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TV-Kritik "Neo Magazin": Abschied von der "Bumsbuch-Tante"

Jan Böhmermann unterhält sein Publikum nun allein, ohne Charlotte Roche. "Neo Magazin" beginnt grandios, schwächelt dann und kriegt schließlich doch noch die Kurve: mit unglaublichen Enthüllungen.

Von Simone Deckner

Die Sendung beginnt mit einem Paukenschlag: Jan Böhmermann hockt wie ein Häufchen Elend in einer schwarzen Limousine, ignoriert von der Frau neben ihm. Sie steigt aus, TV-Kummerkastentante Domian ein, verständnisvoll wie immer: "Willst Du reden?". Böhmermann schluchzt zurück: "Nein, singen." Es folgt: ein ätzender Abgesang auf die eigene Fernseh-Vergangenheit. "Adieu, du süße Bumsbuch-Tante!". Gemeint ist natürlich Charlotte Roche. Böhmermann und sie hatten die vielgelobte Rauch- und Pöbel-Talk-Show "Roche und Böhmermann" auf ZDF Kultur moderiert. Bis sie sich überwarfen. "Muss ich solo jetzt verrecken im Entertainment-Haifischbecken?", jammert Böhmermann. Domian bläst dazu seelenvoll auf einer Panflöte. Das ist gut, richtig gut, selbstironisch und mit viel Liebe fürs Detail gemacht. Der grandiose Einspieler endet mit Markus Lanz als Gott, der die frohe Botschaft überbringt: Du kannst es auch alleine schaffen. Böhmermann beschwingt: "Keiner kennt heut’ noch Sonny, aber alle kennen Cher."

Allein in diesen ersten fünf Minuten von "Neo Magazin" steckt mehr kluger Witz als in drei Stunden Stadionkalauerei eines Mario Barth. Danach verlässt den 32-Jährigen leider erst mal der Mut. Als sei es gesetzlich für Late-Night-Shows vorgeschrieben, kaut Böhmermann wenig originell Nachrichten durch. Die NSA-Affäre etwa. "Mir scheißegal!" sagt Böhmermann. Danach kommt: nichts. Orkan Christian bläst durch Deutschland. Das nutzt Böhmermann als Vorlage für einen billigen, sexistischen Witz auf Kosten von Sylvie van der Vaart. Zuhause vorm Fernseher lacht vermutlich Pocher. Schlagerkönig Wendler hat ein klingendes Parfum auf den Markt geworfen. Man ahnt die Pointe bereits: Pffft! Weitere Sendezeit wird mit dem Herzeigen und Ausprobieren diverser "innovativer Erfindungen" vergeudet, die zum Ziel haben, Boris Becker, Stefan Raab und Lena auf die Palme zu bringen, dafür aber zu platt sind. Von 180 auf 30 km/h in zehn Minuten, autsch!

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Prism Is A Dancer

In den folgenden 20 Minuten blitzt glücklicherweise immer wieder der Witz von Doktor Naseweis auf. Etwa dann, wenn er die Zuschauer aufruft, ordentlich zu twittern. Um Spähangriffen vorzubeugen, werde der Hashtag aber bei jeder Sendung neu ausgewürfelt. "Der Hashtag heute: Knuddelbär". Später gibt Böhmermann im offenen Rüschenhemd eine denkwürdige Tanz-Performance zu Snaps Eurodisco-Hit: "Rhythm Is A Dancer" wird bei Böhmermann zu "Prism Is A Dancer."

Eigentlich lustig auch die Idee, Zuschauer herauszupicken, um sie mit ihren Internetspuren zu konfrontieren. Böhmermann fröhlich: "Wir haben unser Publikum ausspioniert." Zwei Ausgespähte nehmen die Enthüllungen ihrer Facebook-Fotos und Uralt-Profile ("Hobbies: hakke Parties und Möpse“) locker. Eine gewisse Julia nicht. Böhmermann zeigt ein grottenhässliches Bleiglasfenster, dass die peinlich Berührte online anbietet. Alle lachen, Julia schmort. Vielleicht sollte Böhmermann schon mal mit Raab telefonieren. Der hat ja ausreichend Erfahrung damit, was passiert, wenn Opfer medialer Verhohnepiepelung zurückschlagen. Stichwort: Lisa Loch.

Unfreiwillig komisch gerät der ohnehin überflüssige Auftritt von Trash-C-Promi Gina-Lisa Lohfink: Erst wird sie überschwänglich begrüßt. Dann muss sie mit Böhmermann als Hanni und Nanni-Klon in einem Einspieler durchs Studio reiten und dabei ein vermeintlich lustiges Freundinnen-Gespräch führen, das überhaupt nicht in Tritt kommt. Und danach? Ist Gina-Lisa plötzlich von der Bildfläche verschwunden, als sei sie nie da gewesen. Seltsam.

Oliver Welke entblößt Tattoo

Dafür darf Oliver Welke Fragen beantworten. Zum Beispiel die, wie er es nach eher mauen Quoten geschafft hat, zum erfolgreichen Unterhaltungs-Moderator ("heute-Show") aufzusteigen. "Einfach penetrant weitersenden", sagt Welke. Das mit der Penetranz wendet Böhmermann direkt an. Er hat von einem Tattoo des optisch eher konservativen Welke gehört. "Zeig mir deins und ich zeig dir meins!" quengelt Böhmermann. Bis Welke tatsächlich ein stattliches Oberarm-Tattoo entblößt. Und Böhmermann seinen Unterbauch, auf dem großflächig ein Triceratops prangt. Die Deutung überlassen wir Psychologen. Welke jedenfalls ist angetan: "So stelle ich mir neo vor."

Mit mehr solcher Überraschungsmomente könnte "Neo Magazin" tatsächlich künftig noch mehr Spaß machen. Ein Gast pro Sendung dürfte dafür reichen. Dafür mehr dieser grandiosen Einspieler. Dann hat "das wohl dümmste TV-Format" (Eigenwerbung) gute Chancen zum Pflichtprogramm am Donnerstagabend zu werden.