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TV-Kritik "Maybrit Illner": Stellen Sie schon mal das Bier kalt!

Mit einem thematischen Fallrückzieher verabschiedete sich Maybrit Illner in die Sommerpause. Es ging um Fußball - in erster Linie. Aber leider auch um schöne Männerkörper und die sexuellen Vorlieben von Jogis Jungs.

Von Katharina Miklis

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

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Am Ende konnte auch sie nicht widerstehen. Maybrit Illner erliegt dem Fußball. Wochenlang hatte sie es geschafft, nicht ins allgemeine Stammtischgeplauder einzustimmen. Als Letzte hielt sie im verwässerten Talk-Tümpel die politische Fahne hoch, diskutierte zwar vor einiger Zeit über die politischen Zustände im EM-Gastgeberland Ukraine, jedoch ohne die Bolzplatz-Polemik der Kollegen. Diese sorgten dagegen mit Themen wie "Kicker, Kohle, Krawalle - Wer regiert König Fußball?" (Sandra Maischberger), "Fußballgott oder Vollpfosten - Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland?" (Anne Will) oder auch "Gewaltige Leidenschaft - Wer schützt den Fußball vor seinen Fans?" (Frank Plasberg) mehrfach dafür, dass sich der Zuschauer fragen musste: Und wer schützt den Fußball vor dem Polittalk?

Maybrit Illner dagegen ließ sich nicht beirren und hob Praxisgebühren und Fiskalpakt auf die Agenda. Bis zum Donnerstagabend: In der letzten Sendung vor der Sommerpause hielt dann auch sie dem Druck nicht mehr stand: "Deutschlands wahre Euro-Retter - Holen wir endlich den Titel?" fragt die ehemalige Sportjournalistin einen Tag vor dem Anpfiff in Polen. Und macht gleich zu Beginn klar, in welche Richtung das Niveau der Sendung gehen wird: "Haben Sie das Bier schon kaltgestellt?", fragt die Moderatorin keck und freut sich auf "blendend trainierte Ballakrobaten". Es fehlen nur die Deutschlandfarben auf ihrer Wange und die Vuvuzela an den Lippen.

Auch bei Lauf kein Selbstläufer

Den geladenen Experten indes geht es mehr ums Spiel als ums Spektakel: Deutschland wird Europameister, da sind sie sich einig. Torwart-Legende Toni Schumacher geht so weit, dass er die Nationalmannschaft mit den Brasilianern gleichsetzt: "Wenn ich das mit uns vergleiche, spielen die heute richtig guten Fußball." Die mauen Vorbereitungsspiele gegen die Schweiz oder Israel will er gar nicht ernstnehmen. Während Sport-Moderator Oliver Welke die "angebliche Todesgruppe" belächelt und voller Zuversicht auf den Titel schielt, macht "Bild"-Sportchef Alfred Draxler, Texter der Zeile "Schwarz. Rot. Geil", Jogi Löw zum Bundestrainer auf Lebenszeit, egal was passiert - "es sei denn es kommt ein Angebot von den Bayern". Hauptsache drei Wochen lang morgens aufstehen mit der Gewissheit, am Abend ein paar gute Fußballspiele zu sehen, freut sich dagegen Bayern-Fan Peter Brugger, der der WM 2006 mit seiner Band "Sportfreunde Stiller" den Song "54, 74, 90, 2010" schenkte.

Deutschland kommt also ins Finale, Jogis Jungs sind gut drauf - "Hauptsache sie haben Spaß" (Brugger) - schon nach den ersten zehn Minuten scheint alles Wesentliche zum Thema gesagt. Eine Schalte zu Michael Steinbrecher, der vor dem DFB-Quartier in Danzig steht, soll Zeit fressen. "Sind die Waden wieder heile, ist alles wieder schön?" fragt die Moderatorin. Steinbrecher kann beruhigen und gibt nach Eindrücken vom Training eine Einschätzung ab, die selbst im Sport1-"Doppelpass" verpönt gewesen wäre: "Wenn die Nationalmannschaft einen Lauf hat, kann sie Europameister werden. Aber das ist kein Selbstläufer".

Poker, Saufgelage, Sexgeschichten

Ein Selbstläufer ist dieser Abend auch nicht für Illner. Da das Gespräch nicht so richtig ins Rollen geraten will, da eh alle der gleichen Meinung sind, versucht sie sich im Boulevard. Die sexuellen Eskapaden von Profi Jerome Boateng in der Nacht vor dem Abflug, der Liebesurlaub von Schweinsteiger auf Capri - darüber will sie reden. "Bild"-Schreiber Drexler, der Mann vom Fach, mag jedoch nur schimpfen über Boatengs Hotelflirt mit Trashmodel Gina-Lisa Lohfink - auch wenn der seiner Zeitung beste Bilder geliefert hatte. Party machen bis sechs Uhr morgens? "Das ist nicht die Einstellung, die wir brauchen." Und vor allem nicht mit dieser Frau.

Poker, Saufgelage, Sexgeschichten - auch von Ex-Profi Schuhmacher hätte Illner gern Stories abseits des Spielfeldrands gehört: "Sie waren doch auch nicht nur Beckenrandschwimmer! Fehlen ihnen heute nicht die richtigen Typen?". Die Spieler von heute trauen sich nicht mehr, über die Strenge zu schlagen, weiß der Vizepräsidenten des 1. FC Köln. Zu viele Kameras seien auf sie gerichtet. Zu viele Journalisten berichteten vor Ort. Auch der Medienmann Draxler gibt zu: "Echte Skandale halten sich heute in Grenzen". Die Fußballer hätten es früher leichter gehabt, "wurden nicht gleich in die Pfanne gehauen". Welke zieht einen Strich unter die elende Diskussion um echte Typen von früher und Profi-Prinzessinnen von heute: "Wir können doch alle nicht beurteilen, ob die nicht viel männlicher sind als wir denken. Mir ist's wurscht, ob Typen dabei sind".

Die Italiener in den schönen Anzügen

Drohungen von polnischen Hooligans und das politische Desaster in der Ukraine kommen dagegen im ZDF-Talk viel zu kurz. Richtig unangenehm wird es jedoch, als Illner, ganz in Urlaubsstimmung, Sky-Moderatorin Shary Reeves nach Özil, Neuer und Co. befragt: "Als Frau schaut man ehrlich gesagt schon aufs Aussehen", gibt die Ex-"Marienhof"-Darstellerin zu, die früher selbst Profispielerin war. "Ich guck mir die Italiener am liebsten nach dem Spiel an, wenn sie ihre schönen Anzüge anhaben". Kurzes Schweigen. Da gehen selbst der sonst so souveränen Maybrit Illner die Moderationskärtchen aus.

Dass Themen abseits von Euro-Krise und Griechen-Rettung der Gastgeberin nicht geheuer sind, hatte sie unter anderem schon unter Beweis gestellt, als sie im vergangenen Jahr etwas bemüht mit Thomas Gottschalk über gute TV-Unterhaltung diskutierte. Die Stasi-Methoden der Schufa, Ethik und Erbguttest - es hätte viele Themen gegeben, die Illner am Donnerstagabend besser gestanden hätten als diese Stammtischdiskussion. Deshalb: Bitte keine thematischen Auswärtsspiele mehr.