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Früherer Arbeits- und Sozialminister : Alte Bundesrepublik, Resopaltisch, Betriebsrats-Du und drei Bier – ein Nachruf auf Norbert Blüm

Norbert Blüm, der Herz-Jesu-Marxist, ein Christdemokrat im besten Sinne des Wortes. Nun ist er tot. Was soll ich sagen? Machen wir es kurz: Ich habe ihn immer gemocht. Ein sehr persönlicher Nachruf von stern-Autor Tilman Gerwien.

CDU-Politiker Norbert Blüm ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Das letzte Mal, dass ich ihn sah, ist schon ein paar Jahre her. Rückblickend muss ich sagen: Eigentlich ist es viel zu viele Jahre her. Ich schrieb damals an einem Porträt über Ursula von der Leyen, sie war Familienministerin und mit Elterngeld und Krippenausbau so etwas wie der neue Shooting-Star der durchmodernisierten Merkel-CDU.

Blüm wollte an jenem Tag von Berlin aus zurück in seine rheinische Heimat fliegen und hatte eigentlich keine Zeit. Ich fing ihn ab im Regierungsviertel. Er sagte: "Los, steigen Sie mit ins Taxi!" Schon die Fahrt zum Flughafen Tegel wurde sehr bereichernd. Sie war nicht besonders lang. Aber Norbert Blüm war ja ein Meister der kurzen Sätze.

Ab dem dritten Bier waren wir beim Du

Er sprach über sein Familienbild und das von Ursula von der Leyen, über sein Leben und Leiden mit der CDU. Auch über seine Einsamkeit in der Merkel-Partei, die ja seine Heimat war, ihm aber immer fremder wurde. Am Flughafen erfuhren wir, dass sein Flug Verspätung hatte. Für Norbert Blüm war völlig klar, dass man die Wartezeit mit sehr vielen "Warsteiner" vom Fass zu überbrücken hatte.

Ab dem dritten duzte er mich, natürlich waren wir jetzt nicht befreundet. Es war eher so ein schönes, warmes Betriebsrats-Du, es klang nach Resopaltisch und alter Bundesrepublik, ich konnte verstehen, dass er Sehnsucht hatte. Nach der alten Zeit, und, na klar: Auch nach der Zeit, in der er, der kleine kugelrunde Mann, mal richtig groß gewesen war. Die Zeit, in der "die Rennde" noch "sischer" war.

Norbert Blüm

Bonn, 21. April 1986, ein Auftritt aus der alten Bundesrepublik: Norbert Blüm plaktiert sein berühmtestes Versprechen, dass nämlich "die Rente sicher" sei

DPA

Blüm war ein Mann der Bonner Republik, mit der Berliner fremdelte er erkennbar, wobei zu erwähnen ist, dass die Fremdheit sich mit jedem "Warsteiner" in der Wartehalle von Tegel noch steigerte. Nein, er wollte das alles nicht: Familien, die mit Vollerwerbsterror durchorganisiert werden wie kleine Management-Einheiten. Kinder, die, wie es SPD-Politikerinnen gerne formulierten, am besten bei den "Profis" in der staatlichen Betreuungsindustrie aufgehoben seien - und nicht bei Mama oder Papa, die diese Sozialdemokratinnen folgerichtig wohl für Amateure hielten.

Blüm erkannte, was dahintersteckt: Nicht in erster Linie Sorge ums Kindeswohl oder das Glück der Eltern - sondern schnöde, kapitalistische Verwertungsinteressen an arbeitsmarktkompatiblen Familien.

Er wollte nicht, dass die Familien abgeräumt werden

Da konnte er nicht mit, so sozialkatholisch und Herz-Jesu-Marxistisch, wie er nun mal war und auch bleiben wollte. Man könnte auch sagen: So christdemokratisch wie er nun mal war, im besten Sinne des Wortes. Er wollte nicht, dass die Familien abgeräumt werden, er wollte auch nicht, dass anderes abgeräumt wird, was seine westdeutsche Heimat immer ausgemacht hatte: Die beitragsfinanzierte Krankenversicherung, in der Gesunde solidarisch für die Kranken einstehen und Einkommensstarke mehr zahlen als Einkommensschwache. Oder die Rentenversicherung, die immer mehr zu einem Instrument netter sozialpolitischer Umverteilungsgeschenke zu werden drohte, obwohl sie für ihn doch vor allem eine Versicherung war, wo diejenigen, die fleißig eingezahlt hatten, eben mehr herausbekommen sollten als diejenigen, die das - aus welchen Gründen auch immer - nicht getan hatten.

Bedingungsloses Grundeinkommen? Für Blüm neu-grüner Schwachsinn. Er war nicht im Uni-Hörsaal, sondern bei Opel in Rüsselsheim am Band sozialisiert worden. Klare Sache also: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen - ist von "Münte", ich weiß, aber der tickt ja ähnlich. Ausnahmen? Ja, wenn einer unverschuldet in Not gerät. Dann wird natürlich geholfen. Aber eben auch nur dann. Nicht arbeiten als Lebensform? Undenkbar.

Neoliberale CDU? Ohne Norbert Blüm

Gegen Angela Merkels Versuch, die CDU mit Kopfpauschale und Bierdeckel-Steuerreform auf neoliberal zu trimmen, hat er gekämpft, mit heiligem Ernst - und gemeinsam mit seinem CSU-Freund Horst Seehofer. Unvergessen der Leipziger Parteitag der CDU 2003. Ganz allein saß er in der zweiten Tischreihe, während sich Kameras und Parteifreunde in Rudeln um den "Wirtschaftsexperten" Friedrich Merz und die Vorsitzende Angela Merkel drängten.

Er war völlig isoliert, wurde allenfalls noch als Fossil einer längst vergangenen Zeit bestaunt, letztlich aber doch: verletzt und gedemütigt von seiner Partei zurückgelassen, die ihr Heil darin zu sehen glaubte, den schneidigen Schnöseln von der FDP hinterher zu laufen. Und dabei ihre Wurzeln vergaß, die allemal mehr im Kolping-Haus liegen als im Club der Rotarier. Später wurde die "Kopfpauschale" politisch mehr oder weniger diskret entsorgt, Angela Merkel möchte darauf heute nicht mehr so gerne angesprochen werden.

Seinen späten Triumph genoss er im Stillen

Norbert Blüm aber hatte all das nicht vergessen. Er bewahrte es in seinem Herzen, ohne dabei bitter zu werden. Seinen späten Triumph genoss er im Stillen. Auch das ist eine hohe Kunst.

Einer also aus der gemütlichen alten Bundesrepublik, geprägt durch die Welt der Werkbänke und Betriebsräte. Sehr sozial. Sehr katholisch. Sehr CDU. Einer, der mit einfachen Begriffen und einfachen Bildern arbeitete. Einer, dem man auf die Schulter klopfen konnte, ohne, dass es peinlich oder anbiedernd gewesen wäre. Einer, der nicht nur in einer Volkspartei war, sondern Volkspartei lebte. Einer, der in der kalten Welt der neoliberalen Ichlinge und Selbstverwirklicher für sich keinen Platz finden konnte und wollte. Nahbar. Und nah bei dem, was die ganz normalen Leute an ganz normalen Sorgen so mit sich herumschleppen. Das Haus muss abbezahlt werden, Oma braucht einen guten Platz im Pflegeheim, bei der Arbeit gibt's Ärger, was macht eigentlich der Betriebsrat?

Also: einer, der jetzt fehlt. Es ist wirklich schade um die vielen gemeinsamen Biere, die nun ungetrunken bleiben.