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TV-Kritik zu "Günther Jauch" Die Rente ist eine Phrase


Günther Jauch debattiert über die Rentner der Zukunft. Doch mehr als ein Aufguss von Banalem, Loriot und Norbert Blüms Weisheiten von damals ist diesmal nicht drin.
Von Jan Zier

Kann ja auch wirklich keiner wissen, wann er 65 wird. "Wie ein Fallbeil", sagt Norbert Blüm, schlägt dieser Geburtstag auf die Menschen hernieder. Mit "fast militärischer Anordnung". Und dann sind sie, nein, nicht tot, aber so ähnlich: verrentet eben. Das war doch früher auch nicht so, also: bei den Bauern! "Sachte Übergänge" müssen her, sagt Blüm, der mal Arbeits- und Sozialminister der CDU war, als der Kanzler noch Kohl hieß. Jeder, so findet der 79-jährige, jeder soll selber entscheiden, wann er Rentner wird. Und Blüm selbst macht ja auch immer noch weiter. Was er früher Politik nannte, nennt er heute Kabarett.

"Die Rentner der Zukunft – Arbeit statt Ruhestand?" fragt Günther Jauch, um dann als erstes den ewigen Loriot hervorzuzerren, "Pappa ante portas", Sie wissen schon, 1991 war das, als Blüm noch Minister war und Loriot den unzufriedenen, nervigen Vorruheständler gab. Blüm nämlich hat seinerzeit viele schon mit 58 nach Hause geschickt, weil das damals politisch opportun war. Blüms Vermächtnis für die Ewigkeit, sein Satz: "Die Rente ist sicher" wird bald 30. Laut Blüm gilt er noch immer. Und auch sonst kommt die Debatte an diesem Abend kaum über solche bekannten Phrasen hinaus.

Die Rente mit 63

Natürlich fängt alles mit den Rentenplänen der Großen Koalition an, mit der Idee also, dass Menschen mit 63 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen dürfen, wenn sie schon 45 Jahre gearbeitet haben. 200.000 Arbeitnehmer könnten das in diesem Jahr sein. SPD-Mann Ralf Stegner, eine talkshowpolitische Allzweckwaffe, darf das einmal mehr verteidigen, natürlich nicht ohne den ebenso sozialdemokratischen wie pathetischen Verweis auf den Steinsetzer, den Dachdecker, den "Respekt vor der Lebensleistung" dieser Menschen. Dass die meisten Dachdecker, Maler und Maurer schon weit diesseits der 60 in Rente sind – egal.

Auf der anderen Seite präsentiert Jauch einen Schlosser, der nun, eben mit 65, von Siemens nach Hause geschickt wurde, dafür 1600 Euro bekommt und doch "frustriert" ist, weil er nach 50 Jahren nicht mehr in seinem alten Job arbeiten darf. Aber auch sonst nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß. Er ist einer derer, für die Blüm die "absolute Freiheit" fordert. Also: Solange das Rentenniveau "anständig" ist. Lieber reich und gesund als arm und krank. Je weniger einer verdient, je weniger Wahlmöglichkeiten hat er, wann er in Rente geht, weiß Blüm. Wer hätte das gedacht?

Auch Stegner will irgendwie, dass die Menschen länger arbeiten dürfen, wenn sie denn wollen. Und es nicht aus purer Not tun, aus Armut. Denn von solchen Menschen soll an diesem Abend nur am Rande die Rede sein. Und Stegner sagt: Die Menschen können das auch, wenn sie es denn wollen, der Gesetzgeber hindert sie nicht. Die Arbeitgeber sind schuld, findet Stegner. Die Alten sollen ruhig weiter arbeiten, sagt auch Herbert Walter, der früher mal Chef der Dresdner Bank war. Nur eben für weniger Geld und prekärer beschäftigt. Herr Walter ist auch sonst für "Effizienzsteigerung" und "weitsichtigere Politik", weswegen er so einen staatlich subventionierten Vorruhestand wie damals bei Blüm heute doch auch wieder ganz fände: Bis 2030 könnten nämlich von den heute 36.000 Filialen seiner früheren Bank mehr als 20.000 geschlossen werden, wegen des Online-Bankings. Soviel zur Frage: "Arbeit statt Ruhestand".

"Die Alten sind nicht nur Ballast"

"Die Alten sind nicht nur Ballast", sagt Blüm dann noch, und die Journalistin Margaret Heckel sagt das auch. Die hat nämlich ein Buch geschrieben, nachdem die von ihre mitgegründete "Financial Times Deutschland" eingestellt wurde: "Aus Erfahrung gut: Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern." Es sei völlig falsch, anzunehmen, dass die Menschen mit 65 nicht mehr so könnten wie früher, sagt Heckel. Und auch völlig falsch, dass sie den jungen den Job wegnehmen. Sie müssten eben nur wert geschätzt werden. Und teurer bezahlt als junge.

Rente? Ja, schon - aber reicht das am Ende noch zum Leben, fragt da die frisch volontierte Journalistenkollegin Jasmin Buck, 27. Aber diese Frage interessiert in der Runde nicht so. Jene, die dort sitzen, betrifft sie auch nicht. Lieber hört Jauch den Blüm nochmal den alten Satz sagen. Sie wissen schon. Und damit zurück zum Phrasenschwein.


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