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OP-Serie "Extrem schön": Germany's next Hässlichkeit

Schönheits-OPs im Fernsehen sind nichts Neues. Die Reality-Doku "Extrem schön" geht jedoch einen Schritt weiter: Die Kandidaten sind nach den Komplett-OPs kaum noch wiederzuerkennen. Berechtigte Lebenshilfe oder Quote auf Kosten von Menschen? stern.de sprach mit dem Sender und Ärzten.

Von Katharina Miklis

Jasmin hat eine Fettschürze und dicke Brillengläser. Danielas Zahnstumpen sind derart verfault, dass ihr Mann sie seit Jahren nicht mehr geküsst hat. Und während Sabrina gar keine Brüste hat, hängen Kirstens schlaff bis zum Bauch. "Germany's next Topmodel" mal andersherum: Nur die ganz "Hässlichen" haben es in die neue RTL2-Dokusoap "Extrem schön! Endlich ein neues Leben" geschafft. Eine Soap, mit der RTL2 eine gefährliche These aufstellt: Jeder kann glücklich sein - mit dem richtigen Schönheits-Chirurgen.

Acht Folgen lang begleitet der Sender jeweils zwei Menschen, die sich bei RTL2 beworben haben, vor während und nach einer Schönheitsoperation. Der Untertitel der neuen Serie, "Endlich ein neues Leben", ist irreführend. Letztendlich gibt es von RTL2 doch nur einen neuen Busen, eine neue Nase oder ein neues Gebiss. Mit dem "neuen Leben" werden die Kandidaten weitgehend alleine gelassen. Psychologische oder medizinische Betreuung der Kandidaten über die Drehzeit hinaus ist laut Sender nur teilweise gegeben - bei langwierigen kieferorthopädischen Behandlungen.

"OP-Shows sind mit der ärztlichen Ethik unvereinbar"

Wenn man sich die Verwandlungen einiger Kandidaten anschaut, stellt sich die Frage, wie sie mental auf die extreme Veränderung vorbereitet wurden. Es geht nicht um neue Strähnchen, etwas Make-Up oder ein Motivationstraining. Besonders bei der 41-jährigen Daniela Zimmermann geht der Sender bei seiner Umwandlung extrem vor: neues Gebiss, neuer Bauch, neuer Busen... Nach über 20 Operationen ist von dem früheren Aussehen der zweifachen Mutter nicht mehr viel zu erkennen. "Bei den Castings waren zwei Psychologen und elf Fachärzte anwesend", betont eine RTL2-Sprecherin auf Nachfrage von stern.de. "Die Protagonisten wurden während des gesamten Produktionszeitraums medizinisch und psychologisch betreut."

Joachim Graf von Finckenstein, Facharzt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC), kritisiert jedoch an derartigen Show-Operationen, dass auf Kosten von Menschen Quote gemacht wird. "Ganz klar zielen solche Sendungen auf hohe Einschaltquoten ab. Man kann sich kaum vorstellen, dass die privaten Befindlichkeiten der Teilnehmer ausreichend berücksichtigt werden", so Finckenstein. Der Arzt hat nichts gegen die Weitergabe von Informationen über einen medizinischen Eingriff im Fernsehen. "Soll allerdings nur die Sensationslust befriedigt werden, sind OP-Shows mit der ärztlichen Ethik unvereinbar." Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, ist sogar strikt dagegen, dass Ärzte in TV-Shows auftreten und vor einem Millionenpublikum Schönheitsoperationen durchführen: "Das hat nichts mit Gesundheitsaufklärung zu tun. Das ist schlicht unseriös. Die Ärztekammer wird diese Auftritte aus berufsrechtlicher Sicht aufmerksam verfolgen."

Operative Eingriffe mit all ihren Risiken werden verharmlost

Der Sender verteidigt die extreme neue Show damit, die Protagonisten würden danach viel glücklicher sein. "Was ist, wenn der Leidensdruck eines vermeintlich hässlichen Menschen so groß ist, dass beispielsweise seine Ehe in Gefahr ist oder sich der Betroffene kaum noch aus dem Haus traut?", so die RTL2-Sprecherin. Dabei ist es der Sender, der solche Ängste schürt: "Schöne Menschen haben es besser: Schöne Babys bekommen mehr Zuwendung, schöne Erwachsene haben mehr Erfolg", so wirbt RTL2 für die Show. Graf von Finckenstein sieht vor allem eine Gefahr für jüngere Zuschauer: "Wenn die Sendung suggeriert, eine ästhetische Operation sei nicht aufwendiger als ein Friseurbesuch, kann die Hemmschwelle gerade unter jüngeren Zuschauern sinken. Es steht zu befürchten, dass operative Eingriffe mit all ihren Risiken verharmlost werden." Auch sein Kollege Hoppe kritisiert die Macher der Sendung, ihnen würde jegliches Verantwortungsbewusstsein gegenüber verunsicherten jungen Menschen fehlen: "Denen geht es nur um den eigenen Profit."

Das Prinzip der Sendung ist nicht neu. Schönheits-OPs hat man schon zu Genüge im deutschen Fernsehen gesehen. Brigitte Nielsen ließ sich vergangenes Jahr vor laufenden Kameras generalüberholen, und auch bei ProSieben lief vor einigen Jahren mit "The Swan" ein ähnliches Format. Weitere Sendungen wie "Alles ist möglich" (RTL), "Die Beauty Klinik" (RTL2), "Letzte Hoffnung Skalpell" (RTL2) oder "I want a famous face" (MTV) sorgten 2004 dafür, dass auf Initiative der Bundesärztekammer die "Koalition gegen den Schönheitswahn" gegründet wurde, die für eine verantwortungsbewusstere Darstellung schönheitschirurgischer Eingriffe in Medien und Öffentlichkeit plädiert. ProSieben musste damals die von Verona Pooth moderierte Sendung "The Swan" nach einer heftigen öffentlichen Diskussion und Warnungen der Landesmedienanstalten von 20.15 Uhr auf 21.45 Uhr verschieben. Extrem schön oder extrem krank? Laut einer Sender-Sprecherin wurden alle Folgen von "Extrem schön! Endlich ein neues Leben" vor der Ausstrahlung von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, einem gemeinnützigen Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland, geprüft und haben eine Freigabe für 20.15 Uhr erhalten. Ob die Landesmedienanstalten das allerdings genauso sehen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.

"Extrem schön! Endlich ein neues Leben", dienstags, 20.15 Uhr, RTL2