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TV-Kritik zu "Anne Will": Humanitäres Geschwafel oder intelligenter Krieg?

"Assad lässt Kinder töten - wie lange wollen wir noch zuschauen?": Im Streit um die richtige Politik des Westens gegenüber Syrien erlebt Anne Will eine Art Sternstunde - auch wenn die Antwort auf ihre rhetorische Frage offen bleibt.

Von Jan Zier

Soll ja keiner sagen, sie traut sich nicht mehr an die großen Themen. Und macht wie etwa in der letzten Woche nur noch so Gedöns wie Fußball. Nein, diesmal ging es um die ganz großen Fragen in der Welt bei Anne Will, um Krieg und Frieden, Intervention oder Appeasement, die westliche Außenpolitik im Nahen Osten, genauer gesagt: in Syrien, jetzt, nach dem Massaker von Hula. 15 Monate dauert die jüngste Welle der Gewalt in Syrien bereits an, mehr als 10.000 Tote soll es seither gegeben haben. Die Welt hat sich daran gewöhnt.

"Die Menschlichkeit gebietet es, einzugreifen", sagt Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Uni in München. "Eine militärische Intervention wäre kontraproduktiv", sagt "Zeit"-Herausgeber Theo Sommer. "Es führt kein Weg daran vorbei", sagt der junge Kriegsreporter Julian Reichelt, der einen Einsatz der Luftwaffe gegen Syrien für nahezu "risikolos" hält. "Das humanitäre Geschwafel bin ich leid", sagt Peter Scholl-Latour, der gegen eine Intervention ist. Weil: "Was ist denn aus Lybien geworden?", fragt der 88-Jährige. "Chaos". In Afghanistan, im Irak, da hätten sie doch auch verloren, die Militärs, und in Somalia, wo sie schließlich geflohen seien.

Scholl-Latour statt Todenhöfer

Eigentlich hatte statt des journalistischen Welterklärers und ewigen Nahost-Experten mit Besserwisser-Allüren ein anderer kommen sollen: Jürgen Todenhöfer, Ex-Politiker und Ex-Manager. Todenhöfer, der einst, in den Achtzigern, der "Stahlhelmfraktion" der CDU zugerechnet und nach Verhandlungen mit Chiles Diktator Augusto Pinochet als Faschistenfreund angefeindet wurde. Der später, als er gegen die US-Kriege in Afghanistan und im Irak war, einigen als "Vulgärpazifist" galt. Und der, im letzten Jahr, als einer von wenigen vom syrischen Präsidenten Assad vorgelassen wurde und hernach für Verhandlungen mit ihm plädiert hatte. Am Ende kam er nicht zu Anne Will, wegen des arg suggestiven Titels der Sendung: "Assad lässt Kinder töten - wie lange wollen wir noch zuschauen?"

"Es fühlt sich furchtbar an, gegen eine Intervention zu sein", sagt Huberta von Voss-Wittig, Autorin und Diplomatengattin, die es stattdessen mit einer Videobotschaft an Asma Assad, der Gattin des syrischen Präsidenten versucht hat. "Wir müssen weiter verhandeln", ist ihr Credo. "Kein einziger Syrer hofft mehr auf die Hilfe von Europa", sagt stattdessen Christian Springer, der jüngst die kleine Hilfsorganisation "Orienthelfer" gegründet hat und schon mehr als 20 Mal in Syrien war. "Man muss etwas machen", sagt er fast flehentlich. Und dass es ein "Krieg um Energie" ist, der da in Syrien vonstatten geht. "Es geht um strategische Interessen", analysiert Wolffsohn, um den Iran, um den Libanon.

Was soll man den Syrern sagen: Bitte sterbt?

Nur über Baschar al-Assad, der schon seit zwölf Jahren syrischer Präsident ist, sind sich an diesem Abend alle weitgehend einig. "Er ist der größte Erpresser des Nahen Ostens", sagt Springer. "Das war sein Vater auch schon", ergänzt Scholl-Latour - Hafis al-Assad regierte Syrien von 1971 bis 2000. Wolffsohn nennt Assad junior einen "rücksichtslosen Diktator" und redet von einem "modernen, intelligenten Krieg", in diesem Falle am liebsten unter der Führung der Türkei. Wolffsohn weiß, wovon er redet, er hat in Israel selbst drei Jahre beim Militär gedient. Denn: Was soll man den Syrern sagen: "Es tut uns leid. Bitte sterbt?"

Offen bleibt die Frage, was nach den Assads kommen könnte. "Auf wen kann man denn setzen", fragt Anne Will, die sich an diesem Abend mühsam gegen ihre Gäste durchsetzen muss, allen voran den alten Peter Scholl-Latour. "Gute Frage" entgegnet der. "Wir wissen nicht, was nach Assad kommen soll", sagt Reichelt, aber dass man eben nichts unterlassen dürfe, nur weil einem nichts für die Zeit danach einfalle. Wolffsohn plädiert für eine "Föderalisierung" des Nahen Ostens. Denn die einst von westlichen Mächten künstlich geschaffenen Staaten dort - "sie haben nie die gesellschaftliche Wirklichkeit repräsentiert".