VG-Wort Pixel

"Anne Will" Verschleierte Frauenbeauftragte sorgt für Skandal

Nora Illi (r.), Frauenbeauftragte bei Anne Will: "Selbstbestimmung und Freiheit"
Nora Illi (r.) bei Anne Will: "Selbstbestimmung und Freiheit"
© Screenshot ARD
Erst im "Tatort", dann bei "Anne Will": Die Frage danach, warum sich immer mehr junge Menschen radikalisieren. Eine voll verschleierte Frauenbeauftragte erhitzte nicht nur die Gemüter im Internet, sondern auch im Studio. 
Von Sylvie-Sophie Schindler

Man sah nur ihre Augen, der Rest des Gesichts war hinter einem schwarzen Stoff, dem sogenannten Niqab, verdeckt. Eine fast vollständig verschleierte Frau bei Anne Will in der Talkrunde – schnell überschlugen sich im Internetforum zur Sendung die Kommentare: "Was soll das? Frau Will, sorgen Sie bitte dafür, dass ich die Gesichter aller Gäste sehen kann." Und: "Ich verstehe nicht, dass jemand, der sein Gesicht nicht zeigen will, zu einer Talkrunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingeladen wird." Und auch: "Warum geben Sie der vollverschleierten Dame eine Plattform? Es macht mir Angst."

Letztlich verabschiedeten sich viele schon bald mit einem "Ich schalte nun ab." Die Sendung ging freilich trotzdem ihren Gang. Anne Will griff das Thema des vorangegangenen Borowski-"Tatorts" auf, in der eine junge Frau zum Islam konvertiert und in den Dschihad ziehen will. Ihr Talk lief unter der Überschrift: "Mein Leben für Allah - Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?"

Nora Illi bei "Anne Will"

Bosbach bei Anne Will: "Seelenfänger sind unterwegs"

Knapp 900 junge Menschen sind bereits aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausgereist. Bei etwa 20 Prozent handelt es sich um junge Frauen. Eine Entwicklung, die sich weiter verstärken wird, denn unter islamistisch radikalisierten Jugendlichen befinden sich immer mehr Mädchen – darunter sogar bereits 13-Jährige. Auch Talkgast Sascha Mané musste erleben, dass seine Tochter Sharin von einem Tag auf den anderen abtauchte. Der Vater reiste zwar ins türkisch-syrische Grenzgebiet, um seine Tochter zurückzuholen – doch sie blieb verschwunden.

Die damals 17-Jährige war im Sommer 2015 heimlich Richtung Syrien aufgebrochen. Ein Jahr vorher konvertierte sie zum Islam. "Da sind Seelenfänger unterwegs", sagte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. Deren Motto sei: Der Islam ist die Lösung. Versprechungen würden gemacht, später aber nicht eingehalten. Warum aber werden diese Machenschaften nicht durchkreuzt? Sollte man nicht etwa mehr Moscheengemeinden in Deutschland noch besser überwachen?

Sind die Moscheen das Problem?

"Tut der Staat genug, dem einen Riegel vorzuschieben“, wollte Anne Will zusammenfassend wissen. "Wo der Staat eingreifen kann, tut er es auch“, versicherte Bosbach seelenruhig. Der Islamismus-Experte und Psychologe Ahmad Mansour geriet jedoch in Rage: "Die Moscheen sind Teil des Problems. Hassprediger sind Volksverhetzer und gehören eingesperrt."

Nun zur Frau hinter dem Niqab. Es handelt sich um Nora Illi, Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats in der Schweiz. Anne Will erklärte dazu: "Das ist eine umstrittene Vereinigung." Es lässt sich anfügen, nicht minder umstritten ist eine vollverschleierte Frauenbeauftrage. Die übrigens sagte, der Niqab bedeute für sie "Selbstbestimmung und Freiheit". Die ehemalige Punkerin konvertierte mit 18 Jahren zum Islam. Ihr erstes Argument: "Mich hat am Islam seine Vielfältigkeit fasziniert." Ihr nächstes Argument: "Der Respekt, der mir als Frau entgegengebracht wird." 

Nora Illi findet Islam frauenfreundlich

Man habe als Frau im Islam viele Rechte und Möglichkeiten, sich auszuleben. Moment Mal, hat man da richtig gehört? Bosbach ging ruck, zuck dazwischen. Er verwies auf die Homepage des Islamzentrums München: "Dort wird ausführlich erklärt, unter welchen Bedingungen ein Moslem seine Frau schlagen dürfe. Und das soll frauenfreundlich sein?“

Der Brisanzfaktor wurde bald getoppt. Illi unterbrach die anderen Gäste immer wieder, um auf ihr dringendstes Anliegen zu verweisen: Die Muslime seien hierzulande und weltweit "massivsten Repressionen" ausgesetzt. Sie würden, etwa indem sie nicht in öffentlichen Gebäuden beten dürften, von der Gesellschaft ausgegrenzt. "Sie schließen sich doch selber aus mit dem, was sie tragen", warf Mansour ein. Doch Illi ließ sich nicht von ihrem Kurs abbringen. 

"Das ist eine barbarische Terrorarmee"

Ein von ihr im Internet veröffentlichter Text, den Will einspielen ließ, zeigte, dass Illi sogar Verständnis hat, wenn junge Muslime aus "diesem Elend", in dem sie leben, ausbrechen und in den Krieg ziehen. Aus dem Originaltext: "…dass die Versuchung riesig sein muss… um im gelobten Syrien gegen die Schergen Assads und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Daran ist aus islamischer Sicht nichts auszusetzen." Im Weiteren spricht sie von einer "brutalen Kriegsrealität", aber auch von einer "bitterharten Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs".

Empörungsaufschrei bei Bosbach: "Warum wird das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt." Und dann: "Das klingt ja wie beim Ironman." Talkmasterin Will sprach von einer "Verniedlichung" und setzte nach: "Sie hätten doch schreiben können, das geht auf gar keinen Fall." Und wieder Bosbach: "Das ist eine barbarische Terrorarmee und keine bitterharte Langzeitprüfung. Da gibt nur eins: Hände weg, bleibt hier!" 

Machtgefühl durch Elitezugehörigkeit

Der Kommentar von Mohamed Taha Sabri, Imam der Dar-as-Salam Moschee in Berlin-Neukölln: "Isis hat eine faschistische Ideologie. Das sind Verbrecher gegen die Menschheit." Zur Frage, warum sich auch in Deutschland immer mehr Jugendliche radikalisieren, brachte sich Mansour mit seiner eigenen Lebensgeschichte ein. Er selbst fand, wie er erzählte, einst im radikalen Islam, dann bei den Muslimbrüdern, Halt und Orientierung. Und da er dadurch seiner Empfindung nach Teil einer Elite geworden sei, habe er "ein Gefühl von Macht“ erlebt: "Ich konnte denen, die mich früher gemobbt haben, sagen, was sie zu tun und zu lassen hatten." Irgendwann habe er angefangen, Bücher von Nietzsche, Freud und Machiavelli zu lesen. Das habe Zweifel in ihm ausgelöst. Der Ausstieg habe Jahre gedauert. "Ich hatte das Gefühl, meinen Gott, meine Religion zu verraten."

Nun berät er Angehörige radikalisierter Jugendlicher, die meist eine ähnliche Vorgeschichte haben: Fehlende Vaterfigur, schwierige Familienverhältnisse, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Auf der Suche nach ihrer Identität und nach einer Ersatzfamilie seien sie verführbar. Jugendlichen müsse aber ein Glaube angeboten werden, der nicht zu Radikalisierung führe. "Bestimmte Islamverständnisse machen auch mir Angst", so Mansour.

Hier können Sie sich die ganze Sendung ansehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker