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TV-Kritik "Sonneborn rettet die Welt" Mit Pömpel gegen Bonzen


Kann ein Staubsaugervertreter-Typ die Welt retten? Martin Sonneborn, der Ex-Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic", versucht es und erklärt, warum wir im Keller alle Wodka bunkern sollten.
Von Mark Stöhr

Eigentlich hat Martin Sonneborn schon genug für uns getan. Er hat mit seiner "Partei" bei der jüngsten Bundestagswahl "Merkel ist doof"-Plakate kleben lassen und damit genau die 0,2 Prozentpunkte geholt, die der FDP am Ende fehlten. Er hat den WDR dazu gebracht, eine "Zimmer frei"-Sendung erst zu nachtschlafender Stunde auszustrahlen, weil er partout nicht mit Christine Westermann kuscheln wollte. Er hat einen Pharmalobbyisten den Job gekostet. Vor allem aber hat er bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 die Fifa-Funktionäre mit Fresskörben und Kuckucksuhren bestochen und uns das deutsche Sommermärchen beschert.

Jetzt soll Sonneborn die Welt retten. Dieser Riesenschlaks mit den knisternden Polyester-Anzügen und den klobigen, ungeputzten Schuhen. Diese Anti-Lichtgestalt. Dieser James Bond für Rückenkranke und Hämorrhoidengeplagte. Für jemanden wie ihn war der Schulsport bestimmt die Hölle und die Pubertät ein Himmelreich für Neurosen. Sonneborn wird immer wieder unterstellt, er sei lustig. Das ist ein Irrtum. Er ist ein trauriger Chronist des Irrsinns und der Dummheit. Er bietet den Leuten einen Service zur Selbstentlarvung. Das hat auch etwas Reinigendes. Sonneborn ist der Staubsaugervertreter der deutschen Satire.

Gregor Gysi unter Stress

Ist für so einen das Supermann-Shirt nicht eine Nummer zu groß? In der ersten Folge der dreiteiligen ZDFneo-Miniserie "Sonneborn rettet die Welt" stolperte der 48-Jährige durch die komplizierten Sachlagen der Finanzwelt. Den Countdown des drohenden Kollapses gab gleich zu Beginn der norwegische Zukunftsforscher Jørgen Randers vor, einer der führenden Köpfe des "Club of Rome". Nur noch die Druckmaschinen der Europäischen Zentralbank könnten den Systemabsturz verhindern: 1000 Milliarden Euro sollten an die 15 Prozent der Bevölkerung verteilt werden, die am schlechtesten dran sind. Das wäre eine gewaltige Konjunkturspritze für den Markt und ein Reboot für den kränkelnden Kapitalismus.

Was machte Sonneborn mit der Vorlage? Er verzettelte sich, sogar buchstäblich. Mit einem Stapel Zettel voller fotokopierter Hundert-Euro-Scheine schlug er im Bundestagsbüro von Gregor Gysi auf und begann sie dort aufs passende Maß zuzuschneiden. Doch so richtig mochte der Gag mit der Do-it-Yourself-Geldpolitik nicht zünden. Gysi ließ ein paar Standardstatements ab ("Die Banken müssen wieder zu Dienstleistern für die Bürger werden") und tat leidlich amüsiert, seine glänzende Stirn gab aber einen Hinweis darauf, wie sehr ihn die Anwesenheit des ZDF-Reporters stresste. Sonneborn ist ein Spezialist dafür, Politiker schlecht aussehen zu lassen, das hat er als Sidekick der "heute-show" oft genug bewiesen. Der Linken-Chef kam noch vergleichsweise gut weg.

Wie kommt ein verstopftes Klo wieder in Gang?

Das mag auch daran liegen, dass Sonneborn aus seiner Sympathie für linke Positionen nie einen Hehl gemacht hat. Sein Herz schlägt für die kleinen Leute. Bei ihnen hält er sich zurück mit seiner Spottlust. Gnadenlos gehässig wird er bei Bonzen und Yuppies. Bei einer Straßenumfrage in Berlin wollte er herausfinden, wer besser mit einem möglichen Kollaps zurecht käme - die Bewohner im piekfeinen Charlottenburg oder die im proletarischen Neukölln. Erwartungsgemäß wusste keiner der Reichen, die mit einer schon tolldreisten Offenheit ihre 3500 Euro-Kostüme zur Schau trugen und mit ihrer Villa in Dahlem angaben, wie man ein verstopftes Klo wieder in Gang bringt. Ein Neuköllner hingegen musste nicht lange überlegen: "Da muss man nur den Pömpel aus der Ecke nehmen und lospömpeln."

Und so "pömpelte" sich auch Martin Sonneborn eine halbe Stunde lang recht kurzweilig durch unser Finanzsystem, ohne allerdings irgendeine Verstopfung zu lösen. Er ist kein Welterklärer, schon gar kein Weltretter, sondern eben nur ein Satiriker. Dem Leiter eines Seminars für Spekulanten und Börsenzocker entlockte er immerhin einen Tipp, welches Produkt den höchsten Tauschwert hat, sollte tatsächlich demnächst alles zusammenbrechen und Naturalien das Geld als Währung ablösen: Es ist Wodka.


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