iTunes, Maxdome, X-Box Video, Sony Playstation Entertainment Network, Amazon Instant Video und Videoload zur Verfügung.