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Sat.1-Satire "Der Minister": Dr. Guttenberg, neu belichtet

Politsatire ist nicht einfach, Dietls "Zettl" war ein Desaster. Aber: "Der Minister" über Aufstieg und Fall zu Guttenbergs ist Gernseh-TV. Was auch, natürlich, an Dr. Murkel liegt.

Von Lutz Kinkel

Produzent Nico Hofmann sagt es auch am Abend der Premiere im Berliner Delphi Filmpalast noch mal: Karl-Theodor zu Guttenberg war eingeladen. Und: "Er hat sich wirklich überlegt zu kommen." Dann hat er sich - so wirklich, wirklich - dagegen entschieden. Verständlich. Wäre es doch eine übermenschliche Anstregung gewesen, das Gelächter im Kinosaal zu ertragen. Und ein Übermensch ist er eben nicht, auch wenn es sich für ihn und uns gelegentlich anders darstellte. Sonst wäre er ja gekommen.

"Der Minister" heißt der Film, den Sat.1 an diesem Dienstagabend um 20.15 Uhr zeigt, eine Satire auf die gleißende Karriere zu Guttenbergs. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind offiziell rein zufällig, auf der Leinwand heißt der Blaublüter Franz Ferdinand von Donnersberg (Kai Schumann) und seine Dienstherrin Dr. Angela Murkel (Katharina Thalbach). Alle anderen Politiker werden nur beim Vornamen genannt, aber das reicht ja auch. Zu "Annette" lässt sich Schavan denken, zu "Peer" der Steinbrück sowieso. Ein wunderbares, erstklassig besetztes Panoptikum.

Breitmann, ein extrem cooler Typ

Von Donnersberg - und das ist der fiktionale Kniff der Filmsatire - ist eigentlich ein ziemlich mittelmäßig begabter Gernegroß aus der bayerischen Provinz. Ohne seinen Freund Max Drexel (Johann von Bülow), der ihn schon in der Schule abschreiben lässt, hätte er nicht einmal das Abitur geschafft. Aber: Von Donnersberg hat Manieren, Schlag bei Frauen und liebt den großen Auftritt. Daraus müsste sich doch etwas machen lassen - denkt Max. Und wird, als er den Kumpel zu Studienzeiten in Berlin wiedertrifft, sein Redenschreiber, Berater und Coach. Max bastelt auch von Donnersbergs Doktorarbeit zusammen. Er ist das Brain, Donnersberg die politische Luftpumpe.

So geht es unaufhaltsam nach oben für den Adeligen, und neben Max findet ein zweiter wichtiger Mann an ihm Gefallen: der Boulevard- Chefredakteur Jan Breitmann (Thomas Heinze), ein Mann mit feinen Anzügen und fetter Zigarre - über den sich "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann freuen wird. Denn Breitmann ist die coolste Type im Spiel, allzeit souverän. Wenn es gut läuft, sagt er in einer Szene, liefere ihm von Donnersberg eine Titelseite. Und wenn es schlecht läuft - auch. Selbstzufriedenes, lautes Lachen.

Merkel wie Yoda

So bohrt sich der Film durch die Ministerkarriere - und der Zuschauer staunt, was er alles schon wieder vergessen hatte. Hatte er sich wirklich mit ausgebreiteten Armen auf dem Times Square fotografieren lassen, so, als gehöre ihm die Welt? Hatte er. Drohte er in der Opel-Krise tatsächlich mit Rücktritt, um dann schleunigst vom Rücktritt zurückzutreten? So war es. Posierte er ernsthaft mit blonder Gattin als Drachentöter? Kein Zweifel. Und wie war das noch mal mit "angemessen" und "unangemessen" bei der Beurteilung des Luftangriffes auf Kundus? Er brauchte nur ein paar Wochen und zwei Entlassungen, um sich neu zu justieren. Im Nachhinein kommen einem diese Momente surreal vor, und der Film tut gut daran, sie nicht weiter zu überhöhen. Das war Realsatire, nur dass es damals niemand gemerkt hat.

Die Einzige, die in diesem Tollhaus noch einen kühlen Kopf behält, ist Dr. Angela Murkel, die Kanzlerin, kongenial dargestellt von Katharina Thalbach. Die Schauspielerin schaute sich zur Vorbereitung ein paar Phönix-Dokumentationen an und trainierte das Schildkrötenhafte von Merkels Haltung. Sie habe die "Last der Macht" zeigen wollen, sagt Thalbach stern.de. Nun wirkt sie wie Yoda aus dem "Krieg der Sterne", ein kleines, kluges Wesen, das immer weiß, was zu tun ist und Sätze von tagikkomischer Tiefe absondert. Die Menschen, sagt Dr. Murkel im Film, würden bei einigen Dingen wirklich nicht wissen wollen, wie sie gemacht werden. Bei Gesetzen, Kriegen - und Wurst. Spricht's und beißt in eine Scheibe Aufschnitt. Thalbach bekam nach der Premiere übrigens den längsten und wärmsten Applaus aller Hauptdarsteller und das mit Recht. Sollte Merkel ausfallen, schrieb eine Rezensentin schon vor Wochen, könnte Thalbach sie locker ersetzen, so faszinierend wahr wirkt ihre Figur.

"Zettl" weit hinter sich gelassen

Unterhaltsames Fernsehen ist das, und es ist schon peinlich, dass "kein anderer Sender den Film gewollt" hat, wie Produzent Nico Hofmann auf der Berliner Premiere bekundet. Nur Sat.1 hat sich getraut - und damit eine der extrem raren und (trotz aller billigen Schenkelklopfer) gelungenen Politsatiren im Programm. An "Schtonk" reicht "Der Minister" nicht heran, aber Helmut Dietls "Zettl" lässt er kilometerweit hinter sich - und das mag für den realen Guttenberg eine Genugtuung sein. Wenn er schon auf die Schippe genommen wird, dann zumindest mit einem A-Movie.

Für die vielfach ausgezeichnete Drehbuchautorin Dorothee Schön ist es die erste komödiantische Arbeit. Sie begann schon während der noch laufenden Plagiatsaffäre Guttenbergs zu schreiben, berichtet sie stern.de - weil sie schon damals ebenso amüsiert wie erschrocken war von dem, was sich vor ihr abspielte. Jeder Satz des Drehbuchs, sagt Schön, sei später juristisch gecheckt worden, obwohl Guttenberg frühzeitig angekündigt hatte, er werde nicht versuchen, den Film zu verhindern. Nun gäbe es für den Freiherrn nur noch eine Möglichkeit, gegen "Der Minister" vorzugehen, sagt die Drehbuchautorin: Da einige Sätze im Film historischer O-Ton seien, müsste er sie wegen Plagiats verklagen.