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Skandale bei "Big Brother": Auf der Suche nach dem letzten Tabu

Stell' dir vor, es läuft "Big Brother" und keiner guckt hin. Fazit zur Halbzeit der aktuellen Staffel: ein Pädophilie-Aufreger, ein Nazi-Skandal und reichlich Sex. Nur eins ist neu: Keiner regt sich mehr darüber auf. Sind wir schon so abgestumpft? stern.de sprach mit Politik, Kirche und einem Medienpsychologen.

Von Katharina Miklis

Im Jahr 2000 hielt Deutschland für einen Moment den Atem an. Die erste Staffel der Reality-Soap "Big Brother" lief im Fernsehen an. Der größte Skandal war damals noch die Show selbst. Während Innenminister Otto Schily den "massiven Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes" anprangerte, gingen Medienwächter auf die Barrikaden und kritisierten die menschenunwürdige Show. Heute ist selbst der Schonwaschgang einer Waschmaschine aufregender als "Big Brother".

An Skandalen mangelt es nicht. Jede Staffel hatte ihre Aufreger. Die gehören zur Sendung wie Arschgeweihe und abgebrochene Schulabschlüsse. Und wenn mal nichts Spektakuläres passiert, erzählt man sich im Container diskriminierende Witze. Über Juden, Frauen oder Türken. Hauptsache ohne Sinn und Verstand. Während in den ersten Jahren von "Big Brother" noch nahezu alle Vorkommnisse im Haus in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wurden, ebbte die Sensationsgeilheit in der letzten Zeit immer weiter ab. Im Jahr 2004 schaffte es die 23-jährige Daniela mit ihrem Brustpiercing vor laufender Kamera noch auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung. "Sado-Maso-Folter live im TV" titelte man damals noch empört, heute würde sich kaum einer mehr aufregen.

Oralverkehr gegen Langeweile

So verschwanden auch die Skandälchen der aktuellen Staffel im hinteren Bereich der Gazetten. Das erste tauchte bereits in der Anfangswoche auf: Der 28-jährige Bewohner Adrian musste das Haus verlassen, weil er einen Pädophilen-Spruch abließ. Dann gab es da noch den obligatorischen Nazi-Skandal, der scheinbar allmählich zum TV-Programm gehört. Nach dem Hitler-Gruß von DJ Tomekk im Vorfeld des RTL-Dschungelcamps und dem "Arbeit macht frei"-Spruch einer 9Live-Moderatorin, war "Big Brother"-Kandidatin Rebecca vor zwei Wochen die dritte Fernseh-Protagonistin, die in diesem Jahr wegen einer nationalsozialistischen Äußerung vom Bildschirm verschwinden musste. Nicht ganz so still und leise wie Adrian wurde sie nach Hause geschickt. Der wirklich große Aufreger war es aber auch nicht mehr.

Acht Jahre nach der ersten Staffel sind die Provokationen zur Routine geworden und genauso langweilig wie der TV-Knast selbst. Kein Wunder, dass der Sex im "BB"-Haus nahezu an der Tagesordnung liegt. Oralverkehr gegen Langeweile. Zahnarzthelferin Naddel und Mechaniker Hassan liebten sich bis zu Naddels Auszug, jetzt sorgen Steffi und Serafino für die Sex-Quote im Haus. Ein Sex-Verbot sprach nur Hassans Vater aus - der Rest der Welt interessieren die Hormonschübe im Container nicht mehr besonders. Von den Topquoten der ersten Staffeln ist die Reality-Soap weit entfernt. Immerhin: am Mittwoch stellte "Big Brother" einen neuen Staffelrekord auf. Insgesamt schauten 1,21 Millionen Zuschauer ab drei Jahren zu, was beim Gesamtpublikum gut 4,8 Prozent Marktanteil entsprach. In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kam man bei der Tageszusammenfassung sogar auf 10,5 Prozent Marktanteil.

"'Big Brother' ist nicht mal mehr eine müde Provokation"

Die Tabugrenze ist verschoben. Es geht kein Ruck mehr durch die Gesellschaft, wenn die Bewohner im "Menschenzoo" wie die Karnickel übereinander herfallen. Woran liegt's? "Jede Gesellschaft hat ein spezifisches 'Erregungsniveau', also ein typisches Maß an äußeren Reizen, die auf uns eindringen und verarbeitet werden müssen", so Dr. Peter Winterhoff-Spurk, Medienpsychologe und Buchautor ("Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt"). "2000 war die 'Big Brother'-Staffel noch eine Normverletzung. Acht Jahre danach ist das allgemeine 'Erregungsniveau' deutlich gestiegen, so dass die Sendung nicht einmal mehr eine müde Provokation darstellt."

Auch in der Politik wird der Werteverfall durch "Big Brother" nicht mehr so heiß diskutiert, wie zu Beginn im Jahr 2000. Wolfgang Thierse (SPD), Vizepräsident des Deutschen Bundestags, erklärt stern.de woran das liegt: "Es gibt keine Aufregung mehr, weil es sich nicht lohnt. Sie zeigt keine Wirkung. Die Verantwortlichen von RTL2 sind für moralische und ästhetische Argumente nicht zugänglich. Es geht ihnen offensichtlich nicht um Geschmack und moralische Werte, sondern um Kasse." Argumente, wie "wer das nicht sehen will, kann ja wegschauen" überzeugen Thierse nicht. Im Gegenteil: "Kein Produzent und TV-Macher darf seine Verantwortung an die TV-Zuschauer abgeben." Traurige Erkenntnis im stern.de-Gespräch: "Unterstes Niveau setzt sich immer durch, und schlechter Geschmack ist ausreichend vorhanden. Sowohl bei den Machern als auch bei den Konsumenten."

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was sagt die Kirche zu "Big Brother" und wo sind die letzten, ungebrochenen Tabus?

"Inszenierte Banalität im deutschen Fernsehen"

"Big Brother" und die Moral - das ist so eine Sache. Das findet auch Oberkirchenrat Markus Bräuer, der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland: "Jeder Fernsehsender muss sich fragen lassen, ob sein Programm dem Zusammenleben von Menschen dient und eine Kultur der Achtsamkeit fördert. Antisemitische Witze oder die Verletzung der Intimität brechen einen Konsens in unserer Gesellschaft, egal in welchem Medium." Die Quotensteigerung ist für Bräuer der letzte Grund, diesen Konsens aufzuheben. Überhaupt kann er gar nicht verstehen, wieso es Menschen gibt, die sich die Reality-Soap vor dem Fernseher antun, sagt er gegenüber stern.de. "'Big Brother' ist die inszenierte Banalität im deutschen Fernsehen. Ich kann nicht erkennen, was daran spannend ist. Gute Unterhaltung und niveauvolle Information schließen sich doch nicht aus!"

Die letzten Tabus des "Scheiß Privatfernsehens"

Stellt sich die Frage, ob der Fernsehzuschauer mittlerweile mehr will, als "niveauvolle Information", oder ob er schon so abgestumpft ist, dass er den Skandal braucht, um dran zu bleiben. Wie weit ist das Fernsehen bereit zu gehen, um zu erregen und Quote zu machen? Selbst RTL2-Programmchef Axel Kühn verriet jüngst, dass ihm auch keine Tabus mehr einfallen würden, die RTL2 brechen könnte, ohne den Rand der Legalität zu erreichen. Was tun, wenn die emotionale Verflachung der Zuschauer vorantreibt und nach Futter giert? stern.de will vom Medienpsychologen Winterhoff-Spurk wissen: Wenn "Big Brother" uns jetzt schon nicht mehr berührt, müssen wir befürchten, dass irgendwann Dinge gesendet werden, an die wir heute noch nicht zu denken wagen? Die Antwort des Psychologen ist ernüchternd: "Das ist nicht zu befürchten. Das wird so kommen! Das Fernsehen unterliegt diesem Zwang, wenn es seine Zuschauer auch weiterhin binden will. Also wird weiter nach Tabubrüchen gesucht, obwohl das ja langsam schwerfällt."

Ja, aber wo sind sie dann, die letzten Tabus und die Skandale? Haben wir nicht alles schon einmal gesehen? Winterhoff-Spurk vermutet, dass das Fernsehen in Zukunft Dinge noch stärker live inszenieren wird. Ob lebensgefährliche Operationen mit tödlichem Ausgang oder auch Kriege. Die bieten für den Medienpsychologen "ein erhebliches Reservoir: Helmkameras für die Sanitäter, Direktübertragungen von Häuserkämpfen und so weiter".

"Scheiß Privatfernsehen" würde Günther Oettinger (CDU) dann wohl wieder schimpfen. Wie Anfang des Jahres, als er auf Sender wie RTL2 abzielte und den Werteverfall anprangerte. Und Recht hat er ja, meint Wolfgang Thierse gegenüber stern.de. "Ich erinnere aber auch daran, dass es vor allem die CDU war, die dafür gesorgt hat, dass Privatfernsehen auch in Deutschland stattfindet. Das ist nun das Ergebnis."

Bleibt also abzuwarten, wann die ersten OPs im "Big Brother"-Haus durchgeführt werden. So abwegig ist es nicht: Vor vier Jahren wurde einer Bewohnerin schon eine Schönheits-OP versprochen, die dann, wegen der großen Kritik von außen, gestrichen wurde. So langsam gehen die Skandale aus. Das letzte große Tabu, das RTL2 jetzt noch brechen kann, wäre der Verzicht auf Provokation. "Big Brother" ohne Brüste, Sex und Nazi-Sprüche... Ein Skandal!