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TV-Kritik zu "Anne Will": Ein Euro mit vielen Nullen

"Brechen jetzt alle Dämme?" – Anne Will wollte ein bisschen Drama in die Krisenroutine bringen. Doch ihre Gäste spielten nicht mit, bis ein Wirtschaftsprofessor ein rührendes Plädoyer für Europa hielt.

Von Mark Stöhr

Wer zieht die Strippen in dieser ewigen Krise, die inzwischen zum Alltag gehört wie das Franzbrötchen morgens beim Bäcker? Der Wirtschaftswissenschaftler Max Otte glaubt es zu wissen: "Wenn Goldman Sachs das Drehbuch für diese Krise geschrieben hätte, würde es genauso laufen." Soll heißen: Die Finanzmarktakteure bestimmen den Kurs und schweben an den Rettungsschirmen in eine goldene Zukunft. Ist das jetzt populistisch? Weiß man nicht. Man weiß ja sowieso nichts.

Anne Will blätterte mal wieder die Euro-Debatte auf den Tisch, in kleinen und in großen Scheinen. Wenn das Gespräch zu detailliert und technisch wurde, schmiss sie sich in eine dramatische Pose. "Ist das das Ende der Kanzlerschaft?", rief sie dann aus oder: "Brechen jetzt alle Dämme?" oder: "Erleben wir die Dämmerung Europas?". Die Walküre Will wollte ein bisschen Wagner in das viele Kleingedruckte bringen – und erntete doch bloß das übliche Hickhack der politischen Lager.

Denn natürlich sieht ein Hermann Gröhe von der CDU die Kanzlerin keineswegs beschädigt nach dem EU-Gipfel letztes Wochenende, sondern spürt "bei den Menschen Bewunderung, wie Angela Merkel für unser Land rackert." Natürlich sieht das ein Günter Verheugen von der SPD anders und erkennt ein klares "Foul" Montis gegenüber Merkel mit dessen Spruch von der "doppelten Genugtuung" (Italien als Sieger im EM-Halbfinale und in den EU-Verhandlungen um Zugeständnisse). "Deutschland steht", so Verheugen, "im Abseits, was das internationale Spielfeld angeht." So leicht lässt sich das Berliner Tagesgeschäft nicht aus dem Rhythmus bringen.

Panisch geweitete Augen

Die Streitfrage Nummer eins, in den letzten Tagen landauf, landab schon diskutiert: Ist die Tür zur "Schuldenunion" und zu den "Eurobonds" mit den Beschlüssen von Brüssel nun aufgestoßen? Nein, auf keinen Fall, versicherte Gröhe mit panisch geweiteten Augen, als sei von der flächendeckenden Einführung der Pest die Rede. Es gäbe auch für Italien und Spanien in Zukunft nur Geld gegen Reformen. Zudem sei der direkte Zugriff der Banken auf Mittel aus dem Rettungsschirm, ohne den Umweg über die Regierungen also, erst möglich, wenn eine europäische Bankenaufsicht existiere.

Hier hakte Verheugen ein. Es gehe nicht nur um eine Bankenaufsicht, sondern in erster Linie um die Regeln, die eine solche Bankenaufsicht beaufsichtige. Er nannte Beispiele: Es dürfe keine Banken mehr geben, die zu groß seien, um sie pleite gehen lassen zu können. Zudem müssten Risikogeschäfte verboten werden, die mit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun hätten.

Der Anwalt der braven Sparer

Damit traf er voll den Nerv von Stephan Werhahn, 40 Jahre lang CDU-Mitglied und seit kurzem Funktionär der Freien Wähler, der sich als Anwalt der braven Sparer profilierte: "Wir müssen die Vorstände der Banken für ihr Verhalten persönlich haftbar machen", polterte er. Es könne nicht angehen, dass die Banker immer weitere Boni zögen und die Risiken vergesellschaftet würden. Die Debatte war im Perpetuum mobile des üblichen Banken-Bashings angelangt. Je unübersichtlicher die Lage, so scheint es, desto träger wird der Blick.

Auch Max Otte, der Wirtschaftsprofessor, glänzte nicht unbedingt mit neuen Einsichten. Er schoss noch einmal gegen Griechenland und sagte, man hätte das Land vor zwei Jahren "reorganisieren", sprich, insolvent gehen lassen sollen. Er pöbelte gegen Irland und dessen "Steuerdumping", das der deutschen Wirtschaft massiv schade ("Und denen helfen wir noch!"). Und er begrüßte es, dass große Volkswirtschaften wie Italien und Spanien bei Spar- und Reformauflagen anders angefasst würden als eben Länder wie Griechenland oder Irland.

Doch zwei Sachen musste man Otte zugutehalten: Er war der einzige in der Runde, der halbwegs ohne die enervierenden Lobbyistenreflexe auskam. Und er ließ gegen Ende zumindest kurz die Vision eines Europas aufblitzen, das nicht nur aus einem Euro mit vielen Nullen besteht. "Vielleicht müssen wir da wieder anfangen, wo wir 1952 aufgehört haben", sagte er. Bei der Vision eines föderalen Europas also mit einer gemeinsamen europäischen Verfassung. Damit erwischte er den Währungseuropäer Gröhe auf dem falschen Fuß. Der beendete die Traumeinlage schmallippig mit dem einen Satz: "Das steht jetzt nicht an."