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TV-Kritik "Anne Will" Der Charme der Schirme


Soll man nun, oder soll man nicht: Den Rettungsschirm erweitern? Griechenland helfen? Eine europäische Finanzpolitik einführen? Statt Antworten gab es bei "Anne Will" Anlagetipps.
Von Malte Krebs

Tja, über was könnte man an einem Mittwochabend denn mal reden? Soll sich ja nicht immer wiederholen. Mal sehen: Sonntag hatte Jauch die Kanzlerin da zum Thema "Kampf um den Euro". Montag war Plasberg dran, "Der Euro-Aufstand - Deutschland vor der Gewissensfrage?" Und nun kommt Anne Will und setzt noch einen drauf: "Die Euro-Abstimmung - Riskieren wir morgen alles?". Oh mein Gott, wird es überhaupt ein Morgen geben?

Also, riskieren wir alles, wenn der Bundestag der deutschen Beteiligung am erweiterten Euro-Rettungsschirm zustimmt? "Nein" lautet die übliche Antwort auf solch boulevardeske Echauffier-Fragen. Und "nein" sagte dann Steffen Kampeter (CDU), Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium: "Der Schutzschirm schützt Deutschland vor den Auswirkungen der Schuldenkrise". "Nein" sagte auch Klaus von Dohnanyi (SPD), ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg: "Der Fond hilft, um Zeit zu gewinnen."

Ein Slowake mimt die Gegenposition

Allgemeines aufatmen, die Welt ist gerettet, Anne Will lächelte charmant - und eigentlich hätte man jetzt den Fernseher auch ausschalten können. Wer solche Gäste hat, scheint die Suche nach Rettung bereits aufgegeben zu haben. In seiner Rolle als "Gegenposition" war der slowakische Parlamentspräsident Richard Sulik von der rechtsliberalen Partei SaS eingeladen. Er bezeichnete die Euro-Abstimmung als "teures Kaufen von Zeit", "Wahnsinn" und "perverse Solidarität". Wenn in Griechenland wenigstens eine Naturkatastrophe - ein Erdbeben zum Beispiel - passiert wäre, könne man ja über Solidarität reden. Anne Will zog eine Augenbraue hoch und spielte schnell einen Einspieler ein.

"Die Abgeordneten dürfen auf keinen Fall mit 'ja' stimmen!", forderte auch Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl. Rein zufällig saß seine Frau Dagmar Wöhrl im Publikum, ihrerseits CSU-Parlamentarierin und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, und kündigte an, bei der Euro-Abstimmung mit "ja" stimmen zu wollen. Anne Will lächelte wieder und freute sich, dass die Euro-Rettungsfront sogar mitten durch Familien geht.

Anlagetipps und Absurditäten

"Wir haben keine andere Wahl", sagte auch die Wirtschaftsjournalistin Silvia Wadhwa, "niemand weiß, was bei einer Griechenland-Pleite passieren würde". Ansonsten durfte die neben der Moderatorin einzige Frau in der Runde nur sehr wenig sagen. Doch ihr großer Auftritt kam ganz am Schluss, als sie Geld- und Anlagefragen der Zuschauer beantworten sollte: Soll man in Gold anlegen? (Nein) Soll man in Franken investieren? (Nein) Soll man in Aktien investieren? (Jein) Wie sicher ist die private Altersvorsorge angesichts der Griechenlandkrise? (Geht so) Was ist die beste Anlagestrategie? (Von allem ein bisschen).

Es war wieder eine Talkshow ohne befriedigende Antworten, dafür aber mit einem angegliederten Serviceblock mit Anlagetipps. Das ist wenig originell und angesichts der dramatischen Frage "Riskieren wir morgen alles?" reichlich absurd. Aber es ist irgendwie beruhigend, dass die meisten Zuschauer auch am Ende der Sendung nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.


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