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"Anne Will" "Wer das Sterben in Aleppo zulässt, ohne zu handeln, macht sich schuldig"

Anne Will diskutierte mit Norbert Röttgen, Harald Kujat, Katharina Ebel, Wladimir Grinin und John Kornblum
Anne Will diskutierte mit Norbert Röttgen, Harald Kujat, Katharina Ebel, Wladimir Grinin und John Kornblum (von links).
© Wolfgang Borrs/NDR
Der Konflikt in Syrien nimmt kein Ende. Anne Will fragte: "Friedensgespräche abgebrochen - Ist Aleppo verloren?" USA und Russland müssen sich der Schuldfrage stellen. Und Röttgen kritisierte das "Schweigen in Europa".
Von Sylvie-Sophie Schindler

Mit einem aufrüttelnden Schlusssatz entließ Anne Will am Sonntagabend aus der Sendung: "Wer das Sterben in Aleppo zulässt, ohne zu handeln, macht sich schuldig." Dabei warf die ARD-Moderatorin einen nahe liegenden Erinnerungshaken, es fiel das Stichwort Holocaust. "Wo sind sie alle, warum dieses Schweigen in Europa?", beklagte auch Talkgast Norbert Röttgen die fehlende außenpolitische Verantwortung. Und gab selbst die Antwort: Die verbreitete Stimmung sei "lasst uns lieber raushalten, sonst kriegen wir auch noch Probleme". Man wolle lieber, so der CDU-Außenpolitiker weiter, in der "EU-Komfortzone" bleiben. Er machte deutlich, dass das nicht mehr hinnehmbar sei. Das Mindeste, was Europa aufbringen müsse, sei, dass die Kriegsverbrechen, die an der Tagesordnung stehen, auch beim Namen genannt würden.

Ständiges Bombardement, mitunter im Minutentakt, kein Wasser und kein Essen, zerstörte Krankenhäuser: Im Syrienkonflikt kämpfen die Rebellen und die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad mit allen Mitteln um die Oberhand in Aleppo. Die Stadt ist inzwischen eine geteilte Stadt, besonders betroffen soll Ost-Aleppo sein. Die Vereinten Nationen schlagen Alarm, es heißt, "sogar ein Schlachthaus ist menschlicher". Nachdem die USA die Friedensgespräche mit Russland aufgekündigt haben, ist eine Waffenruhe in Syrien in weite Ferne gerückt.

In zweieinhalb Monaten, so die aktuelle Warnung, könnten weitere tausend Zivilisten im Osten der Stadt getötet werden. Katharina Ebel, Nothilfe-Koordinatorin der Organisation SOS-Kinderdörfer, hilft vor Ort, sie kennt die Situation der Betroffenen und schilderte bei "Anne Will" ihre Eindrücke. Da ist der Junge, der seine abgetrennte Hand in der anderen Hand hält. Da sind die vielen Familien, die nicht wissen, wie sie sich schützen können. Da ist die große Ohnmacht der Bevölkerung. "Nichts ist sicher", fasste Ebel zusammen.

Das Ziel von Russland ist "nicht Frieden"

Wie kann man das Sterben in Aleppo beenden? Washington und Moskau geben sich gegenseitig die Schuld. Aber wie eindeutig kann es wirklich sein, kann man wirklich von dem "bösen Buben" sprechen? Bei "Anne Will" schossen sich die Gäste bevorzugt auf das Feindbild Russland ein. Röttgen wiederholte seinen Appell der letzten Tage: "Das einzige Instrument, das wir haben, sind wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland." Putin teste, wie weit er gehen könne. John Kornblum, früherer US-Botschafter in Deutschland, blies, wenig verwunderlich, in dasselbe Horn. Er sprach von einer "Generalattacke Putins gegen den Westen", die mit dem Syrienkonflikt in Verbindung stehe. Das Ziel von Russland sei "nicht Frieden".

Wladimir Grinin, russischer Botschafter in Deutschland, erklärte hingegen, Russland würde seinen Beschuss einstellen, und zwar gemeinsam mit den Amerikanern. Er fügte an: "Wenn es notwendig sein wird." Großes Unverständnis bei Will: Es sei also immer noch nicht notwendig? Auf Waffen mit Waffen antworten, hält Grinin für einzig konsequent. Er sagte: "Wir können nur Frieden herstellen, wenn wir die Terroristen bekämpfen." Ebel hielt entschieden dagegen. Es müssten sich endlich alle kriegsführenden Parteien zu Verhandlungen an einen Tisch setzen.

Die Bevölkerung will nur eines: Frieden

Dabei müsse "die Menschlichkeit in den Vordergrund gestellt werden und geopolitische Interessen in den Hintergrund". Es sei irrelevant, sich an der Schuldfrage abzuarbeiten. Die Bevölkerung wolle nur eines: Frieden. Harald Kujat, Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr, verwies mehrmals auf die nach seiner Ansicht "ganze Wahrheit". Und die liege eben darin, dass beide Seiten, die USA und Russland, ihre Verpflichtungen nicht eingehalten hätten. Zudem würde nicht nur Ost-, sondern auch West-Aleppo beschossen. Einen echten Durchbruch könne es nur geben, wenn Russland und die USA sich zusammentun. "Da gibt es keine Alternative", so Kujat. Von Röttgen dann der Hinweis, dass Russland schon mal anfangen könne, die Luftangriffe einzustellen: "Dann hört wenigstens dieses Bombardement auf." Applaus im Publikum.

Stochern im Dunkeln bei Anne Will

Doch wer hat tatsächlich den Überblick im Syrien-Konflikt? "Ich weiß nicht, wann und wo Bomben abgeworfen worden sind", sagte Kornblum. Hunderte von Gruppierungen kämpfen gegen das Assad-Regime, sind die alle auszumachen und wie zu unterscheiden? Außerdem, alleine rund um die jüngsten Luftangriffe würden sich, so Kujat, Vermutungen, Annahmen und Unterstellungen ranken. Er verwies darauf, die Ergebnisse der Untersuchungskommission abzuwarten. Sein oder Nichtsein, heißt es bei Shakespeares "Hamlet". Beweise oder Nicht-Beweise, so hätte man Anne Wills Talkrunde vielleicht auch betiteln können. Letztlich war das Stochern im Dunkeln größer.


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