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TV-Kritik zu "Maybrit Illner" Polit-Gockel im wüsten Hahnenkampf


Der letzte ernstzunehmende Polittalk im Fernsehen: Während die Kollegen sich Baumärkten und Schicksalsschlägen widmen, kümmerte sich Maybrit Illner um die Gefahren der Eurokrise.
Von Christoph Forsthoff

Eine Frauenquote für Talkshows! Brecht endlich die männliche Übermacht in den Diskussionsrunden für ein höheres Niveau der Streit-Kultur! Unglaublich, wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel da bei Maybrit Illner jedem zweiten Redner ins Wort fiel, um seine Worthülsen von Wachstum, Beschäftigung und Finanzmarktregulierung als vermeintliche Rezepte gegen die diskutierte "Rückkehr der Eurokrise" ständig zu wiederholen.

Nicht ganz so unhöflich, doch dafür immer wieder dreist an den Fragen der Moderatorin vorbei antwortend: sein CDU-Kollege Steffen Kampeter, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Und auch Jürgen Stark fiel mit zunehmendem Verlauf immer häufiger den anderen ins Wort - und obendrein verfiel der Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank nur zu gern ins Dozieren.

Selbstverliebte Polit-Machos

Kein Wunder, dass Illner angesichts solcher selbstverliebter (Polit-)Gockel nicht nur große Mühe hatte, eine konstruktive Auseinandersetzung aufzubauen, sondern vor allem ihr dramaturgisches Konzept durchzuziehen. Die anderen ausreden lassen konnte in dieser Gästeschar nämlich nur einer - pardon, eine: Beatrice Weder di Mauro, bis Februar eine der "Wirtschaftsweisen". Obendrein antwortete die Ökonomin tatsächlich auch auf die ihr gestellten Fragen - eine Fähigkeit, die jeder sogenannte Spitzenpolitiker zumindest in der Öffentlichkeit längst abgelegt hat. Nein, keineswegs handele es sich bei dem Konsolidierungskurs um ein "Spardiktat aus Berlin", stellte die 46-Jährige mit Blick auf das Thema der Sendung fest, ob der zunehmende Protest der Bürger in Europa das "Aus für Merkels Spardiktat" bedeute: "Letztlich geht das aus von den Märkten und den Anlegern, die die Kreditwürdigkeit in Frage stellen" - allerdings forderten diese einfach zu viele und zu schnelle Veränderungen.

Finanzexperte Dirk Müller sah das grundlegende Problem hingegen schon in der Anlage des Euro: Es sei schlicht völlig naiv gewesen zu glauben, dass man Spanien, Portugal oder Griechenland durch den Euro auf ein Leistungsniveau wie in Deutschland bringen könne. Der Euro sei eine viel zu starke Währung für deren schwache Leistungsfähigkeit, deshalb könne diesen Staaten keine vernünftige Haushaltsführung gelingen.

Große Koalition wirft im TV-Studio ihre Schatten voraus

Einer der Diskussionspunkte, wo sich übrigens bereits wieder eine Große Koalition abzeichnete - auch wenn Gabriel hier mit Blick auf Europa mehr den klassenkämpferischen Aspekt betonte ("ganz viele haben verloren, einer hat gewonnen: das sind wir"), während Kampeter die Notwendigkeit einer Vereinbarung von Konsolidierung und Wachstumsförderung betonte. Doch während Stark für diese "Explosion des Schuldenstandes" in den EU-Ländern auf mittlerweile durchschnittlich 85 Prozent noch einmal expliziert die "Dummheit der Regierenden" hervorhob, suchte Müller lieber nach Lösungen: Zwei Möglichkeiten gebe es jetzt, so der Unternehmer - entweder zurück zur Europäischen Union, wo jeder sein (Währungs-)Ding mache oder aber die politische "Liebesheirat" zu den "Vereinigten Staaten von Europa"

Lösungsvorschlag einer Ex-Wirtschaftsweisin

Ohnehin war es wieder einmal der TV-erprobte "Mr. Dax", der mit ebenso plakativen wie eindrucksvollen Zahlen und Fakten aufzutrumpfen wusste: So thematisierte Müller etwa die Frage nach der Gesamtverschuldung eines Landes (öffentliche Etats, Bürger und Unternehmen), nach der heute in jedem deutschen Haushalt 40 Prozent des Einkommens für Zinsen draufgehen - in den 50er Jahren waren es gerade einmal zehn Prozent gewesen. Oder zeigte auf, dass Großbritannien hier trotz einer Gesamtverschuldung von 500 Prozent im Gegensatz zu Spanien mit 370 Prozent von den Ratingagenturen immer noch mit der Bestnote bewertet werde - weil Großbritannien keinen Euro und damit in der Krise die Chance zur Währungsabwertung habe.

Und irgendwie gelang es Illner dann am Ende trotz aller verbalen Rangeleien auch noch einen Lösungsvorschlag zu entwickeln - oder vielmehr ihrem einzigen weiblichen Gast: Weder di Mauro plädierte nämlich für einen Schuldentilgungspakt. Danach würden alle Euro-Länder ihre Schulden jenseits der Maastricht-Grenze von 60 Prozent ihres BIP in einen Tilgungsfonds mit gemeinsamer Haftung auslagern - der dann gemeinsam abzutragen wäre. Keine ganz neue Idee, doch allemal nachhaltiger als Schlagworte und Hahnenkämpfe.

Christoph Forsthoff

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