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Kritik zum "Tatort" Null Toleranz


Das Gegenteil von gut ist gut gemeint: Die Ärgerlichkeiten beim "Tatort" aus Ludwigshafen summieren sich inzwischen so weit auf, dass man Kommissarin Lena Odenthal gern auf eine mehrmonatige Fortbildung schicken würde.
Von Volker Königkrämer

Tod einer Lehrerin" heißt der 54. Odenthal-"Tatort" vom Sonntag, doch darum geht es eigentlich nur am Rande. Stattdessen werden wie zuletzt so oft in den Episoden aus Ludwigshafen die großen Themen verhandelt: die schäbige deutsche Asylpolitik, Bürgerkrieg in Somalia, die Unterdrückung der afrikanischen Frau.

Dabei entwickelt sich der Fall anfangs noch recht bodenständig: Die zurückgezogen lebende Lehrerin Heike Fuchs wird erst Wochen nach ihrer Ermordung tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Ertränkt im Zimmerspringbrunnen. Bereits am Tatort fällt Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Assistent Mario Kopper (Andreas Hoppe) ein farbiges junges Mädchen auf. Später stellt sich heraus: Die 16-jährige Eshe aus Somalia war eine Schülerin der Getöteten.

Und wer hat jetzt noch mal die Lehrerin umgebracht?

Obwohl schnell klar ist, dass die Lösung des Rätsels nur über Eshe und ihre Familie führt, müssen erst noch ein paar Verdächtige präsentiert werden. Da ist Paul, dem Lehrerin Fuchs mit ihrer Mathe-Note den Abschluss versaut hat. Das Ehepaar Betz, dessen Sohn auf einer Klassenreise umkam, bei der die getötete Pädagogin die Aufsicht führte. Und dann sind da noch die Betreiber eines afrikanischen Begegnungszentrums. Der Mediziner und seine Ehefrau hatten zwar so recht nichts mit der Lehrerin zu schaffen. Da die Schauspieler (Stefan Schwarz, Petra Zieser) jedoch die einzig halbwegs bekannten Gesichter des Ensembles sind, weiß der routinierte Krimi-Gucker: Die werden am Ende noch mal wichtig werden!

Und in der Tat: Nachdem bis kurz vor Schluss eine falsche Spur nach der anderen todermittelt wird, stellt sich heraus: April, April. Es geht gar nicht um Elternhass und Schülerfrust. Stattdessen kommt urplötzlich für die letzten zehn Minuten das Thema Genitalverstümmelung als zentrales Motiv ins Spiel. Lehrerin Fuchs hatte herausgefunden, dass der Arzt Dr. Großmann bei seinem Engagement in Afrika Beschneidungsrituale vorgenommen hat. Die brutale Tradition wird in Deutschland von Eshes Mutter Dafina in leerstehenden Wohnungen fortgesetzt - mit Wissen des Arztehepaares. Als Eshes kleine Schwester beschnitten werden soll, ruft das Mädchen die Kommissarin zu Hilfe, die der blutigen Folklore im düsteren Plattenbau schließlich ein dramatisches Ende bereitet.

Und wer hat jetzt noch mal die Lehrerin umgebracht? Am Ende ist's die Arzt-Ehefrau. Doch das interessiert nach diesem wirren 90-Minuten-Brei schon keinen mehr. Im Gegenteil, als Zuschauer ist man froh, dass man's wach überstanden hat. Noch ein paar Szenen vom Schießstand. Einschusslöcher. Abspann. Erlösung.

Message statt Mörderjagd

Es ist zuletzt einfach nur noch anstrengend und ärgerlich mit den "Tatort"-Folgen aus Ludwigshafen. "Zu viel gewollt", hört man von Sportlern oft als Entschuldigung, wenn's nicht so gelaufen ist. Das gilt auch für die letzten Odenthal-Episoden. Die Geschichten sind überkonstruiert, Krimis am Reißbrett. Nicht die Mörder stehen im Mittelpunkt, sondern die Message. Immer geht's um das große Ganze: Asylanten, Frauenfußball, Genitalverstümmelung - darunter macht's Lena nicht mehr.

Dieses grundsätzliche Sendungsbewusstsein ist mühsam genug. Ärgerlich wird es, wenn wie bei "Tod einer Lehrerin" auch noch Unzulänglichkeiten in Dramaturgie und Handwerk hinzukommen. Warum etwa streift Odenthal sich erst mal die Gummihandschuhe ab, ehe sie die Verfolgung einer Verdächtigen aufnimmt? Und muss man dem deutschen TV-Zuschauer wirklich mit Sätzen wie "Warum ist sie jetzt weggelaufen" erklären, was er gerade zuvor mit eigenen Augen gesehen hat?. Muss man nicht. Macht man aber trotzdem beim SWR. Zur Sicherheit. Es könnten ja ein paar nicht mitgekommen sein.

Götterdämmerung für das Paar Lena/Kopper

Regelrecht nervig sind inzwischen auch die Running Gags, die die Redaktion scheinbar für Markenzeichen eines echten Lena-"Tatorts" hält: der pfälzisch babblnde Spurenleser, Koppers alter Alfa, das Putzen der WG. Marotten, verkommen zu sinnentleerten, müden Grüßen an die längst nicht mehr vorhandene Gemeinde.

Und so bleibt von "Tod einer Lehrerin" einzig und allein der Eindruck einer Götterdämmerung für das Paar Lena/Kopper haften. Zum wiederholten Mal quält sich das Duo durch eine aufgeladene Geschichte. Die Best-Buddy-Kultur wirkt inzwischen bloß noch routiniert und aufgesetzt. Der SWR muss sich endlich einfallen lassen, was er mit seiner Odenthal-Figur noch vorhat. Noch so eine wirre Episode haben weder die Schauspieler Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe noch die ARD-Zuschauer verdient.

"Da hört's bei mir echt auf mit der Toleranz!", empört sich Lena am Ende über den blutigen Clash der Kulturen. Nach diesem "Tatort" möchte man ihr antworten: "Bei uns auch, Lena. Bei uns auch!"


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