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"Markus Lanz" Bittere Bilanz für die Bundesregierung – und ein Unions-Mantra beim Thema Afghanistan

Markus Lanz mit seinen Gästen Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Tilman Kuban, Marcus Grotian und Gerald Knaus
Markus Lanz (links außen) mit seinen Gästen Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Tilman Kuban, Marcus Grotian und Gerald Knaus (von links nach rechts)
© Screenshot ZDF
Als Lanz gestern mit seinen Gästen talkte, wussten die noch nichts von den Terroranschlägen in Kabul. Erschütternde Momente gab es trotzdem. Ein Bundeswehrsoldat zog eine bittere Bilanz. Seine Warnungen seien ignoriert worden, die Kanzlerin hätte auf fünf Briefe nicht ein einziges Mal geantwortet.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wenn Maybrit Illner ihren Donnerstag-Talk abmoderiert und an "meinen Kollegen Markus Lanz" übergibt, sagt sie oft: "Der steht schon in den Startlöchern." Das vermittelt dem Zuschauer, dass Lanz und seine Gäste live vor Ort sitzen und nur darauf warten, endlich beginnen zu können. Ein Irrtum! Die Folgen werden bereits nachmittags aufgezeichnet, und so liegen um die sieben, acht Stunden dazwischen, bis die Sendung über den Bildschirm flimmert. Ob das noch zeitgemäß ist bei einer Talkshow, die ihren Schwerpunkt inzwischen stark auf Politik gelegt hat, muss gefragt werden. Denn schon bei seinen Corona-Talks hinkte der Moderator mintunter den neuesten Beschlüssen der Bundesregierung hinterher. Besonders deutlich wurde die Krux mit der Zeitverzögerung bei der gestrigen Debatte über die Lage in Afghanistan. Dass vor dem Ende der internationalen Evakuierungsmission die Lage in Kabul durch die Angriffe von zwei Selbstmordattentätern und weitere Schießereien massiv eskalierte, mit inzwischen mindestens 73 Toten und 140 Verletzten, beherrschte seit den späteren Nachmittagsstunden Schlagzeile um Schlagzeile – doch bei Lanz darüber, aus genannten Gründen, kein Wort. So wirkte der Talk trotz der wichtigen Punkte, die verhandelt wurden, seltsam verrutscht. Für die nächtlichen Zuschauer wurde denn auch die Information eingeblendet: "Die Sendung wurde vor der Attentaten in Kabul aufgezeichnet."

Menschen rausholen: ja. Aber wie?

Die Gäste des Talks in alphabetischer Reihenfolge:

  • Marcus Grotian, Bundeswehrsoldat
  • Gerald Knaus, Soziologe
  • Tilman Kuban, CDU, Vorsitzender der Jungen Union
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Verteidigungspolitikerin

Die Gäste waren sich einig, dass man die bedrohten Menschen in Afghanistan, vor allem die, die als Ortskräfte für die Bundesregierung gearbeitet haben, mitsamt ihren Familien, retten müsse. Mehrmals fielen Sätze wie: "Wir müssen alles dafür tun, dass wir die da rausholen." Die Frage ist nur: wie? Zig westliche Staaten haben ihre Rettungseinsätze abgeschlossen. Auch die Bundeswehr war am gestrigen Donnerstag zu ihren letzten Evakuierungsflügen aufgebrochen – die letzte Maschine mit Schutzsuchenden und Soldaten an Bord hat Kabul inzwischen verlassen. "Wir beenden die Luftbrücke mit dem heutigen Tag", verkündete Angela Merkel nach den Anschlägen. Zehntausende Menschen seien bereits in Sicherheit. Alle anderen würden nicht vergessen: "Wir werden uns weiter um ihre Ausreise bemühen." Doch auch davon wussten die Lanz-Gäste natürlich zu diesem Zeitpunkt nichts.

Allein: Kann man dieser Zusicherung der Bundeskanzlerin trauen? Marcus Grotian hat ohnehin jede Hoffnung in die Bundesregierung verloren. Seine große Enttäuschung war während des Talks deutlich zu spüren. Bereits am Dienstag hatte der Bundeswehrsoldat, der unter anderem sieben Monate in Afghanistan im Einsatz war, seine Betroffenheit in der Bundespressekonferenz offen gezeigt, indem er über moralische Verletzung sprach: "Wir sind nicht vom Vorgehen der Taliban verletzt, wir sind von der eigenen Regierung verletzt, und das ist beschämend." Marie-Agnes Strack-Zimmermann bekräftigte: "Die Kanzlerin hat sich nie für Afghanistan interessiert." Auch sonst sei sie, wenn sie das Thema in die Diskussion brachte und entsprechend warnte, mit Desinteresse konfrontiert worden. "Das Tragische ist, dass das eine Regierung ist, die nicht zuhört, was die Opposition anbietet." Insbesondere bei Entwicklungsminister Gerd Müller und Innenminister Horst Seehofer rannte sie wohl gegen Wände. Es sei, wie sie sagte, deutlich geworden, dass die beiden verhindern wollten, dass im Bundestagswahlkampf das Thema Flüchtlinge auftauche.

Kanzlerin hat Briefe mit Warnungen nicht beantwortet

Grotian engagiert sich als Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte und hilft mit seinem Team so gut er kann. Er berichtete davon, dass die meisten Menschen nicht mehr nach Hause könnten, weil dort ihre Mörder warten. "Ich sehe Videos, wie Menschen umgebracht werden." Auch wenn keine Flieger mehr abheben würden, "werden wir vor Ort sein und mit unserem Verein Hilfsbedürftige unterstützen." Es gehe darum, etwas zu tun. Ganz konkret. Auch hier adressierte er eine nächste Kritik in Richtung Regierung: "Ich habe an vielen Stellen keine Handlungen gesehen." Mit der "irren Idee", dass der Verein helfen könne , habe er, wie er erzählte bereits im Juni 2021 bis hinein in den Juli fünf Briefe an die Kanzlerin geschrieben. Mit entsprechenden Vorschlägen. Und mit der Warnung, dass die Lage vor Ort eskalieren würde. Aber kein Brief sei beantwortet worden. Lanz fassungslos: "Die Kanzlerin hat nicht geantwortet?" Grotian: "Bis heute nicht."

Als die Rede auf die bürokratischen Hürden kam, war der Moderator erneut fassungslos. Laut Grotian sei nicht ein einziges Visum für die Personen, die seit Mitte Juni visaberechtigt seien, bearbeitet worden. Die Dauer betrage in der Regel vier bis sechs Wochen. In kriegsähnlichen Zuständen sollte aber, so der Soldat weiter, nur eines zählen: die Menschen in Sicherheit zu bringen. Doch ob Menschen in einer Notlage sind und daher ein Visum bräuchten, liegt nicht in ihrem Ermessen. "Das sind Zuständige in Behörden, die darüber entscheiden, ob jemand in Afghanistan in Gefahr ist", erklärte Grotian.

Evakuierung aus Kabul: Reza Payam berichtet von der dramatischen Rettungsaktion

Kuban bleibt bei: "2015 darf sich nicht wiederholen"

Gespannt darf man sein, wann bei Lanz endlich ein Unionspolitiker sitzt, der die Größe hat, sich zu seiner Verantwortlichkeit zu bekennen – und zu dem, was in Sachen Afghanistan falsch gelaufen ist. Am Vortag hatte sich der CSU-Politiker Markus Blume beim Lanz-Talk selbst von allen potenziellen Verfehlungen freigesprochen – und seine Parteikollegen mit dazu. Selbstreflexion hatte auch Tilman Kuban nicht mitgebracht. Auch wenn er selbst nicht in der Regierung sitzt, so sprach Lanz ihn stellvertretend für seine Partei an. Annegret Kramp-Karrenbauer habe doch angekündigt, sie würde ihren Kopf hinhalten, meinte Kuban nur. Lanz zählte die vielen Vorwarnungen auf, die es gegeben habe und fragte: "Wenn alle das wussten, warum wusste das der deutsche Innenminister nicht?"

 Kuban wich lieber auf das Unions-Mantra – Robin Alexander nannte es in der gestrigen Sendung "psychotherapeutisch" – aus: "2015 darf sich nicht wiederholen." Es dürfe keine Unkontrolliertheit im Land geben und keine Schlangen an deutschen Außengrenzen und keine Gefährder, die "mit 14 Identitäten durchs Land laufen." Gemeint ist der Attentäter Anis Amri. Gegen die Parallele zu 2015 verwehrte sich der Moderator energisch: "Das ist etwas komplett anderes jetzt." Kuban blieb trotzdem dabei. Lanz legte nach: "Wieso dieser Vergleich?" Die Ortskräfte in Afghanistan seien keine Flüchtlinge, sondern "unsere Partner": "Wir haben mit denen zusammengearbeitet, wir müssen die da rausholen."

rw

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