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TV-Kritik zu Maischberger: Potpourri-Palaver über Fußballgott und die Welt

Jeder will dieser Tage über Fußball reden - auch die Altherrenrunde bei Sandra Maischberger. Die nahm die Ultras ins Visier, sprach von "faschistoiden Versammlungsritualen", Stehplatzverboten und bezeichnete sie als "Taliban der Fans".

Von Niels Kruse

Gut, reden wir also über Fußball. Zum Beispiel über die Frage, ob Profis zu viel verdienen. Messi etwa, der argentinische Superstar im Diensten des FC Barcelona, geht mit 33 Millionen im Jahr nach Hause. Eine stolze Summe, die neidisch machen könnte. Tut sie auch, aber nur in Deutschland. Das zumindest beklagt Ex-Spieler Mario Basler und bekommt Beistand vom 77-jährigen Trainer-Haudegen Udo Lattek: "Bei Maradona waren die Fans damals stolz darauf, wenn er jeden Tag mit einem anderen dicken Sportwagen vorfuhr." Außerdem, wendet Sportreporter Werner Schneyder ein, "warum soll es in freien Märkten ausgerechnet beim Fußball Gehaltsgrenzen geben?"

Tja, warum sollte es? Ist halt so, was soll man dazu schon groß sagen? Wem auch dieser Diskussionsstrang zu unbefriedigend verlief, hätte für "Menschen bei Maischberger" spätestens jetzt eine Alternative gesucht. Und sie vielleicht bei "The Big Bang Theory" auf Pro Sieben gefunden oder am besten gleich in der Lektüre des "Kickers" oder der "11 Freunde". Doch zu dem Zeitpunkt war die Sendung ohnehin schon fast zu Ende und das höhepunkt- und informationsfreie Potpourri-Geplaudere über den Fußballgott und die Welt so gut wie überstanden.

75 Minuten lang klapperte Talk-Moderatorin Sandra Maischberger so ziemlich jede Schlagzeile ab, die der Sport produziert. Aktuelle natürlich, wie die Böllerattacken und der Platzsturm beim Relegationsspiel Düsseldorf gegen Hertha. Oder die Frage nach der Qualität des Spiels von Bayern München im Champions-League-Finale. Besprochen werden mussten auch unbedingt noch die Dauerdebatten über das Fußballverhältnis zwischen Deutschland und Holland oder welche Nationalmannschaft denn nun die Beste aller Zeiten war, bis hin zu: Wie viele Freiheiten Spieler bei Turnieren brauchen oder eben, ob sie zu viel Geld verdienen.

Ihre Qualifikation? Sie ist Holländerin.

Gäste und Antworten auf dieses Themenallerlei gab es reichlich. Neben der Trainerlegende Lattek, der Lebemannlegende Basler und der Kabarettisten- und Kommentatorenlegende Schneyder lieferten auch noch Ex-Sportreporter Rolf Töpperwien, Moderator und Schalke-Fan Bernd Stelter sowie die TV-Frau Marijke Amado ("Mini Playback Show"). Die Qualifikation letzterer bestand übrigens darin, Holländerin zu sein und das WM-Finale von 1974 gesehen zu haben. Während Amado vor allem durch auffiel, dass sie ein paar Zwischenrufe die irgendetwas mit Niederlande zu tun hatten, in die Runde warf, fiel Töpperwien die Rolle des Nostalgikers zu. Weil er sowohl Ahnung von dem Sport hat, als auch Distanz dazu einnehmen kann - und zudem auf 40 Jahre Erfahrung zurückblickt, konnte er sich Sätze erlauben wie: "Das viele Geld tut dem Fußball nicht gut." Das aber war eine Äußerung, die das Diskussionsniveau aus Versehen fast auf eine interessante Höhe bugsiert hätte.

Doch dazu kam es nicht. Das war umso erschreckender, weil Maischbergers Runde bis auf die beiden Ausnahmen Stelter und Amado aus Menschen bestand, die ihr Leben dem Fußball gewidmet haben. Doch die als "Jury" vorgestellte Gästeschar brillierte außer mit einigen Andekdötchen vor allem mit Ignoranz, Vorurteilen und Unwissenheit. Besonders deutlich wurde das bei der Diskussion über die Fankultur der Ultras (das sind die, mit den riesigen Fahnen und den bengalischen Feuern).

Man muss die "Taliban der Fans", wie Maischberger sie nannte, wahrlich nicht mögen. Man muss ihnen allerdings zubilligen, dass sie nicht nur aus Krawallmachern bestehen, sondern Fans sind, die sich auch abseits der Spieltage für ihre Vereine engagieren. Vor allem aber gehören sie seit mehr als zehn Jahren zum festen Erscheinungsbild jedes Fußballclubs. Doch Lattek, Basler und Co. taten so, als seien sie die brandneueste Erfindung des Fußballteufels.

Verklärung und der Ahnungslosigkeit

Die hanebüchene Debatte gipfelte einerseits im interessanten Vergleich von Werner Schneyder, die Choreografien der Ultras seien "faschistoide Versammlungsrituale", andererseits in der einhelligen Meinung aller Diskutanten, dass es doch die beste Lösung gegen Tumulte sei, sämtliche Stehplätze in deutschen Stadien abzuschaffen. Dabei ist man sich selbst bei der konservativen und showorientierten Deutschen Fußballliga einig darüber, dass die Stehplätze den eigentlichen Reiz von Stadionbesuchen ausmachen.

Wie gut hatten es da doch die Zuschauer von "Hart aber fair" vom Vortag. Frank Plasberg hatte in seiner Sendung zum Thema "Wer schützt den Fußball vor seinen Fans?" zumindest ein paar Menschen vom Fach zu Gast. Und nicht nur eine Altherrenrunde, die saft- und kraftlos ihre Statements zu allem und nichts vor sich her kickt. In einem Punkt aber ließ sie dann doch aufhorchen: Nämlich in der gemeinschaftlichen Prophezeiung, dass Jupp Heynckes (O-Ton Lattek: "Die arme Sau") nicht mehr lange Trainer von Bayern München sein wird. Das ist demnächst doch mal einen Faktencheck Wert.